Freitag , 2. Dezember 2022
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Hat Wladimir Putin noch ein Ass im Ärmel? Quelle: Getty Images/iStockphoto

Pokerexperte: „Putin ist kein guter Bluffer“

Herr Kalhamer, als Präsident des Deutschen Poker Sportbundes und früherer Poker-Europameister: Glauben Sie, dass Wladimir Putin ein guter Pokerspieler wäre? Kann er gut bluffen?

Ich glaube, dass Putin sehr viele Charaktereigenschaften eines guten Pokerspielers mitbringt. Er wirkt nüchtern und kann sich sicher gut vorstellen, wie die Welt aus Sicht von anderen Menschen aussieht. Viele Spieler geben einen möglichen strategischen Vorteil leichtfertig aus der Hand, weil sie davon ausgehen, dass der Gegner deine offene Flanke genauso gut kennt wie du. Das tut er aber nicht. Für Putin dürfte es auch aufgrund seiner KGB-Vergangenheit eine ziemlich natürliche Sache sein, die jeweilige subjektive Wahrnehmung der anderen zu erkennen. In diesem Feld ist er sicher stark. Als Krankheitsbild müsste man wohl von Schizophrenie sprechen. Positiv ausgedrückt ist er fähig zum Perspektivwechsel. Das ist es auch, was ein gutes Pokerspiel ausmacht: dass ein und dieselbe Spielsituation aus Sicht des anderen Spielers völlig anders aussehen kann. Im Poker geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, das Wissen über andere für den eigenen Vorteil zu nutzen.

Putin hat wiederholt indirekt mit dem Einsatz von Atomwaffen im Krieg gegen die Ukraine gedroht und gesagt: „Das ist kein Bluff.“ Wie ist das beim Poker: Wenn einer sagt, er bluffe nicht – blufft er dann nicht ziemlich sicher?

So ist es. Spieltheoretisch ist der Fall geradezu trivial: Ob Sie ein Geiselnehmer sind oder mit dem roten Atomknopf drohen – Sie befinden sich in einer Pattsituation. Um ihre Machtposition zu behalten, dürfen Sie eines unter keinen Umständen tun: Ihre Geisel erschießen beziehungsweise den roten Knopf tatsächlich auch drücken. Der Drohende und der Bedrohte sind nur so lange in einer vermeintlich aussichtsreichen Machtposition auf Augenhöhe, wie niemand tatsächlich handelt. Im Grunde bluffen beide. Der eine zittert zwar mehr und der andere droht mehr. Putin spielt mit einer Gefahr, die der Westen durch James-Bond-Filme und andere Werke in unser aller Köpfe gepflanzt hat. Aber beide wissen: Es darf den Showdown nicht geben, denn sonst steht hier keiner mehr lebendig auf.

Das heißt: Putins Satz ist eher eine Rückversicherung für den Westen, dass hier einer zockt, aber eigentlich weiß, dass er kein gutes Blatt hat?

Ich sehe seine Äußerung jedenfalls eher als Zeichen einer Schwäche. Ich habe andere Vorstellungen von Souveränität. Wenn ich klug bin, sage ich nicht „Wissen Sie was? Ich bin sehr klug“. Wenn ich reich bin, wedele ich nicht mit meinem Kontoauszug herum. Das machen nur die Neureichen. Wenn ich Poker spiele, versuche ich den Eindruck zu erwecken, ich sei ein Typ, der niemals flunkern würde, der grundehrlich und seriös und nicht übermäßig gierig ist, und dass hinter allem, was ich tue, Substanz steckt. Denn dann werde ich ab und zu ein Spiel gewinnen, ohne dass groß kontrolliert wird, ob ich jetzt bluffe oder nicht. Es nützt einem am Ende mehr.

Putins Satz „Das ist kein Bluff“ ist also kein guter Bluff. Wie funktioniert denn ein guter Bluff?

Wichtig sind gutes Timing und gute Planung. Es gibt Situationen im Spiel, da ist ein Bluff geradezu erwartbar, und jeder, der schon mal beim „Komödienstadl“ zugeschaut hat, kann das nachspielen. Davor habe ich wenig Respekt. Wenn aber ein Gegner in einer einzigartigen Situation eine Aktion mit einer gewissen Handlungsschnelligkeit ganz spontan und natürlich wirken lässt – dann nehme ich‘s ihm schon eher ab. Poker an sich ist keine Schauspielerei. Der Bluff als kleine Teilmenge des Spiels allerdings hat natürlich mit der Kunst zu tun, sich besser darzustellen, als man ist – mehr Schein als Sein.

