Mittwoch , 30. November 2022
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Der neue Hauptstadtkorrespondent beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), Can Merey. Quelle: Felix Huesmann

Can Merey nach 19 Jahren zurück in Deutschland: „Berlin, wie haste Dir verändert!“

Wieviel Zeit zwischen meiner Ausreise aus Deutschland und meiner Rückkehr vergangen ist, zeigt mir ein Anruf bei der Krankenkasse: Als ich dem Kassenmitarbeiter sage, dass ich wieder eintreten möchte und zuletzt am 25. Juni 2003 dort versichert gewesen bin, antwortet er, dann müsse er für meine Akte in den Keller gehen – das digitale Archiv reiche nur bis ins Jahr 2005 zurück. Am 25. Juni 2003 bin ich vom Berliner Flughafen Tegel aus nach Indien gestartet, mehr als 19 Jahre lang habe ich für die Deutsche Presse-Agentur als Auslandskorrespondent in Neu Delhi, Istanbul und Washington gearbeitet.

Jetzt bin ich für das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) nach Berlin zurückgekehrt. Natürlich macht jede Stadt in zwei Jahrzehnten Veränderungen durch. In Berlin fällt mir eine Wandlung aber besonders auf: Wieviel internationaler die Stadt geworden ist.

Mein türkischer Name – meine Mutter kommt aus Bayern, mein Vater aus Istanbul – dient mir bei diesem Thema als persönlicher Gradmesser. Vor meiner Ausreise 2003 wusste kein deutscher Gesprächspartner mit meinem Vornamen etwas anzufangen, mehrfach musste ich klarstellen, dass ich nicht aus Amerika stamme und der Name daher nicht „Kän“ (wie in „A Can of Beer“, also eine Dose Bier) ausgesprochen wird – welcher Amerikaner würde seinen Sohn schon „Dose“ nennen? Die Reaktionen wirkten oft leicht enttäuscht, wenn ich sagte, dass es sich um einen türkischen Namen handelt, der „Dschan“ ausgesprochen wird. Dafür wurde ich dann häufiger für mein Deutsch gelobt, also für die Beherrschung meiner Muttersprache.

Can wie Dschan

Spätestens in Washington habe ich mir angewöhnt, meinen Namen nur noch zu buchstabieren. „C-A-N, wie in Canada“ erklärte ich amerikanischen Gesprächspartnern, für Deutsche buchstabierte ich „Christoph-Anton-Nordpol“. In Berlin sagt die Frau am Bürgertelefon nun prompt „Dschan“, ich bin überrascht – bis ich höre, dass ihre Wurzeln ebenfalls in der Türkei liegen. Das gilt aber nicht für den Verkäufer im Fahrradladen, mit dem ich telefonisch einen Termin ausmache. Er trägt einen Urberliner Namen und hat nichts mit der Türkei zu tun, sagt nach „Christoph-Anton-Nordpol“ aber sofort beiläufig: „Also Dschan.“ Der Verkäufer im Technikmarkt, der ursprünglich aus Bosnien stammt, kann die Buchstabenkombination mühelos zusammensetzen, ebenso der iranisch-stämmige Autor. Das gleiche gilt für den Sanititäter im Erste-Hilfe-Kurs und den Rezeptionisten eines Hotels, beides Deutsche ohne Migrationshintergrund. Der Hotelmitarbeiter sagt, selbstverständlich sei ihm der Name geläufig – er sei schließlich Berliner.

Natürlich ist Internationalität nicht wirklich daran zu messen, wie viele Menschen meinen Namen aussprechen können. Wie multikulturell Berlin geworden ist, zeigt sich für mich aber noch an anderen Punkten. Meine Ehefrau ist Lehrerin, nur zwei von 28 Schülern und Schülerinnen in ihrer Klasse am Gymnasium haben eindeutig deutsche Vor- und Nachnamen, sie alle sprechen muttersprachlich Deutsch. Vor meinem Wegzug aus Berlin gab es in meiner damaligen Straße im Prenzlauer Berg einen Dönerladen, eine Pizzeria und ein LGBTQ-Café. Heute sind dort rund zwei Dutzend Restaurants aus aller Herren Länder angesiedelt. In der Dönerbude in meiner neuen Nachbarschaft in Wilmersdorf wechselt der türkische Mitarbeiter bei der internationalen Kundschaft mühelos zwischen Deutsch, Türkisch und Englisch. Im Laden einer deutschen Supermarktkette bei mir im Kiez steht Sucuk zwischen Salami und Schinken, Ayran ist zwischen Sahne und Schmand zu finden.

