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Unterstützung aus der ganzen Welt: Auch in Pisa demonstrierten Menschen gegen den Tod der Iranerin Mahsa Amini. Quelle: IMAGO/NurPhoto

„Es könnte sich für immer lohnen“

Berlin. Die Welt sieht ein grausames Regime und Straßenschlachten. Das junge Teheran sieht Hoffnung.

„Wir haben große Hoffnung, dass die Menschen dieses Mal erfolgreich sein werden.“ So sagt es ein junger Iraner aus Teheran, Anfang 30, dessen Name aus Sicherheitsgründen ungenannt bleibt. Er beschreibt das Gefühl der Menschen, die „in diesen wichtigen und schwierigen Tagen“ auf die Straße gehen: „Wir wollen eine säkulare und keine religiöse Regierung. Wir wünschen uns Freundschaft und gute Beziehungen zu anderen Ländern.“

Seit zwei Wochen wird die Islamische Republik von großen Demonstrationen erschüttert, gegen die Sicherheitskräfte mit brutaler Gewalt vorgehen. Es begann aus Wut über den Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Und hat sich zur landesweiten Kampfansage gegen das Regime der Mullahs ausgeweitet. Wegen eines angeblich nicht korrekt gebundenen Kopftuchs war Amini von der Religionspolizei in Teheran festgenommen worden. Drei Tage später ist sie im Krankenhaus gestorben – offenbar an Schädelverletzungen infolge von Misshandlungen in Gewahrsam.

Die neuesten Unruhen meldeten lokale Medien am Wochenende wieder aus Teheran: Polizisten und Milizen seien dort in der Nacht zu Montag nach Protesten wieder mit Gewalt und scharfer Munition gegen Studierende der renommierten Scharif-Universität vorgegangen. Auch mehrere Professoren sollen verprügelt worden sein.

Das Vorgehen der Sicherheitskräfte jedoch provoziert offenbar immer mehr Widerstand. „Wir sehen inzwischen Proteste in 146 Städten und in allen 31 Provinzen des Landes“, sagt Javed Dabiran. Der 61-Jährige lebt seit 1978 in Deutschland im Exil und ist hier Sprecher des Nationalen Widerstandsrates des Iran (NWRI). Der Rat bezeichnet sich selbst als Exilparlament der iranischen Opposition, ist aber wegen seiner Nähe zu den lange als Terrororganisation eingestuften Volksmudschaheddin im In- wie im Ausland durchaus umstritten. Aber eins bestreitet keiner: Die Exilanten sind bestens vernetzt im Land und wissen genau, was dort passiert. Auch Dabiran schafft es trotz der derzeitigen Internetblockade des Regimes, Kontakt in sein Heimatland zu halten.

Eine große soziale Basis

In der 10-Millionen-Einwohner-Metropole Teheran gebe es inzwischen an manchen Tagen De­mons­tra­­tio­nen an 30 verschiedenen Standorten, sowohl im wohlhabenden Norden der Stadt als auch im armen Süden, berichtet er – und weist damit auf genau das hin, was gerade den jungen Leuten jetzt Hoffnung macht: Es geht nicht mehr wie in früheren Unruhen um wirtschaftliche Not. Es geht um das Prinzip des Gottesstaats an sich.

„Im Iran ist derzeit eine Protestbewegung mit der größten sozialen Basis seit 40 Jahren zu sehen“, meint der deutsch-iranische Politikwissenschaftler und Buchautor Ali Fathollah-Nejad. Ausgehend von der Mittelschicht würde sie von den verschiedensten Ethnien, aus allen möglichen Richtungen unterstützt. „Deshalb ist die Situation auch so heikel für die Regierung“, sagt Fathollah-Nejad. Nach 43 Jahren scheinen die Iraner die islamische Diktatur endgültig satt zu haben.

Der Protest richtet sich nicht nur gegen die seit 1979 für Frauen bestehende Kleiderordnung inklusive Kopftuchzwang, sondern mit Rufen wie „Tod dem Diktator“ auch gegen den 83-jährigen Revolutionsführer Ali Chamenei, der als „Oberster Führer“ seit 1989 politisches und religiöses Oberhaupt sowie Chef der Streitkräfte ist.

Sein Schweigen zu den Protesten hat Chamenei am Wochenende zwar gebrochen – aber sich weiter uneinsichtig gezeigt. „Diese Krawalle waren geplant“, sagte er zu Polizeischülern in Teheran – und beschuldigte die USA und Israel, dahinter zu stecken. „Ich sage deutlich, dass diese Aufstände und Unsicherheiten von Amerika und dem zionistischen Regime und ihren Angestellten entworfen wurden.“

Der Preis für die Proteste ist hoch. Den De­mons­tran­­ten stehen bewaffnete Sicherheitskräfte gegenüber, die durch paramilitärische Einheiten und Geheimdienstler in Zivil unterstützt werden. Es gibt Zusammenstöße, bei denen die Milizen der Diktatur blindwütig in die Menschenmengen schießen.