Ich habe mir Putins Auftritt mit seinem Satz „Das ist kein Bluff“ sehr genau angesehen. Putin blinzelt sehr schnell, seine Stirn liegt in Falten. Er versucht sichtbar, seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Kann man einen bluffenden Spieler anhand seiner Körpersprache entlarven?

Definitiv. Es ist allerdings eine weiche Wissenschaft. Bluffen ähnelt der Lüge, aber es klingt für uns etwas anderes mit, das wir aus dem Kino kennen. Wir denken an die Schlitzohrigkeit von Terence Hill, an „Cincinnati Kid“, an Cleverness. Die Lüge dagegen ist einfach böse und unmoralisch. Wenn du ein wirklich guter Pokerspieler bist, dann setzt du dich an den Pokertisch und kümmerst dich von diesem Moment an nur um dich und deinen Erfolg. Und du hast verstanden, dass der eigene Erfolg nur möglich ist, wenn jemand anderes eine Niederlage erleidet. Aber beim Poker ist es nicht unmoralisch, jemandem etwas wegzunehmen – es ist der Kern des Spiels.

Es geht also um das Motiv? Putin will definitiv jemandem etwas wegnehmen.

Das ist der Unterschied: Wenn ich Sie im echten Leben bestehle, ist das eine Straftat. Und wenn ich Sie belüge, ist das mindestens unmoralisch. Beim Poker dagegen ist der Bluff total zulässig, deshalb hat auch kein Spieler ein schlechtes Gewissen. Es ist nichts Anrüchiges dabei. Deshalb bleiben gute Pokerspieler nüchtern und gelassen – es sind keine moralischen Empfindungen oder Emotionen im Spiel, dadurch ist der Bluff sehr schwer erkennbar. Profis echauffieren sich nicht, nur weil jemand blufft.

Ganz anders Putin, der emotional wirkt. Welche Rolle spielen Körpersprache und Mimik beim Bluff?

Bei professionellen Pokerspielern geht mimisch gar nichts. Da ist nichts zu erkennen. Ich habe Millionen von Händen gespielt – Sie würden sich sehr schwertun, zu unterscheiden, ob ich wirklich zwei Asse habe oder ob ich nur eine Geschichte von zwei Assen erzähle. Und genau an diesem Punkt endet Putins Pokertauglichkeit: bei den Emotionen. Ich glaube, dass er sich in gewisser Weise wie ein Verstoßener oder gar Verratener fühlt, und dass er deswegen diesen Zorn in sich trägt, der ihn sehr emotionalisiert. Ich glaube, dass er nie in diese Situation wollte. Er weiß, dass ihm das Ganze entglitten ist. Deshalb fehlt ihm die Coolness und Ruhe, die man für gutes Pokern und gelungene Bluffs benötigt. Wenn er jetzt mit dem Satz „Das ist kein Bluff“ All-in geht, dann sicher nicht mit Hurra. Um in der Pokersprache zu bleiben: Der Pott ist viel zu groß geworden. Viel größer, als er das jemals wollte.

Blufft man denn nur mit schlechten Karten oder auch mal mit guten?

Das nennt man dann nicht „Bluff“, sondern „Slow Play“. Bluff bedeutet: mehr Schein als Sein. Slow Play bedeutet: mehr Sein als Schein. Dabei geht es darum, so zu tun, als sei man schlechter, als man tatsächlich ist. Der Kern eines jeden gesunden Pokerspiels ist das „Value Betting“: Man setzt, weil man glaubt, dass einen eine schlechtere Hand bezahlt. Das ist der Normalfall. Manchmal aber kann ich nur noch gewinnen, wenn der Gegner zwischenzeitlich wieder Mut schöpft. Das erreiche ich, indem ich ein bisschen tattrig und fahrig wirke und ihm den Eindruck vermittle, ich hätte nichts auf der Hand – durch Vorgaukeln eigener Schwäche. Denn sonst kann es passieren, dass er aufgibt und aussteigt. Das will ich aber nicht, ich will ja sein Geld. Ich kann die Karten des Gegners nicht verändern. Ich kann aber seine Sicht auf seine Karten verändern.

