Dienstag , 29. November 2022
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Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

„Antisemitismus ist eine Sünde im Islam“

Berlin. Rund 740 muslimische Gotteshäuser in Deutschland öffnen am 3. Oktober zum „Tag der offenen Moschee“. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Knappe Ressourcen – große Verantwortung“.

Herr Mazyek, den bundesweiten Tag der offenen Moschee gibt es am 3. Oktober dieses Jahres zum 25. Mal. Warum findet er immer am Tag der Deutschen Einheit statt?

Der Tag der Deutschen Einheit ist etwas Positives. Er hat mit Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit zu tun. Wir deutsche Muslime wollten das Signal setzen, dass wir dazugehören.

In Ostdeutschland ist Muslimen aber nicht nur Neugierde begegnet, oder?

In den ersten Jahren nach der deutschen Einheit überwog die Neugier. Später, als die wirtschaftlichen Probleme wuchsen, gab es erste Vorbehalte. Aggressive Ablehnung spürten Muslime im Osten vor allem, als Pegida in Sachsen aufkam und in andere Länder schwappte.

Ist deshalb der Anteil deutscher Muslime in den ostdeutschen Ländern so gering?

Ich glaube, das hat eher mit den traditionellen Verwurzelungen zu tun, da es in den westdeutschen Ländern schon lange wesentlich mehr Muslime gab. Im Osten sind Leipzig, Dresden, Erfurt, Magdeburg und natürlich Berlin Schwerpunkte muslimischen Lebens. Es sind aber im Vergleich zu Ländern wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen viel weniger.

Wie fällt Ihre Bilanz nach 25 Jahren aus?

Ich glaube, es ist mittlerweile selbstverständlich, dass Muslime Teil der deutschen Kultur und der Gesellschaft sind. In Fragen der Gemeinschaft gibt es aber noch eine Menge zu tun. Muslime könnten beispielsweise mehr Verantwortung in der Gesellschaft, zum Beispiel bei Themen wie Klima oder soziale Ungleichheit übernehmen. Dieses Bewusstsein muss stärker werden.

Meinen Sie, dass sich Muslime in Deutschland noch zu sehr einkapseln in ihrer Community?

Abschottung ist nicht allein ein Thema von Muslimen, diesen Hang haben auch andere Minderheiten oder jene, die sozial ausgestoßen sind. Ich sehe bei den Muslimen in Deutschland eine positive Entwicklung. Die in Deutschland geborenen Muslime orientieren sich selbstverständlich an unserem Land und gleichsam bauen sie neue kulturellen Brücken zu den familiären Ursprüngen. Tatsache ist aber auch, dass die Integration durch die vielen ankommenden Flüchtlinge immer wieder eine Herausforderung darstellt. Ich wünsche mir oft, dass Brücken schneller geschlossen werden, doch Integration benötigt eben Zeit.

Was wollen die Besucherinnen und Besucher in den Moscheen eigentlich wissen?

Viele sind Stammgäste und kommen aus der Nachbarschaft zum Wiedersehen bei Tee und orientalischen Gebäck. Die Hälfte der Menschen, die am 3. Oktober eine Moschee besuchen, interessieren sich entweder für das gesetzte Thema – in diesem Jahr „Knappe Ressourcen – große Verantwortung“ – oder sind aus aktuellen Anlässen da. Oder sie stellen altbekannte und immer wieder beantwortete Fragen zu Themen wie Extremismus und Stellung der Frauen, spiegelbildlich zu der oft negativen Stimmung gegenüber den Muslimen in der Gesellschaft.

Europaweit nimmt die Islamfeindlichkeit laut Umfragen zu. Wie groß ist das Problem in Deutschland aus Ihrer Sicht?

Rassismus ist immer auch ein demokratiegefährdendes Problem. Wir wissen das aus den Erfahrungen des Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Der Lackmustest, wie ernst wir es mit der Freiheit, mit Rechtsstaatlichkeit meinen, lässt sich stets gut am Umgang mit Minderheiten ablesen. Leider verzeichnen wir eine Zunahme von Hass und Ablehnung gegenüber Muslimen bis hin zu Anschlägen auf ihre Einrichtungen in den letzten Jahren, vom gestiegenen Alltagsrassismus ganz zu schweigen

Was ist mit dem Antisemitismus unter Muslimen?

Es gilt aufzuklären, dass jede Form der Menschenfeindlichkeit – und dazu zähle ich im Besonderen den Antisemitismus – eine Sünde im Islam darstellt. Auch unter einigen Muslimen gibt es Antisemitismus und es gibt dafür keine Rechtfertigung, auch nicht der bis heute ungelöste Israel-Palästina-Konflikt. Wir haben dies immer klar kommuniziert, nach innen wie nach außen. Zudem können wir nicht Muslimfeindlichkeit anprangern, aber bei Judenfeindlichkeit weggucken. Dies gilt übrigens auch umgekehrt, also wechselseitig – und natürlich für alle.

Wird in Deutschland zu viel über den politischen Islam berichtet und zu wenig aus den Gemeinden selbst?

Früher sprach man von Fundamentalismus, dann Islamismus, Salafismus – oft meinen diese nicht klar definierten Begriffe pseudoreligiös begründeten Extremismus. Nicht selten wird er aber auch von sogenannten Islamexperten missbraucht, um durch Diskurse über Extremismusvorbehalt das Misstrauen gegenüber Muslimen weiter anzuheizen. Wir haben dadurch eine doppelte Front: einerseits den zurecht angeprangerten Fehlentwicklungen ideologischen Machtmissbrauchs über die Religion aufklärend die Stirn zu bieten und zum anderen denen, die beinah hinter jedem Moslem einen verkappten Extremisten entdecken wollen.

Bewundern Sie auch – wie viele Deutsche – den Mut der iranischen Frauen bei den Straßenprotesten?

Viele deutsche Muslime haben großen Respekt vor dem Mut der protestierenden Frauen auf iranischen Straßen. Sie bangen um Demonstrantinnen und Demonstranten, die brutal von iranischen Sicherheitskräften niedergeknüppelt werden. Zugleich beobachte ich mit Sorge, dass einige dies hierzulande ausnutzen, um erneut das Feindbild Muslim zu schüren und so Zwietracht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu säen. Klar ist doch, dass die Sicherheitskräfte im Iran die Religion missbrauchen und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen, ja von Muslimen mit Füßen treten. Es darf aus muslimischer Sicht weder einen Kopftuchzwang noch einen Zwang, kein Kopftuch zu tragen, geben. Es geht hier mitnichten um den Glauben, sondern um Freiheit.

Noch einmal zum Tag der offenen Moschee, Herr Mazyek. Thematisch steht die Klimakrise dabei im Vordergrund. Gibt es beim klimaschonenden Verhalten Besonderheiten bei den Muslimen?

Selbstkritisch müssen wir bilanzieren, dass Verbände und jeder einzelne Muslim in Deutschland bislang noch mehr zum Klimaschutz beitragen können. Es geht nicht allein um den generellen Zugang zu dem Thema – zum Beispiel Bewahrung der Schöpfung, zu dem der Koran viel Wichtiges sagt. Es geht vor allem auch um praktische Dinge wie Fotovoltaikanlagen auf Moscheen, die Umrüstung energetischer Anlagen oder wie wir Mobilität der Zukunft muslimisch begreifen wollen. Mich treibt um, wie man diese Themen stärker in die Freitagspredigten bekommt, damit sie nicht mehr nur einmal im Jahr besprochen werden.

Von Thoralf Cleven/RND