Sonntag , 4. Dezember 2022
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Trolle verbreiten im Internet russische Propaganda (Symbolbild). Quelle: Nicolas Armer/dpa

Putins Armee der Trolle

Als Jessikka Aro im September 2014 anfing, über russische Trolle zu berichten, blieb danach nichts wie zuvor. Die finnische Journalistin war damals 33 Jahre alt und arbeitete für Yle, Finnlands öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ihr Leben, so beschreibt Aro es im Rückblick, war unbeschwert. Feinde hatte die Reporterin keine, in den Weiten des Internets zeigte niemand größeres Interesse an ihr. Das sollte sich jedoch schlagartig ändern.

Um den Aktivitäten russischer Trolle in Finnland auf die Schliche zu kommen, bat Aro ihre Leserinnen und Leser um Mithilfe. Sie fragte nach deren Erfahrungen mit Fake-Accounts, die das finnischsprachige Internet mit russischer Propaganda überschwemmen. Kurz darauf war es Aro selbst, die überschwemmt wurde. „Kaum war mein Artikel erschienen, kam es sowohl auf meinen Social-Media- als auch auf meinen beruflichen Kommunikationskanälen zum Super-GAU“, schreibt sie in ihrem Buch „Putins Armee der Trolle“, das im August in deutscher Übersetzung im Goldmann-Verlag erschienen ist. „Ich erhielt Textnachrichten, Anrufe und E-Mails aus Russland, Kasachstan und von sonst wo aus der russischsprachigen Welt“, sagt die Journalistin.

Aro sah sich nicht nur Bedrohungen ausgesetzt, sondern musste gegen eine ganze Flut aus Lügen ankämpfen, die im Internet über sie verbreitet wurden: Sie sei eine Mitarbeiterin der Nato, habe Verbindungen zur estnischen Sicherheitspolizei und würde kriminellen Aktivitäten nachgehen.

Vier Tage nach dem Erscheinen ihres Artikels zog Jessikka Aro die Sicherheitsabteilung ihres Senders zurate. Drei nervenaufreibende Jahre später verließ sie ihr Heimatland – in der Hoffnung, außerhalb Finnlands würden die Anfeindungen, die Propaganda und die Lügen über sie und ihre Arbeit abebben.

Russische Trolle und prorussische Rechtsaußenaktivisten machen ihren Gegnern das Leben zur Qual. Doch ihre Angriffe gelten nicht Einzelnen – sondern zielen auf den Kern demokratischer Gesellschaften. Dahinter steckt ein ausgeklügeltes System, eine Symbiose staatlicher und nicht staatlicher Akteure, die sich zum Informationskrieg im Sinne des Kreml verbündet haben.

Ein Jahr bevor Aro am eigenen Leib erfuhr, was es bedeutet, ins Visier prorussischer Trolle zu geraten, deckte die unabhängige Zeitung „Nowaja Gaseta“ die Existenz einer ganzen Trollfabrik auf. Nur etwa 400 Kilometer von der finnischen Hauptstadt Helsinki entfernt, am Rande von Sankt Petersburg, war im Jahr 2013 die Internet Research Agency gegründet worden. Der Kreml führte zu diesem Zeitpunkt schon lange Informationskriege.

„Die russischen Trollfabriken wurden ursprünglich nicht gegründet, um den Westen zu beeinflussen, sondern waren auf das russische Publikum gerichtet“, erklärt Julia Smirnova. Von 2012 bis 2017 war sie Korrespondentin in Moskau, heute arbeitet Smirnova als Analystin für das Institute for Strategic Dialogue in London und Berlin und beobachtet russische Desinformationskampagnen. Die Trolle hätten zunächst Falschinformationen und Pro-Kreml-Positionen auf Russisch verbreitet, erklärt die Russland-Expertin. „Erst später haben sie angefangen, ähnliche Methoden gegen den Westen zu verwenden.“

Trolle im Schichtbetrieb

Am meisten ist über die Aktivitäten der Trollfabrik in den USA bekannt: Dort versuchte sie, die Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 zugunsten Donald Trumps zu beeinflussen. Schon ab 2014 legten die Trolle gefälschte Accounts in den sozialen Medien an und gaben sich sowohl als Anhänger der Demokraten als auch der Republikaner aus. Sie gründeten Facebook-Gruppen, die teilweise auf mehrere Hunderttausend Mitglieder anwuchsen. Ihr Ziel: Polarisierung und Spaltung. „Es geht darum, den Informationsraum zuzumüllen und Verwirrung zu stiften“, sagt Julia Smirnova.

