Sonntag , 4. Dezember 2022
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Wladimir Putin, Präsident von Russland, während einer Pressekonferenz. Quelle: Thibault Camus/Pool AP/dpa

Putin wird 70: Wie sein Traum vom Stalin-Imperium zu zerplatzen droht

Im Alter von 70 Jahren befand sich Sowjetdiktator Josef Stalin auf dem Zenit seiner Macht: Er hatte sein von Nazi-Deutschland angegriffenes Riesenreich unter Aufbringung größter Opfer zum Sieg geführt, war von der Paria der Weltgemeinschaft zum Beherrscher Ost- und Mitteleuropas aufgestiegen. Stalin war 1949 ein mit Atombomben bewaffneter Cäsar, vor dem die Welt zitterte und dessen ideologische Verbündete Asien zu überrollen begannen.

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Es gab eine Zeit, da glaubte Wladimir Putin – der historische Vergleiche liebt, auch wenn sie noch so absurd sind –, er werde an seinem 70. Geburtstag den Glanz des im heutigen Russland wieder gefeierten Sowjet­diktators Stalin noch überstrahlen. Das war vor dem 24. Februar 2022. Doch die Bilanz an diesem Freitag sieht für den am 7. Oktober 1952 im damaligen Leningrad – dem heutigen St. Petersburg – geborenen Wladimir Wladimirowitsch Putin nüchtern aus.

Russland ist im Herbst 2022 ein in Teilen dysfunktionales, wirtschaftlich heruntergewirtschaftetes, von putin­treuen Eliten korrumpiertes Armenhaus, das einen Angriffskrieg begonnen hat, für den es einen Preis bezahlen wird, dessen Höhe sich noch nicht abschätzen lässt. Fest steht nur: Generationen werden dafür aufkommen müssen, das Vertrauen der Staatengemeinschaft zurückzugewinnen, zerstörte Handels­beziehungen wiederaufzubauen und zu erklären, wofür Tausende junger Menschen gefallen sind, vertrieben und verstümmelt wurden.

Das alles wird einen heute 70‑Jährigen, der im Sommer 1999 als russischer Spitzenpolitiker erstmals auf der globalen Bildfläche erschien und auf seinem Weg seitdem irgendwann offensichtlich die Bodenhaftung verloren hat, nicht mehr beschäftigen. Weil Putin wie einst Stalin dem Cäsarenwahn verfallen ist und längst nicht mehr politisch strukturiert denkt – sondern in historischen Dimensionen.

Putin ist längst zu einer tragischen Figur geworden – in Russland, dessen Menschen er mit seinem Angriffs­krieg in Geiselhaft genommen hat. Aber auch in Deutschland, das ihm immer besonders wichtig war, weil er kein Land besser zu kennen glaubt, abgesehen von seinem Heimatland. Was nicht verwundert, seine einzige Zeit im Ausland brachte er von 1985 bis 1990 als KGB‑Mitarbeiter in Dresden zu. Die Erfahrungen in Ostdeutschland, eine Bevölkerung jagt ihre ideologischen Peiniger vom Hof, haben ihn tief geprägt. Ebenso, wie der anschließende Zerfall der Sowjetunion und die folgenden wilden Jahre einer missratenen Demokra­tisierung des noch jungen postsowjetischen Russlands unter Präsident Boris Jelzin, die von Verelendung, ausufernder Kriminalität und Raubtierkapitalismus geprägt waren.

Der vom ehemaligen KGB‑Offizier zum Politiker gewandelte Putin setzte fortan alles daran, diese „Irrwege“ – Demokratisierung, postsowjetische Kleinstaaterei, Marktwirtschaft – zu korrigieren. Als Putin im August 1999 zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, galt er als ein „Mr. Nobody“. Nur wenigen fiel auf, dass dieser nur 1,70 Meter große Mann mitunter merkwürdige politische Ansichten äußerte.

So berichtete der WDR im TV‑Feature „Aufbruch nach Osten“ am 3. Januar 1994, der 2. Bürgermeister von St. Petersburg hätte vor deutschen Wirtschaftsvertretern geäußert, „eine Militärdiktatur nach chilenischem Vorbild ist die für Russland wünschenswerte Lösung der gegenwärtigen politischen Probleme“. Zur Erinne­rung: Das Chile des Diktators Auguste Pinochet war von 1973 und 1990 ein Folterstaat, in dem schätzungs­weise 40.000 Menschen starben. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Putins Plädoyer für eine Militärdiktatur von den anwesenden deutschen Wirtschaftsvertretern, Manager von BASF, Dresdner Bank und Alcatel, mit „freundlichem Beifall“ bedacht wurde, wie das „Neue Deutschland“ damals schrieb.