Ist Politik am Ende nicht auch ein manchmal zynisches „Spiel“ um Einsätze, Glück, Geben und Nehmen?

Zumindest gibt es Parallelen. Wenn ich einen Bluff spiele, dann muss ich ihn auch aushalten. Dann muss ich mit dem Wind, den ich gesät habe, auch umgehen können. Sonst habe ich Mist gebaut. Ich würde aber niemals dazu raten, um die Welt zu pokern. Das macht nur James Bond. Und der sieht dabei besser aus.

Der russische Politologe Abbas Galljamow glaubt, dass Putin selbst nicht an einen Sieg glaube – also bereits wisse, dass er schlechte Karten auf der Hand habe. Er sagt: „Putin erhöht in jeder schwierigen Situation den Einsatz. Er erwartet, dass sich der Gegner vernünftiger verhält als er selbst und dann nachgibt.“ Auf Poker übertragen: Kann man auch mit einer Pik-Drei und einer Herz-Vier gewinnen, weil der Gegner „vernünftig“ ist und aufgibt?

Das Wort „Vernunft“ ist beim Poker eher illegitim. Wie sollte ich als unvernünftiger Mensch über die Vernunft anderer urteilen? Politologisch halte ich die Bewertung aber für gut und schlüssig. Es ist ein gutes Gleichnis, aber es lässt sich für mich als Pokertheoretiker nicht so genau auf das Spiel anwenden. Beim Hinterhofpoker wäre das vielleicht so. Vielleicht ist Putin auch nur ein Hinterhof-Pokerspieler, das weiß ich natürlich nicht. Ich glaube, dass er vermutlich aus verletztem Stolz einen gigantischen Fehler gemacht hat. Und da kommt er jetzt nicht mehr so einfach raus. In der Wirtschaft würde man wohl von „sunk cost“ sprechen – also von Fehlinvestitionen, die man mit immer neuen Ausgaben zu retten versucht, indem man gutem Geld schlechtes hinterherwirft. Aber es wird nur alles schlimmer.

(Bild Kalhamer Poker)

Richard K. Betts, Professor für Kriegs- und Friedensstudien an der Columbia University, sagt, Putin spiele ein „Game of Chicken“. Er spielt damit auf das sogenannte Feiglingsspiel an, bei dem zum Beispiel zwei Autos aufeinander zurasen, bis ein Fahrer ausweicht.

Wer zuerst bremst, verliert! Dazu kann ich ganz klar sagen: Diese ganzen Ego-Duelle, das Machotum, all das maskuline Denken – das ist auf dem globalen Pokermarkt seit zehn bis 15 Jahren ausgestorben. Das können Sie alles vergessen. Solche Hehlertypen gibt es nicht mehr. Der moderne Pokerspieler ist heute ein extrem hart arbeitender, ernährungsbewusster, akribischer Profi. Das Einstellen auf Gegner ist eine Wissenschaft. Es ist pure Mathematik.

Und Putin? Das heißt, dass er mit seinem Versuch, politisch zu pokern, auch für Pokerverhältnisse gestrig und altmodisch wirkt?

Absolut. Schauen Sie, wenn wir beide spielen, und Sie haben viel mehr Geld als ich, und Sie wissen, dass ich mein Geld nicht gern verliere, dann können Sie erst einmal sehr mächtig mir gegenüber auftreten. Sie können immer reinbuttern in den Pott und mich einschüchtern und zu vertreiben versuchen. Aber was bringt Ihnen das außer einer Vielzahl von kleinen Siegen? Sie werden am Schluss vielleicht fünfmal so viele Spiele gewonnen haben wie ich. Aber ich werde all Ihr Geld haben. Warum? Weil wir irgendwann am Abend einmal um großes Geld spielen werden. Ich lasse Sie die ganze Zeit über bellen und kratzen. Ich gebe Ihnen das Gefühl, Sie könnten über Wasser gehen. Ich lasse Sie über Stunden reden, Sie fühlen sich sehr sicher – aber dann werde ich Sie später einmal kurz und schmerzlos entfernen.

Ich nehme an, Sie sind in diesem Szenario der Westen und ich bin Putin?