Unseren Umzug hat in Berlin ein freundliches Team aus vier Albanern und einem Afghanen bewältigt. Der einzige, der an dem Tag den Nachweis erbringt, dass es die berüchtigte Berliner Schnauze noch gibt, ist der deutsche Lkw-Fahrer aus dem Umland, der unseren Container bringt: Er schimpft mich dafür, dass ein Baum mitten in der für ihn eingerichteten Halteverbotszone das Parken unmöglich macht. (Als ich ihn davon überzeugen kann, dass ich die Zone nicht selber eingerichtet habe, entpuppt aber auch er sich als netter Kerl.)

Was mich in Berlin außerdem überrascht: Die Freundlichkeit und Professionalität, die uns Mitarbeiter in den Behörden entgegenbringen. Dass darin nicht unbedingt ein genereller Hauptstadttrend liegt, darauf deuten Meldungen unter dem Schlagwort „Amt, aber glücklich“ des „Tagesspiegel“-Newsletters „Checkpoint“ hin – Erfolgserlebnisse einzelner Bürger im Ringen mit der Bürokratie scheinen demnach nicht Normalität, sondern immer noch eine Nachricht zu sein.

Nachts aufstehen für einen Termin im Bürgeramt

Ich kann mich an den Amtsschimmel ebenfalls noch erinnern. Bei einem meiner letzten Berliner Behördentermin vor der Ausreise nach Neu Delhi vor knapp 20 Jahren bekam ich einen neuen Reisepass – der mich als weiblich auswies. Auf meinen Einwand, dass ich ganz offensichtlich ein Mann sei und ungerne als Frau durch die Welt reisen würde, wurde zurückgepampt, dass der Passeintrag zum Geschlecht doch sowieso niemandem auffallen würde. Erst nach Protest bekam ich einen neuen Pass.

Natürlich weiß auch ich, dass heute immer noch nicht alles rund läuft bei den Behörden. Um einen Termin in einem der Bürgerämter zu ergattern, muss ich in Washington nach Mitternacht vor dem Computer darauf warten, dass sie am frühen Berliner Morgen freigeschaltet werden. Die nächste Verfügbarkeit liegt dann viele Wochen in der Zukunft. Als es aber soweit ist, läuft es aber wie am Schnürchen.

Um 12.12 Uhr ist der Termin anberaumt, um 12.14 Uhr wird meine Nummer aufgerufen. 30 Minuten später bin ich wieder in Berlin gemeldet und habe einen neuen Personalausweis beantragt, der Wohnort im Pass ist geändert, die überaus freundliche Amtsmitarbeiterin hat die Umschreibung des US-Führerscheins in die Wege geleitet. Ob Bürgerämter oder Schulen: Auch meine Ehefrau und unsere Tochter haben durchweg positive Erfahrungen gemacht. Eine Freundin meint, vielleicht seien diese Erlebnisse eine Art Echo auf eine Herangehensweise, die wir uns von den Amerikanern abzuschauen versucht haben: Probleme optimistisch anzugehen und immer freundlich zu sein, auch wenn es schwer fallen sollte.

Vor meiner Ausreise wirkte Berlin auf mich gelegentlich engstirnig, die Bewohner schienen vor allem auf sich bezogen zu sein. Nach meiner Rückkehr empfinde ich die Internationalität, die Weltläufigkeit der Stadt, die sich zur echten Metropole entwickelt hat, als Bereicherung. Berlin ist nicht nur weltoffen, sondern hat auch uns mit offenen Armen empfangen. Das hatten wir nach der langen Abwesenheit nicht unbedingt erwartet – und sind umso dankbarer dafür.

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Von Can Merey/RND