Die Trolle nutzen die von ihnen aufgebauten Netzwerke sogar, um in den USA zu Protesten samt Gegenprotesten aufzurufen. Sie gaben sich wahlweise als schwarze Aktivisten gegen Polizeigewalt aus oder als „patriotische“, weiße Trump-Unterstützer. Laut dem Abschlussbericht des US-Sonderermittlers Robert Mueller zur russischen Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl haben allein die Facebook-Accounts der Trolle bis zu ihrer Abschaltung mindestens 80.000 Posts veröffentlicht. Sie haben damit demnach mindestens 29 Millionen Menschen in den USA erreicht – und Schätzungen zufolge sogar bis zu 126 Millionen.

Aus Datensätzen, die das soziale Netzwerk Twitter veröffentlicht hat, geht hervor, dass die Internet Research Agency auch in Deutschland aktiv war – wenn auch offenbar in einem deutlich geringeren Ausmaß. Doch Trolle im Schichtbetrieb sind nicht die einzige russische Waffe im Informationskrieg.

Russische Narrative verbreitet

„Russland betreibt Desinformation und Propaganda mit dem Ziel, unsere Gesellschaft zu spalten“, warnt Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). „Dies hat Russland schon in der Corona-Pandemie praktiziert“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und fügt an: „Das setzt sich aktuell mit Bezug auf den russischen Angriffskrieg fort.“ Vor allem russische Narrative rund um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges und die Energieversorgung würden in den sozialen Medien verbreitet.

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Hinter solcher prorussischer Propaganda stecken längst nicht immer bezahlte Trolle. „Die reichweitenstärksten Facebook-Posts zur Energiekrise kommen nicht von russischen Trollen oder Staatsmedien – sondern von AfD-Politikern oder von Sahra Wagenknecht“, gibt Julia Smirnova zu bedenken und ergänzt: „Sie transportieren aber trotzdem russische Narrative.“ Für die Analystin steht fest: „Heimische Akteure spielen in Deutschland momentan eine größere Rolle bei der Verbreitung prorussischer Botschaften als russische Trolle.“ Darunter fallen auch Aktivistinnen und Aktivisten, die es sich als vermeintliche Journalisten zur Aufgabe gemacht haben, die „russische Sichtweise“ zu verbreiten – häufig samt durchschaubaren Falschmeldungen und offenkundiger Propaganda.

Propaganda mit gefakten Logos

„Wir sehen jedoch auch in Deutschland weiter unauthentische Aktivitäten, die zumindest an die Arbeit russischer Trollfabriken erinnern“, fügt Smirnova an. „In den vergangenen Monaten sind gefälschte Nachrichtenseiten und Videos aufgefallen, die wie Videos etablierter Medien aussehen sollten“, erklärt sie. Das Nachrichtenportal „T-Online“ legte diese Aktivitäten im August offen: Unbekannte bauten Websites bekannter deutscher Medien nach und versahen russische Propagandavideos mit den Logos dieser Medien. Gefälschte Facebook-Accounts mit computergenerierten Profilfotos sorgten für die Verbreitung im Netz.

In einem gefälschten „Spiegel“-Artikel ging es etwa um die Sorgen von Privatbrauereien angesichts steigender Energie- und Rohstoffpreise. Am Ende eines beigefügten Videos war schließlich eine Texteinblendung zu sehen – weiß auf unverwechselbar „Spiegel“-orangefarbenem Grund: „Zum Wohle Deutschlands müssen die Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden.“ In anderen gefälschten Artikeln wurde etwa das von russischen Soldaten im ukrainischen Ort Butscha angerichtete Massaker als Inszenierung bezeichnet, die enthüllt worden sei. Es sind die klassischen Muster der orchestrierten Meinungsmanipulation, die sich weltweit seit Jahren immer wieder beobachten lassen.

