Sonntag , 4. Dezember 2022
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Neuer Nationalheld der Ukraine: General Walerij Saluschnyj ist 49 Jahre alt und hat zwei Töchter. Quelle: picture alliance / Photoshot

Der General, der Putins Armee drei Mal narrte

Es ist gut möglich, dass die Ukraine diesem Mann einst Denkmäler bauen wird. Dabei scheint Walerij Saluschnyj für eine Heldenrolle gänzlich ungeeignet, hat er doch weder das Charisma noch die Wortgewandtheit seines Chefs, dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

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Doch in Sachen Popularität kann es Saluschnyj mit Selenskyj allemal aufnehmen. Die Menschen in der Ukraine lieben, feiern, ehren ihn. Denn der 49-Jährige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte gilt als der Vater der bisherigen militärischen Erfolge gegen die Russen.

Und anders als sein Spitzname „Eiserner General“ es vermuten lässt, steht er eben nicht für die klassischen Tugenden eines Militärs alter Schule – nicht für kompromisslosen Durchhaltewillen, nicht für starre Befehlshierarchien, nicht für die operative Langzeitplanungen.

Seinen zentralen Grundsatz formulierte er nur Wochen vor dem Krieg: „Für mich ist das Wichtigste, dass wir alles Sowjetische loswerden, das uns Hände und Füße fesselt, und dass wir anfangen, Nato zu denken und die Dinge europäisch zu sehen.“

„Alles Sowjetische loswerden“ und „Nato denken“ – was der in zentralukrainischen Stadt Nowohrad-Wolynskyj Geborene damit meinte, zeigt sich im mehr als achtmonatigen Krieg gegen die russischen Invasoren beinahe täglich. Gegen alle Lehrbuchmeinungen und auch gegen innere Widerstände reagierte der ukrainische Oberbefehlshaber auf die russische Invasion nach dem 24. Februar eben nicht, indem er die damals nur bedingt einsatzbereiten und obendrein schlechter ausgerüsteten Verteidiger der russischen Feuerwalze entgegenwarf.

Wissend, welche logistischen Probleme auf die Russen warteten, ließ er ihre motorisierten Verbände bis tief ins eigene Land rollen, wo sie kaum versorgt werden konnten, isoliert waren und bekämpft werden konnten.

Zudem gilt in der ukrainischen Armee eine weitgehende Entscheidungsfreiheit für Befehlshaber kleiner militärischer Einheiten, die individuell auf gegnerische Operationen reagieren können. Das ist moderne Nato-Strategie.

Nach seiner Beförderung zum Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte im Juli 2021 trieb Saluschnyj die Reform der Armee energisch voran, seit November des selben Jahres gemeinsam mit dem neuen Verteidigungsminister Oleksij Resnikow. „Bis zu dem Zeitpunkt hatte die Ukraine eine komplett dysfunktionale Kommandostruktur“, beschreibt die Osteuropaexpertin Sarah Whitmore es gegenüber der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Mehr Autonomie für Offiziere im Feld

Eine von Saluschnyjs ersten Amtshandlungen sei es gewesen, Offizieren im Feld mehr Autonomie zu geben, damit sich eine Situation wie mit der Krim-Annexion durch Russland 2014 nicht wiederhole. Seither dürfen die Soldaten an der Front auch ohne Rücksprache mit Kiew das Feuer erwidern, wenn sie beschossen werden.

Ein weiterer Aspekt, den die neue ukrainische Armee im Vergleich zur russischen Truppenführung auszeichnet, betrifft die Sicherheit der Soldaten. Diese habe im Zweifel klar Vorrang vor dem Halten von Gebieten. Das hat nicht viel mit militärischer Effizienz, aber sehr viel mit Ethik, mit Respekt und Menschlichkeit zu tun.

Das russische Desaster des ersten Kriegsmonats – es basierte nicht nur auf dem Unvermögen der russischen Führung, wo politische Ideologen wie Präsident Wladimir Putin oder dessen Verteidigungsminister Sergei Schoigu in klassischer Diktatorenmanier direkten Einfluss auf militärische Operationen nehmen.

