Dienstag , 29. November 2022
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Auf der Bühne der Montagsdemos: Konrad Nestle tritt für die Beibehaltung des Stuttgarter Kopfbahnhofs ein. Quelle: Ulli Fetzer

Konrad Nestle und die „Stuttgart 21″-Proteste: „Nie wurde Gewalt propagiert“

„Die Polizisten drückten und wir drückten dagegen“, erinnert sich Konrad Nestle an den Polizeieinsatz vom „Schwarzen Donnerstag“. An diesem Tag, dem 30. September 2010, war die Auseinandersetzung um das Bahnprojekt „Stuttgart 21″ eskaliert. „Ich sagte zu einem der Beamten: ‚Es gibt eine Linie vom ordentlichen Polizisten zum KZ-Aufseher‘. Der antwortete: ‚Passen Sie auf, was Sie sagen.“ Dann saß ich auf dem Boden und sah plötzlich nichts mehr. Die Kollegen um mich herum hatten kaum Reizgas abbekommen. Ich schon. Ich dachte: ,Der hat meine Sätze übel genommen‘. Ob er das aber tatsächlich gewesen war? Beweisen kann ich das nicht.“

Nestles erster Protest: Der Besuch des Schahs von Persien

Der heute 79-jährige ehemalige Gymnasiallehrer Nestle hatte schon als Student am 2. Juni 1967 gegen den Besuch des Schahs von Persien in der Bundesrepublik protestiert – wegen der Menschenrechtsverletzungen im Iran. In den USA, wo er vier Jahre lebte, nahm Nestle an Friedensdemos gegen den Vietnam-Krieg teil.

Nestle war Teil der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraft-Bewegung. Dabei immer und überall pazifistisch und unbestechlich: „Bei einer Kundgebung über die Unterdrückung der Kurden habe ich zum Missvergnügen der militanten kurdischen Vertreter, aus denen später die PKK wurde, über soziale Verteidigung geredet“, sagt Nestle.

Tunnel hält Nestle für „ewige Baustellen“

Nestles Interesse am Hauptbahnhof in der baden-württembergischen Landeshauptstadt reicht bis Mitte der Neunzigerjahre zurück, als sich nach der Bekanntgabe von „Stuttgart 21″ erste Protestbündnisse formierten. Das Projekt kam ihm dabei vor allem verkehrstechnisch unsinnig vor. Dass man an einem achtgleisigen Tiefbahnhof mehr Züge abfertigen können sollte als an einem 17-gleisigen Kopfbahnhof, leuchtet Nestle bis heute nicht ein. „Und je mehr Tunnel, desto höher der Gewinn: ewige Baustellen.“

Der Schutz der Bäume im Schlosspark war ihm ebenfalls wichtig. Und über die demokratischen Defizite der Volksabstimmung 2011 kann er sich heute noch ereifern. Man habe sich für den Fall einer Ablehnung der Weiterfinanzierung von „Stuttgart 21″ durch die Bürgerinnen und Bürger ein Hintertürchen eingebaut. Die Formulierung der Abstimmungsfrage hätte es erlaubt, hinterher sagen zu können: „Hoppla, das sind jetzt aber Verträge, die man gar nicht mehr kündigen kann. Sorry.“

„Stuttgart 21″-Proteste: „Man bekam eine Rechnung von 80 Euro fürs Weggetragen-Worden-Sein“

Als die Demonstrationen zu „Stuttgart 21″ begannen, war man nicht einfach auf Krawall gebürstet, sondern prinzipiell dialogbereit. „Nie wurde Gewalt gegen Sachen propagiert und schon gar nicht Gewalt gegen Polizisten“, erinnert sich Nestle. Es sollten aber nicht bloß „Latschdemos“ sein. Einhaken, Unterhaken, Sich-Wegtragen-Lassen: Zeitweilig habe man dafür eine Gebühr verpasst bekommen. „Man bekam eine Rechnung von 80 Euro fürs Weggetragen-Worden-Sein. Die habe ich einmal in Miniraten bezahlt und einmal in Raten zu 21 Cent.“ Er lacht leise.

Nachdem er am „Schwarzen Donnerstag“ seine Augen wegen des Tränengases mit Watte und Wasser gereinigt hatte, sei er gegangen, sagt Nestle. „Ich war durch. Ich hoffte, es kämen andere nach. Heute verstehe ich nicht, dass ich da so pragmatisch war. Andere konnten die ganze Nacht nicht schlafen.“

Ein mysteriöser Haufen Pflastersteine am Biergarten

Beim alten Biergarten im Schlosspark habe er einen Haufen kleiner Pflastersteine gesehen, aber keine zugehörige Baustelle. „Kann schon sein, dass die von irgendeiner Arbeit liegen geblieben sind und ich habe nur nicht genau hingeguckt. Und erst einmal dachte ich mir gar nicht viel dabei. Seltsam war nur, dass der damalige Innenminister noch in derselben Nacht von Steinwürfen gegen Polizisten erzählte, was er ganz schnell wieder zurücknehmen musste, weil es keine gab.“

Auch hier könne er natürlich nichts beweisen. „Da mögen manche jetzt sagen: ‚alter Verschwörungstheoretiker‘. Aber ich war in der Schule im Personalrat, und weiß, dass ohne Verschwörung keine A14-Stelle ausgeschrieben wird. Verschwörungen sind überall.“ Er lacht wieder. Tatsächlich seien an dem Tag seitens der Demonstranten nur ein paar Kastanien geflogen.

Konrad Nestle kann sich einen Kompromiss vorstellen

Wie der Kampf um „Stuttgart 21″ wohl ausgeht zwischen den Projektträgern, die Ende 2025 endgültig starten wollen, und den Aktivisten, die dem Ganzen immer noch ein Ende bereiten wollen? Nestle, der dem „Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21″-Mitglied „Mahnwache“ angehört, kann sich einen gesichtswahrenden Kompromiss vorstellen, bei dem die Bahn auch den Kopfbahnhof weiter nutzen wird.

Von Matthias Halbig/RND