So einfach ist es nicht. Ein Putin kläfft ja nicht nur. Und der Westen kann auch nicht einfach sagen: „Ich bin bereit, alles zu verlieren, ich gehe jetzt All-in.“ Hier endet die Modellierung. Als Pokerspieler bin ich multipel sterblich. Das macht mir gar nichts aus. In der Politik sieht es ganz anders aus.

Wie schätzen Sie denn umgekehrt die Pokerfähigkeiten von Olaf Scholz ein?

Scholz hat im Frühjahr ohne große Not öffentlich gesagt, er fürchte sich vor einem Atomkrieg. Das fand ich zwar emphatisch, dass wir da jemanden haben, der sich nicht zu fein ist, unsere Ängste auszusprechen. Menschlich konnte ich das verstehen. Aber wenn ich ein Staatsoberhaupt bin, darf ich mir doch nicht derart in die Karten schauen lassen! Das war aus meiner Sicht völlig falsch und hat Putins Narrativ von der Bedrohung nur verstärkt. Da hat Scholz einen großen, pokertechnischen Fehler gemacht. Wenn ich mit Ihnen spiele, habe ich natürlich immer Angst, dass Sie mir mein Geld wegnehmen. Ich bin sterblich, Sie können mir immer wehtun. Aber wenn wir beide spielen, dann liegt es an mir, über Ihre Ängste zu sprechen. Dann werden wir nicht darüber reden, was ich zu verlieren habe, sondern darüber, was Sie zu verlieren haben. Sie müssen erklären, warum Sie verloren haben. Sie müssen zu Hause dafür geradestehen. Darüber müssen Sie nachdenken, wenn Sie mit mir spielen.

Sie dürfen, wie beim Poker, Ihre Angst nicht zeigen.

So ist es. Sonst bestärken Sie den anderen nur. Dann fasst er wieder Mut. Ich will, dass Sie mit sich hadern, dass Sie unsicher sind über Ihre Taktik. Das ist das eigentliche Meta-Spiel. Und dieses Meta-Spiel hat der Bundeskanzler nicht gut gespielt.

Zum Spielen gehören ja auch immer mehrere. Der Westen bleibt aber eher cool und sendet wie ein Profispieler das Signal aus: Ich gehe nicht alles mit, nur weil du das gern so hättest. Ist das taktisch richtig?

Das halte ich für einen vernünftigen Weg im Umgang mit der Aggression. Man muss angstarm, aber respektvoll immer wieder sagen: „Sind wir heute wieder ein bisschen beleidigt? Auf diese Spielchen lassen wir uns nicht ein. Ich wünsche einen schönen Tag.“ Das ist der beste Weg. Mal abgesehen davon, dass wir natürlich nicht über ein Spiel sprechen, sondern über einen grausamen Konflikt mit Tausenden Toten.

Ich nehme an, Sie würden keine Wetten darauf abschließen, wie das alles ausgeht?

Beim Poker ist es oft egal, wie recht du hast – du kannst trotzdem verlieren. Beim Schach kann man immer evident erklären, warum es ein Matt in fünf Zügen gab. Beim Poker ist das anders. Ich glaube aber, dass es sehr unspektakulär enden wird.

Sie meinen: ohne maximale Konfrontation, ohne großen Showdown.

Es ist auf jeden Fall gesund, das anzunehmen. Und wenn nicht, dann wird man mir nicht beweisen können, dass ich Unrecht hatte. Denn dann bin ich tot.

Herr Kalhamer, vielen Dank für das Gespräch.

ZUR PERSON

Stephan Kalhamer, geboren 1976 in Regensburg, ist ein deutscher Pokerspieler und -trainer. Nach dem Abitur studierte er Mathematik in Regensburg und Boston und verfasste mehrere Pokerbücher, darunter den Titel „Texas Hold‘em Poker: Vom Anfänger zum turnierreifen Pokerstrategen“ – das erste in deutscher Sprache verfasste Pokerbuch, das bis heute als Standardwerk gilt. Seit 2009 ist Kalhamer Präsident des Deutschen Poker Sportbundes, der sich für die Anerkennung von Poker als Mind Sport einsetzt. Kalhamer war auch Initiator und Trainer des deutschen Weltmeisterteams von 2011 und erlangte 2013 den APAT-Europameistertitel in Prag. Er tritt als Redner auf und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Regensburg.

Von Imre Grimm/RND