Überhaupt: Die Deutschen und Putin. „Deutschland hat über lange Zeit ein besonders absurdes Putin-Bild gepflegt“, so der Journalist und Sachbuchautor Christian Neef zum RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Es gebe hier eine Romantisierung, ja geradezu eine „Russlandbesoffenheit“, die unterscheide sich sehr vom Bild, das sich in Nachbarländern über Russland gemacht werde. „Historisch gibt es da eine Konstante: Deutschland schaut immer nur auf Russland, mal mit Ehrfurcht, mal mit Angst, mal mit Bewunderung. Andere Akteure wie die Ukraine, Polen, die baltischen Staaten spielen im deutschen Bewusstsein dagegen kaum eine Rolle“, beschreibt der ehemalige Moskauer „Spiegel“-Korrespondent Neef das deutsche Dilemma.

Zurück zu Putin: Das Bild eines an Deutschland interessierten und für Russland das Beste wollenden ratio­nalen Strategen – dieses Bild hat sich in Deutschland früh breitgemacht. Als es dieser kalte Machtmensch dann auch noch „menscheln“ ließ – seine Freundschaft zum damaligen Kanzler Gerhard Schröder, dessen mit Putins Hilfe vollzogene Adoption zweier russischer Kinder, Putins auf Deutsch gehaltene blumige Rede vor dem Bundestag 2001 – all das ließ die letzten Reste des Eises eines verschwundenen Kalten Krieges vollends schmelzen.

Dabei ignorierten die Deutschen wie der Westen insgesamt, dass ebenjener Putin schon damals ein blutiger Schlächter war. Christian Neef: „Wir haben übersehen, dass seine angebliche Hand­reichung uns Deutschen gegenüber 2001 erfolgte, nachdem er 20 Monate zuvor den Zweiten Tschetschenien-Krieg vom Zaune gebrochen hatte.“ Ein Krieg gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung, der Schätzungen zufolge 50.000 bis 80.000 Menschen­leben forderte.

Die Russen – sie hatten stets ein anderes Putinbild. „Die meisten Russen interessieren sich nicht für Politik“, sagt Maik Yakopov, ein in der Sowjetunion geborener Physiker, der seit Jahren in Hamburg wohnt. „Unter Putin ist das Leben sicherer geworden, moderner, Russland scheint endlich im Jetzt angekommen zu sein – das hat für die meisten gezählt. Dass der Preis dafür der Verlust von Freiheit war, das haben viele gar nicht bemerkt. Und falls doch, hat es sie nicht gestört“, so Yakopov zum RND. Putin galt vielen Russen als „Über­vater“, sagt Yakopov, „wie einst Stalin oder der Zar, ein Kümmerer, der für all das, was im Land schieflief, und das war eine Menge, selbst nichts konnte.“

Ein Land in einem desolaten Zustand – aber ein Präsident, der sich in Megafernsehshows wie dem alljährlich ausgestrahlten „Direkten Draht“ den Problemen seiner Untertanten widmet, von der Empfehlung, morgens Haferbrei zu essen, bis zum Eintreiben nicht ausgezahlten Lohns für einen Bauarbeiter am fernöstlichen Amur.

Die Russen überließen Putin die Politik

Die Russen und Russinnen überließen Putin die Politik – und erfreuten sich an einem beispiellosen Moder­ni­sierungsschub, an mehr Wohlstand dank ungezügelter Exporte von Rohstoffen, an innerer Sicherheit und einem Gefühl, weltweit wieder als Großmacht gefürchtet zu werden. Sie übersahen dabei, dass Putin die letzten demokratischen Freiheiten kassierte, anstelle der Korruption die Kleptokratie „seiner“ Oligarchen etablierte, einen Krieg nach dem anderen begann: Moldawien, Georgien, Krim, Ostukraine, Syrien.