Das geschickte Lavieren der damals zumindest noch technisch unterlegenen ukrainischer Verteidiger wurde der Genialität des damals selbst im eigenen Land weitgehend unbekannten Generals mit dem kreisrunden Gesicht gutgeschrieben. Bereits im Frühjahr zählte das Time-Magazin Saluschnyj unter die Top 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt und widmet ihm in seiner aktuellen Ausgabe die Titelgeschichte.

Spätestens seit dem Geniestreich vor über zwei Wochen, als es der ukrainischen Armee gelang, aus scheinbar erstarrten Fronten heraus zunächst eine Offensive gegen Cherson im Süden des Landes anzukündigen und zögerlich zu beginnen, gleichzeitig aber im Norden bei Charkow einen Überraschungsangriff zu führen und mehr als 6000 Quadratkilometer zu befreien, genießt Saluschnyj Heldenstatus.

Sein dritter wichtiger Sieg: Lyman

Und auch sein dritter großer Sieg, die Befreiung des strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunktes Lyman in der östlichen Region Donezk, wird als taktische Meisterleistung gefeiert, weil den Ukrainern hier durch eine Art Zangengriff die Einkesselung der Russen gelang – was diese am Ende zur schnellen Aufgabe des Ortes bewegte.

Zudem haben sich ukrainische Truppen bei der Stadt Lyssytschansk im Bezirk Luhansk bereits festgesetzt, schrieb ein Militärsprecher der von Moskau gelenkten Luhansker Separatisten am Montag im Nachrichtendienst Telegram.

Diese taktischen Finten, sie gelangen dem ukrainischen Oberbefehlshaber, weil ihm die politische Führung freie Hand lässt – er gleichzeitig auf ähnlich modern denkende Militärs wie Generaloberst Oleksandr Syrskyi vertrauen kann, den Befehlshaber des ukrainischen Heeres. Sie machen den Unterschied zu Russlands Militärs, deren Karriere vielfach noch in der Sowjetarmee begann und die in Sowjetlogik zu verharren scheinen.

Inzwischen haben Nato-Offiziere Tausende ukrainische Soldaten trainiert. Als Leiter der Gefechtsausbildung hatte daran seit 2015 auch Saluschnyj großen Anteil: Er, der fließend englisch spricht, forcierte das Training an westlichen Waffen und organisierte gemeinsame Übungen mit britischen und US-Einheiten.

„Zu uns kommen junge Leute, Absolventen der Militärakademien. Das sind völlig andere Menschen, nicht solche, wie wir es früher als Leutnants waren“, so Saluschnyi noch vor Beginn des Krieges in einem Interview. „Fast alle beherrschen Fremdsprachen, sind belesen und versiert im Umgang mit moderner Kommunika­tionstechnik. In fünf Jahren werden sie die Armee komplett verändert haben. Das sowjetische Denken stirbt aus – ob man es will oder nicht“, bilanzierte er damals. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand ahnen, dass die Frischzellenkur, die Saluschnyi der zuvor desolaten ukrainischen Armee verordnete, schon in Kürze das Land vor dem Untergang bewahren würde.

Ein ähnlicher Glücksfall, wie es der Präsident ist

Für die Ukraine ist Walerij Saluschnyj ein ähnlicher Glücksfall, wie es der Präsident ist. Beide, noch keine 50 Jahre alt, haben jetzt schon Historisches geleistet, heißt es aus Washington. Saluschnyj sei „der militärische Kopf, den sein Land brauchte“, kommentiert Mark Milley, Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte. Seine Taten „werden in die Geschichte eingehen“.

Saluschnyj selbst bleibt Realist. Von einem Ende des Krieges redet er nicht: „Nachdem, was ich aus erster Hand über die Russen weiß, wird unser Sieg nicht endgültig sein“. Vielleicht hat man etwas Zeit zum durchatmen gewonnen, doch Russland wird alles auf eine Karte setzen.

RND mit dpa/AP

Von Harald Stutte/RND