Dienstag , 29. November 2022
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Viele Menschen, vor allem im höheren Alter, nehmen zahlreiche verschiedene Medikamente ein, die teils Wechselwirkungen haben. Mit einer digitalen Erfassung könnten Ärzte leichter den Überblick behalten. (Symbolbild) Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbi

Digitalisierung im Gesundheitswesen unzureichend: 70.000 Todesfälle könnten jährlich vermieden werden

Berlin. Durch eine intelligente digitale Erfassung und Auswertung aller Arzneimittelverschreibungen könnten nach Einschätzung der Krankenkasse Barmer jährlich bis zu 70.000 Todesfälle verhindert werden. Das hat der jüngste Arzneimittelreport der Barmer ergeben, der am Mittwoch vorgestellt wurde.

Danach konnte in einem entsprechenden Modellprojekt mit 11.000 Patientinnen und Patienten die Sterblichkeit im Vergleich zur herkömmlichen medizinischen Versorgung zwischen 10 und 20 Prozent gesenkt werden.

Im Rahmen des Projektes wurden Hausarztpraxen erstmals digital mit vollständigen Informationen über Vorerkrankungen und Arzneimittelverschreibungen der Patienten versorgt. Zusätzlich bekamen die Ärzte Hinweise auf vermeidbare Risiken der Therapie, wie zum Beispiel gefährliche Wechselwirkungen.

Im Schnitt 76 Rezepte in zehn Jahren

Wie komplex und umfangreich die medizinischen Daten sind, hat die Barmer in dem Report erstmals konkret untersuchen lassen. Danach erhalten über 40-jährige Versicherte im Zeitraum von zehn Jahren durchschnittlich insgesamt 76 Rezepte. 27 Prozent der Versicherten wurden 100 und mehr Rezeptblätter ausgestellt. Das obere Zehntel der Versicherten ab 90 Jahre bekam in den zurückliegenden zehn Jahren sogar 257 und mehr Rezepte.

Verordnet wurden durchschnittlich 20 verschiedene Wirkstoffe. Im Schnitt suchten die Patientinnen und Patienten 21 verschiedene Praxen auf. Zwei von 100 Versicherten wurden in dieser Zeit in mehr als 50 verschiedenen Praxen behandelt. Der Auswertung liegen die Daten von rund fünf Millionen Menschen zugrunde, die in diesem Zeitraum kontinuierlich bei der Barmer versichert waren.

„Für Ärztinnen und Ärzte ist es kaum möglich, angesichts der Komplexität der Arzneimitteltherapie den Überblick zu behalten und Medikationsrisiken einzuschätzen“, sagte Barmer-Chef Christoph Straub. Daher sei eine digitale Unterstützung unabdingbar, fordert er. Notwendig sei ein automatischer digitaler Vorgang, der alle diese Informationen speichert, damit sie Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken zur Verfügung stünden, forderte er. Eine umfassende manuelle Dokumentation würde dagegen jedes Jahr 3,7 Millionen Stunden zusätzlicher ärztlicher Arbeit erfordern. Dies entspreche mehr als 2200 Vollzeitstellen.

Straub forderte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf, durch mehrere Gesetzesänderungen die Digitalisierung voranzutreiben. So müsse gewährleistet werden, dass Abrechnungsdaten der Krankenkassen zur Unterstützung bei der Behandlung genutzt werden dürften. Zudem müsse im ambulanten und stationären Bereich nicht nur das eingesetzte Arzneimittel, sondern auch die Dosierung digital erfasst werden. Grundsätzlich sei es notwendig, dass Informationen rund um die Medikation der Patientinnen und Patienten zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Apotheken problemlos ausgetauscht werden könnten, verlangte der Kassenchef.

Von Tim Szent-Ivanyi, Julia Kaiser/RND