Sie merkten nicht, wie selbst die in der Übergangszeit hart erkämpften Rudimente freier Medien und einer demokratischen Opposition allmählich getilgt wurden. Die Russen und Russinnen konsumierten iPhone, fuhren VW und sonnten sich an Antalyas Stränden–– und sahen weg, wenn wirtschaftsliberale Politiker wie Boris Nemzow, dessen Thesen ohnehin niemand verstand, an der Großen Moskwa-Brücke von Unbekannten nieder­geschossen wurden.

Oder Menschenrechtler wie Anna Stepanowna Politkowskaja, deren Aufdeckung brutalster Menschen­rechts­verletzungen in Tschetschenien ohnehin nicht ins Stimmungsbild passten. Im Russland Putins stürzen Oppositionelle, Blogger, Journalisten, Wirtschaftsleute, Mediziner aus Fenstern, fallen von Balkonen, brechen sich im eigenen Bad das Genick. Russland erkaufte sich Frieden und innere Stabilität zum Preis der Freiheit.

Putin brach sein Versprechen von innerem Frieden und Sicherheit

Doch etwas hat sich grundlegend geändert – seit Wladimir Putin, der Stalin aus dem Giftschrank zurück in die Heldengalerie holte und im gleichen Atemzug Menschenrechtsorganisationen wie Memorial verbot, am 24. Februar einen Angriffskrieg startete, mutmaßlich auch um sich damit unsterblich zu machen. Sein unaus­gesprochenes Versprechen an die Russen und Russinnen, die Garantie von innerem Frieden, von Wohlstand und Sicherheit, hat er gebrochen. Die Bürger und Bürgerinnen bezahlen zunehmend einen hohen Preis. Das sorgt für Unruhe.

An seinem 70. Geburtstag thront Putin, der gescheiterte Kriegsherr und Totengräber der russischen Demo­kratie, auf den Trümmern seines Lebenswerks. Zwischen 600.000 und 700.000 Russen sollen das Land ver­lassen haben, berichtet die „Ukrainska Pravda“, seit eine Teilmobilmachung verkündet wurde.

Man schätzt, dass bislang zwischen 50.000 und 60.000 russische Soldaten gefallen sind. Jetzt, Anfang Okto­ber, verlieren die russischen Streitkräfte reihenweise Gebiete. Die Sanktionen werfen die russische Wirtschaft fast ein Jahrzehnt zurück, melden Medien wie der „Spiegel“. „Putin ist heute der größte destabilisierende Faktor, ein Destabilisator“, sagt der Politologe Abbas Galljamow. Es gebe eine beispiellose „Deindustria­lisierung“, Putin mache Russland „zu einem Dritte-Welt-Land“.

Einsamkeit umgibt Putin

Einsam soll es sein, im Inner Circle des Kreml. Nur wenige Vertraute haben noch Zugang zu Putin, beschreiben Beobachter. Die Bilder dieser überdimensionalen Tafeln, an denen er Gäste empfängt, sprechen eine eigene, kalte Sprache. Um diesen Eindruck zu widerlegen hat der Kreml am Geburtstag die Staatschefs der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), einer Art Nachfolgeorganisation der Sowjetunion, zu einem „informellen Gipfel“ geladen. Von Feier spricht niemand.

Denn nicht einmal unter den verblieben zehn GUS-Staaten folgen ihm alle. Moldau, Aserbaidschan und Kasachstan sind offen gegen den Krieg, die anderen geben sich zurückhaltend. Nur die Diktatur Belarus steht fest an Moskaus Seite.

Deutschland und Europa spielen wieder eine zentrale Rolle

In der derzeit ausweglosen Situation spielen ausgerechnet Deutschland und Europa wieder eine zentrale Rolle in Putins Denken, glaubt der Politologe Galljamow. Wenn auch militärisch nicht mehr viel zu gewinnen ist – Putins letzte Hoffnung in diesem Krieg sei, dass sich die Energiekrise in Europa weiter zuspitze und damit der Rückhalt der Ukraine im Westen breche. Wahlsiege rechter Parteien in Italien oder Schweden und steigende Umfragewerte für die AfD in Deutschland sind Ausdruck dessen. Putin setzt auf Europa. Und auf Russlands zuverlässigsten Verbündeten - die Kälte. Galljanow sagt: Wenn Europa bis März nicht „eingefroren“ sei, dann sehe es schlecht aus für Putin.

Von Harald Stutte/RND