Samstag , 3. Dezember 2022
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Das russische Regime fährt eine harte Linie und geht gegen manche Frauen schon vor, bevor sie am Ort geplanter Demonstrationen eintreffen: Festnahme in Moskau am 24. September 2022. Quelle: Uncredited/AP/dpa

Wie die Wut der Frauen Putin in Bedrängnis bringt

Man schrieb den 8. Mai 2022, Weltfrauentag. Aufgeräumt und mit sanftem Blick trat Kriegsherr Wladimir Putin vor die Kameras des russischen Staatsfernsehens. Heute, war sein Plan, wollte er sich mit speziellen Botschaften „an die Ehefrauen, Mütter und Töchter“ in Russland wenden und sich mal in einer etwas ungewohnten Pose zeigen: als gütiger Herrscher.

„Ich weiß, wie sehr sich viele von Ihnen Sorgen machen um ihre Liebsten“, säuselte Putin. Dann gab er zwei wichtige Versprechen ab. „Ich betone“, sagte der Staatschef, „dass Wehrpflichtige nicht an Kriegshandlungen teilnehmen. Und es wird auch keine zusätzliche Einberufung von Reservisten geben.“

Heute weiß man: Das war eine von höchster staatlicher Stelle feierlich vorgetragene Unwahrheit. Putin machte den Frauen Versprechungen, die er absehbar nicht halten konnte.

Zur Wahrheit freilich hatte der frühere KGB-Agent Putin stets ein nur taktisches Verhältnis. Für den notorischen Lügner im Kreml heiligte in diesem Fall einmal mehr der Zweck die Mittel: Indem er am 8. März reichlich Süßholz raspelte, wollte er sich zumindest vorläufig Ruhe an einer heiklen innenpolitischen Front verschaffen: bei den Frauen.

Die „Babuschkas“ sind Putins Alptraum

Putin weiß: Emotionale Aufwallungen unter russischen Frauen können politisch viel bewirken, im Extremfall sogar zu einem historischen Dreh beitragen. Unvergessen ist in Moskau, wie Ende der Siebzigerjahre Mütter und Großmütter von Soldaten ein Ende des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan verlangten. Der damalige Protest gewann, tückisch für den Kreml, auch Sympathie bei Militär und Polizei: Auf die „Babuschkas“ mochten auch die grimmigsten Ordnungskräfte ihr Gewehr nicht anlegen.

Der Rückzug aus Afghanistan kam tatsächlich in Gang – und ihm folgte in Moskau damals auch ein innenpolitischer Umbau wie noch nie. Michail Gorbatschow stieg auf, die Sowjetunion zerfiel, die deutsche Wiedervereinigung wurde möglich. All diese Dinge waren dem damaligen Geheimdienstler Putin ein Graus. Und all diese Dinge hatten mit einem Phänomen begonnen, das anfangs belächelt wurde: dem Protest von russischen Frauen.

Die Rückkehr der „Babuschkas“ ist heute Putins schlimmster Alptraum. Gegen Putschversuche hat er sich gewappnet, seine Widersacher fallen aus dem Fenster oder werden vergiftet aufgefunden. Wie aber soll er mit wütend gewordenen Frauen umgehen, jungen und alten, in unberechenbarer Zahl, in den Metropolen und in den Provinzen?

Festnahme schon in der Straßenbahn

Putin setzt auf extrem hartes Durchgreifen. Studentinnen aus Moskau berichteten dieser Tage, sie seien – „offenbar mithilfe digitaler Gesichtserkennung“ – schon vor Eintreffen am Demo-Ort in der Straßenbahn verhaftet worden.

Im Fall der russischen Aktivistin Yulia Zhivtsova lagen zwischen dem Entfalten eines Protestplakats und ihrer Verhaftung nur sieben Sekunden. Schon seit Monaten nervt die Kriegsgegnerin die Behörden in Moskau: Im März saß sie am Puschkinplatz und hatte zwei Harry-Potter-Bücher in der Hand, ein blaues und ein gelbes, in den Farben der ukrainischen Flagge. Ein Haftgrund?

Die vermummten Omon-Spezialtruppen des russischen Innenministeriums haben Befehl, im Zweifel hart und früh zuzuschlagen. Immer wieder zerren Beamte, teils zu viert, strampelnde Demonstrantinnen in die Haftbusse. Dass dabei unwürdige und erbärmliche Szenen entstehen, für die Frauen ebenso wie für Russland, ist dem Regime egal: Putin setzt auf Abschreckung durch Angst.

Umso bemerkenswerter sind die neuen Beweise für den Mut und die Wut von Frauen, die jetzt landauf, landab in den sozialen Medien weitergereicht werden.