Der Staat schlägt zurück

„Sie töten wahllos unschuldige Menschen“, berichtet eine junge Frau aus Teheran, die ebenfalls anonym bleiben will. Sie kann nicht verstehen, warum sich das Regime so lange an der Macht halten konnte. „Es hat schon so viele Aufstände gegeben“, sagt sie mit Bezug auf die Proteste 2018/2020, bei denen es viele Tote und Verletzte gab.

Dieses Mal sind es die Frauen, die ihre Rechte einfordern, furchtlos auf die Straßen gehen, ihre Kopftücher herunterreißen, sie verbrennen – und dabei von vielen Männern unterstützt werden. In zahlreichen Videos ist zu sehen, wie die Polizei und die paramilitärischen Basidsch-Milizen gegen Frauen vorgehen und dabei immer wieder von Männern angegriffen werden, die die Demonstrantinnen verteidigen.

Der Zusammenhalt gegen das Regime ist neu. Menschen rufen Fremde in ihre Häuser, um sie vor den knüppelnden Beamten zu schützen, andere beschimpfen die Polizei aus ihren Fenstern. Neu ist auch, dass sich immer mehr prominente Iraner zu Wort melden, die bislang aus Angst vor Konsequenzen nichts oder nur sehr leise ein wenig von sich gegeben hatten.

Gerade war es der Fußballstar und ehemalige Nationalspieler Ali Karimi, der über seinen Social-Media-Kanal mit gut zwölf Millionen Anhängern das Regime angreift und sich öffentlich mit ehemaligen Regierungsvertretern streitet, die ihn ermahnen. Seine Antwort: „Ich würde für mein Land sterben.“ Diese Furchtlosigkeit, allen Konsequenzen zum Trotz für die Freiheit einzustehen, ist ebenfalls neu. Die Konsequenzen aber sind die alten. Prominente wie die Tochter des ehemaligen Präsidenten Ali Rafsandschani, die 59-jährige Faezeh Haschemi, ist genauso verhaftet worden wie der frühere Fußball-Nationalspieler Hossein Mahini.

„Kommt auf die Straße und unterstützt uns“, ruft eine Stimme in einem der vielen Protestvideos. „Dieses eine Mal noch – es könnte sich für immer lohnen.“

Unterstützung bekommen sie inzwischen vor allem aus der westlichen Welt. In den USA wie auch in vielen Städten Europas gibt es Solidaritätszüge, allein in Hamburg haben am Wochenende mehr als 4000 Menschen gegen das Regime demonstriert. Über allen schallt der Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ und „Mullah muss weg“. Unter den Demonstranten zuletzt in Berlin war auch Adeleh Puryousef. Zusammen mit anderen Frauen schnitt sie sich vor dem Brandenburger Tor die langen, blonden Haare ab. „Es ist das Mindeste, was ich tun kann“, sagt die 41-Jährige.

Aufgewachsen ist Adeleh in der Stadt Rascht im Norden des Irans, seit vier Jahren lebt sie in Deutschland. Der Tod von Mahsa Amini ging ihr besonders nahe – denn als junge Frau wurde sie selbst häufig von der „Moralpolizei“ verhaftet.

Auch die Lügen der iranischen Regierung machen sie wütend. Diese behauptet mal, Amini sei an einer Herzkrankheit gestorben (was deren Eltern vehement bestreiten), dann wieder, sie habe unter Epilepsie gelitten. Das könne nicht stimmen, davon ist Adeleh überzeugt. Sie ist selbst Epileptikerin und hält es für unmöglich, dass die Krankheit den Tod der jungen Frau ausgelöst haben könnte. Sie fordert ihre Familie, die noch im Iran lebt, dazu auf, auf die Straße zu gehen, denn: „Das ist unsere letzte Chance, das Regime zu ändern.“

Was kommt danach?

Sowohl Sicherheitskräfte als auch Demonstranten treten bei den regimekritischen Protesten Augenzeugenberichten zufolge immer aggressiver auf. Amnesty International berichtet von inzwischen 52 Toten, der iranische Staatssender IRIB von 1000 Verhafteten, NWRI-Sprecher Dabiran sogar von 8000 Verhafteten. Unabhängig überprüfen lassen sich die Zahlen nicht. Reporter, die über die Proteste berichten wollten, wurden nach Angaben des iranischen Journalistenverbandes festgesetzt.

Die Rufe der Demonstranten gegen die islamische Führung werden Augenzeugen zufolge immer radikaler: „Das ist das Jahr des Blutvergießens!“ und „Lieber sterben wir, als weiterhin Erniedrigung zu ertragen!“ Irans Präsident Ebrahim Raisi kündigte ein hartes Durchgreifen an. „Das ist jetzt ein Wendepunkt in unserem Land, das muss der Westen erkennen“, sagt Javed Dabiran.

Das spürt irgendwie auch die junge Demonstrantin aus Teheran. Sie sagt: „Wir haben jetzt wieder große Hoffnung.“ Aber sie sagt auch: „Die Menschen sind sich alle sehr einig darin, was sie nicht mehr wollen – aber sie sind sich nicht einig darin, was sie stattdessen wollen. Ich hoffe, wir finden einen Weg.“

Von Jan Emendörfer, Schabnam Tafazoli, Julia Kaiser/RND