Dienstag , 20. Oktober 2020
Arbeiter errichten das innere Gerüst eines Lagerhauses (Symbolfoto). Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra

Der 30. Juli 2020 – ein Tag, an den wir uns noch lange erinnern werden

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die deutsche Wirtschaft noch nie so stark eingebrochen wie in der Corona-Krise. Und keiner weiß, wie schlimm es noch kommt, kommentiert unser Korrespondent Andreas Niesmann. Sicher ist nur eines: Die “fetten Jahre” sind endgültig vorbei.

Das Wörtchen “historisch” soll man ja bekanntlich vorsichtig verwenden. Aber an diesem Donnerstag gab es zu sprachlicher Zurückhaltung keinen Grund. Die Zahlen, die die Statistikämter diesseits und jenseits des Atlantiks vermeldet haben, lassen keinen Platz mehr für Schönfärberei: die Corona-Pandemie hat zu einem historischen Einbruch der Wirtschaft geführt. Man wird sich an diesen 30. Juli 2020 erinnern. Noch in Jahrzehnten.

Um 10,1 Prozent ist die deutsche Wirtschaft zwischen April und Juni infolge von Corona-Krise und Lockdown eingebrochen. Zweistellig. Einen solchen Abschwung hat es seit Beginn der quartalsweisen Aufzeichnungen Anfang der 1970er-Jahre nicht gegeben. Nach dem Rückgang um 2 Prozent zu Jahresbeginn ist es amtlich: Deutschland steckt in einer schweren Rezession.

Auch die US-Wirtschaft bricht ein

Die deutschen Zahlen sind dramatisch, und in den USA sieht es nicht besser aus. Dort ist das Bruttoinlandsprodukt um unfassbare 32,9 Prozent gefallen – allerdings werden die Zahlen anders als in Deutschland auf das Jahr hochgerechnet. Umgerechnet ist der Einbruch vergleichbar.

So grausam diese Zahlen auch sind – überraschend kommen sie nicht. Wenn ganze Wirtschaftszweige stillstehen, wenn keine Autos mehr gebaut, keine Schiffe mehr entladen, keine Schnitzel mehr bestellt werden, dann sinkt der Wohlstand. Der Einbruch war erwartet worden, erschreckend ist nun vor allem das Ausmaß.

Eine gute Nachricht gibt es immerhin – zuletzt hat die deutsche Wirtschaft wieder angezogen. Auch das ist logisch, wenn Firmen wieder produzieren und Menschen wieder konsumieren. Die Bundesregierung geht davon aus, dass der Tiefpunkt bereits überwunden ist und die Wirtschaft im dritten Quartal wieder wachsen wird.

Gut möglich, dass es so kommt. Eine zweite Corona-Welle allerdings oder gar ein neuerlicher Lockdown würde alle Berechnungen und Prognosen zur Makulatur werden lassen.

Viele Kurzarbeiter werden ihren Job verlieren

Sorgenvolle Blicke richten sich nun vor allem auf den Arbeitsmarkt. Die Kurzarbeit befindet sich immer noch auf Rekordniveau. 6,7 Millionen Deutsche haben im Mai Kurzarbeitergeld bezogen, weil sie ihren Job nicht oder nur teilweise ausüben konnten. Wie viele von diesen Menschen werden in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis zurückkehren können? Und wie viele werden arbeitslos werden? Die Wahrheit ist, dass das derzeit niemand seriös vorhersagen kann.

Milliardensummen hat die Bundesregierung in die Hand genommen, um die schlimmsten ökonomischen Folgen der Krise abzufedern. Der Blick über den Großen Teich zeigt, dass das bislang recht gut funktioniert hat.

Allerdings wird auch ein so starkes Land wie Deutschland die üppigen Stützungs- und Sozialprogramme nicht ewig durchhalten können.

Hinter vorgehaltener Hand diskutieren Regierungsvertreter längst darüber, dass man aufpassen müsse, keine zwei Klassen der Arbeitslosigkeit zu schaffen. Wenn jene, die vor Corona ihren Job verloren haben, von Arbeitslosengeld oder Hartz IV leben müssten, während alle anderen Kurzarbeitergeld bekämen, würde das zu neuen Ungerechtigkeiten führen, lautet ihre Argumentation. Sie ist nicht ganz von der Hand zu weisen, bislang allerdings traut sich kein Spitzenpolitiker, die unbequeme Wahrheit offen auszusprechen.

Eine Pleitewelle droht

Noch darf die Regierung hoffen, dass auf den steilen Einbruch der Konjunktur ein ebenso schneller Anstieg folgt. Eine solche Wachstumskurve bezeichnen Ökonomen als V – in Anlehnung an den Buchstaben. Wahrscheinlicher wird aber immer mehr ein anderes Szenario: der Swoosh. Steiler Abstieg, langsamer Anstieg – so wie beim Logo des Turnschuhherstellers Nike.

Es werden viele Unternehmen auf der Strecke bleiben. Einige, weil ihr Geschäftsmodell davon abhängt, dass viele Menschen sich treffen, was auf absehbare Zeit kaum möglich sein wird. Andere, weil ihr Geschäftsmodell schon vor der Krise ins Wanken geraten ist und Corona die Schwachstellen nun schonungslos offengelegt hat.

“Die fetten Jahre sind vorbei”, hatte Finanzminister Olaf Scholz bereits Anfang 2019 gewarnt. Er hätte seinerzeit wohl selbst nicht geglaubt, wie sehr er mit diesem Satz Recht behalten würde.

 

 

Von Andreas Niesmann/RND