Im sibirischen Jakutsk fanden sich Polizeibeamte öffentlich umzingelt von Frauen in großer Überzahl, die im Kreis marschierten, den Rücken gerade machten und ihnen Parolen zuriefen. In Machatschkala in Dagestan belehrten furchtlose Frauen Beamte im offenen Schlagabtausch auf der Straße, dass Russland die Ukraine angegriffen habe – und nicht etwa umgekehrt. Als Uniformierte junge Männer festnehmen wollten, gingen Frauen physisch dazwischen. In Moskau brachte eine junge Rollstuhlfahrerin die Einsatzkräfte durcheinander. Sie zeigte vor vielen laufenden Handykameras ihre stählerne Beinprothese und fragte mit Blick auf mögliche Kriegsverletzungen: „Wollt ihr wirklich werden wie ich?“ Die Beamten verzichteten auf eine Festnahme.

Soldatenmütter plus Feministinnen

Werden sich Szenen wie diese nach und nach zu einem neuen Mosaik verdichten? Russland-Kenner zeigen sich zurückhaltend: Es brodele noch nicht, sagen viele, die Temperatur im Kessel steige aber.

Der Sozialforscher Jan Surman aus Prag gehört in Europa zu den besten Kennern der Frauenbewegung in Russland. Zu deren Schwäche, sagt er, habe stets ihre innere Zersplitterung beigetragen. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) beschreibt er jetzt jedoch „etwas Neues, ein zunehmendes Zusammenrücken unter den regimekritischen russischen Frauen“. Soldatenmütter etwa, die sich vor allem um ihre Söhne sorgten, hätten zunehmend auch ein offenes Ohr für feministische Gruppen mit ihrer schon lange vor dem Krieg geäußerten radikalen Kritik an dem „verlogenen Macho im Kreml“.

Vor zehn Jahren ließ Putin die Punkrockerinnen der Band Pussy Riot verhaften. Die meisten Russinnen aus der Mitte der Gesellschaft blieben damals noch stumm: Das regimekritische Performance-Kollektiv, das auch unerlaubte Auftritte in Kirchen hingelegt hatte, erschien vielen als allzu schrill und allzu provokativ.

Inzwischen aber spüren Feministinnen in Russland eine viel höhere – wenn auch inoffizielle – gesellschaftliche Akzeptanz. Viel Rückenwind und örtliche Unterstützung bekam in diesem Jahr die Organisation Feminist Anti-War Resistance (Far). Zu ihren Markenzeichen gehören dezentrale Aktionen, bei denen an öffentlichen Orten plötzlich mit blutroter Farbe beschmiertes Kinderspielzeug auftaucht oder Schilder mit der Frage: „Wisst ihr, was in Butscha passiert ist?“ Ella Rossman, die nach London emigrierte zeitweilige Sprecherin von Far, ließ wissen, man verfüge über ein Netzwerk in 45 Städten und Regionen quer durch Russland.

Nicht nur auf der Straße, auch in Fernseh- und Musikstudios sind es Frauen, die im Widerstand gegen Putin Zeichen setzen. Im März wurde die Moskauer Redakteurin Marina Owsjannikowa (43) weltberühmt, als sie plötzlich während einer Livesendung des Staatsfernsehens ein Protestplakat in die Kameras hielt: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen“.

Anfang September forderte die populäre russische Popsängerin Alla Pugatschowa (73) „ein Ende des Sterbens“. Beobachter in Moskau sprachen von einer Ohrfeige für Putin: Pugatschowa gehöre seit Jahrzehnten zum russischen Inventar, ihre „plötzliche Politisierung“ sei ein echtes Problem für den Kreml.

Eine Million Rubel fürs zehnte Kind

Der Soziologe Surman indessen sieht eher eine kontinuierliche Entwicklung beim Zusammenrücken der russischen Frauen. Schon seit zwei Jahrzehnten mache Putin ihnen deutlich, dass er sie nicht ernst nimmt. Statt sich einzulassen auf eine Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, winke der Kremlchef mit Mutterkreuzen, wie man sie im Zweiten Weltkrieg kannte.

Tatsächlich schuf Putin erst im August eine neue Gebärprämie in Höhe von einer Million Rubel (rund 18.000 Euro) für die Geburt des zehnten Kindes. Voraussetzung ist nach Putins Dekret, dass das zehnte Kind das erste Lebensjahr vollendet hat und auch die übrigen neun noch leben. Putin ließ damit Regelungen wiederaufleben, die in Russland zuletzt 1944 erlassen wurden, unter Stalin.

Frauen als Gebärmaschinen des Staates? Putin mag sich großzügig gefühlt haben, als er das Dekret unterzeichnete. Seinem Verhältnis zur weiblichen Hälfte der russischen Bevölkerung aber tun Signale wie dieses nicht gut.

An manchen dieser unruhigen Tage im Herbst 2022 ist die Mehrheit der in Russland Verhafteten weiblich. Allein mit Putins Krieg und allein mit Putins neuesten Lügen ist das nicht zu erklären. Die Ursachen liegen tiefer. Nach mehr als zwei Jahrzehnten an der Macht ist der rückwärtsgewandte Mann im Kreml bei so vielen Russinnen wie noch nie generell unten durch. In Russland geht es, wie im Iran, um eine von der Mehrheit gewollte Neuausrichtung des Landes, einen Aufbruch, dem der jetzt gerade Herrschende im Wege steht.

Von Matthias Koch/RND