Die Macher der Kampagne betrieben einen gewaltigen Aufwand. Nach den Medienberichten untersuchte auch die Nichtregierungsorganisation EU Disinfo Lab das neu entdeckte Propagandanetzwerk und dessen Aktivitäten in mehreren europäischen Ländern. Ihr Ende September veröffentlichter Bericht benennt zwar keinen konkreten Verantwortlichen für die Kampagne, verschiedene Hinweise deuten laut den Autoren jedoch auf in Russland ansässige Akteure hin. Zu demselben Schluss kommt auch eine interne Untersuchung des Facebook-Mutterkonzerns Meta. Das von Facebook schließlich zerschlagene Netzwerk sei das größte dieser Art seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine gewesen, erklärt der Konzern.

Die Unsicherheit, wer hinter einer Falschbehauptung oder einer ganzen Manipulations- und Desinformationskampagne steckt, ist keine Ausnahme. Hat man es mit bezahlten Trollen zu tun? Mit einem russischen Geheimdienst? Oder schlichtweg mit deutschen Ideologen, die voll auf Kremlkurs sind? Häufig gibt es aber zumindest Indizien.

Misstrauen säen

So auch im September, als sich ein vermeintliches Foto eines staatlichen Plakats aus der Schweiz in den sozialen Medien verbreitete. „Heizt der Nachbar die Wohnung über 19 Grad auf? Informieren Sie uns“ war darauf geschrieben – samt einer Telefonnummer für Hinweise und dem Versprechen einer Belohnung von 200 Franken. Bei dem Foto des angeblichen Denunziationsaufrufs handelte es sich um eine Fälschung, offenbar geschaffen, um Misstrauen in der Schweiz zu säen – und um für das russische Publikum ein Bild vom zerfallenden Westen zu malen. Der Urheber des Fakes blieb zunächst unbekannt, zu den ersten Verbreitern des Bildes auf Twitter gehörten jedoch mehrere russische Accounts. Auch ein britischer Mitarbeiter des russischen Staatssenders RT verbreitete das Foto und die damit verknüpfte Botschaft, ebenso der Staatssender Sputnik und ein russischer UN-Diplomat.

Die staatlichen Auslandsmedien RT und Sputnik spielen eine wichtige Rolle im Informationskrieg des Kremls. In Deutschland sind die beiden zum Staatskonzern Rossija Sewodnja gehörenden Medien schon seit Jahren vor allem online aktiv. RT DE (vormals RT deutsch) wollte sogar einen richtigen Fernsehsender einrichten – scheiterte aber, weil das Unternehmen keine Rundfunklizenz erhielt. Spätestens in der Corona-Pandemie hat sich RT DE zu einem der Leitmedien von Impfgegnern, Verschwörungsideologen, Rechtspopulisten und Rechtsextremen entwickelt. Die Chefredakteurin von Rossija Sewodnja, Margarita Simonjan, sprach schon 2013 von den russischen Staatsmedien als „Informationswaffen“, die in „kritischen Momenten“ eingesetzt würden.

Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs griff die EU im März zu einem bis dahin beispiellosen Schritt. Sie sanktionierte nicht nur Simonjan, sondern auch RT und Sputnik. Die beiden Kremlmedien dürfen ihre Inhalte in der EU seitdem nicht mehr senden, auch die Verbreitung im Internet ist verboten. „Die EU-Sanktionen gegen die Staatsmedien RT und Sputnik waren ein empfindlicher Schlag und haben deren Reichweite eingeschränkt“, sagt Verfassungsschutzchef Haldenwang, dessen Behörde schon länger ein Auge auf die Aktivitäten dieser Medien hat. „Die Erzählungen werden derzeit vor allem in den sozialen Medien stark verbreitet“, ergänzt er. Die Reichweite mag geringer sein – einfach zugänglich bleibt die Kremlpropaganda auch Monate nach dem Verbot. Im Informationskrieg gibt der Kreml nicht klein bei.

Die Finnin Jessikka Aro plädiert unterdessen dafür, die Angriffe Russlands mit Trollen und Desinformationskampagnen als kriegerische Handlungen anzuerkennen, „die sofort aufzudecken und in Echtzeit zu bekämpfen sind“. Nur so ließen sich ihre negativen Auswirkungen auf Zivilisten vermeiden, schreibt Aro. Und nur so könne verhindert werden, „dass im Westen weiterhin Bürger dem russischen Informationskrieg zum Opfer fallen“.

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Von Felix Huesmann/RND