Sonntag , 20. September 2020
Joe Biden, demokratischer Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur und ehemaliger US-Vizepräsident. Quelle: Patrick Semansky/AP/dpa

Blick in Bidens Notizen: Warum Kamala Harris seine Vizepräsidentin werden könnte

Wer wird Kandidatin der US-Demokraten für die Vizepräsidentschaft? Drei Monate vor der Wahl hat Joe Biden sich dazu noch immer nicht geäußert. Ein Blick auf seine Notizen zeigt nun aber, wer seine Favoritin sein könnte.

Wilmington. Joe Biden war schmallippig beim Thema seiner Suche nach einer Vizepräsidentin. Doch der voraussichtliche Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten schien zuletzt darauf vorbereitet, über mindestens eine führende Anwärterin auf den Posten zu sprechen: Die kalifornische Senatorin Kamala Harris.

Als er bei einer Pressekonferenz in Wilmington die Fragen von Reportern entgegennahm, schoss ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP ein Bild seiner Notizen. Harris‘ Name stand darauf ganz oben, darunter fünf Punkte: „kein Groll“, „hat Wahlkampf mit mir und Jill gemacht“, „talentiert“, „große Hilfe für die Wahlkampfkampagne“, „großer Respekt ihr gegenüber“.

All dies sind Bemerkungen, die Biden schon zuvor über Harris gemacht hat. Doch nach einem kürzlichen Bericht des Magazins “Politico” bekommen sie eine neue Bedeutung. “Politico” zufolge hat einer von Bidens engsten Freunden und Mitvorsitzender des Komitees für die Vizepräsidentschaft, Senator Chris Dodd, Bedenken wegen der harschen verbalen Angriffe von Harris auf Biden bei TV-Debatten geäußert, weil Harris deswegen kein Bedauern ausgedrückt habe.

Die Dodd zugeschriebenen Kommentare sind insbesondere von einflussreichen Demokraten verurteilt worden. Von Harris werde erwartet, einen Standard zu erfüllen, der von einem männlichen Bewerber nicht erwartet würde, kritisierten sie.

Harris kritisierte Biden für frühere Kommentare

Die Auseinandersetzung auf der Bühne war ein bedeutender Moment der Vorwahlen. Harris, die schwarz ist, sagte, Biden haben „sehr schmerzhafte“ Kommentare über seine frühere Arbeit mit Befürwortern der Trennung von Weißen und Schwarzen gemacht.

Anschließend warf sie Biden seine damalige ablehnende Haltung zum sogenannten Busing vor, dem Bustransport von vor allem schwarzen Schülern in andere Wohnviertel, um Schulen mit ethnisch ausgewogenen Klassen zu schaffen. Harris war als Mädchen selbst mit dem Bus in andere Wohnviertel gefahren worden.

Biden nannte ihre Kommentare damals eine „falsche Beschreibung meiner Position“. Ihre Beziehung ist seitdem deutlich freundschaftlicher geworden. Biden hat Harris mehrfach öffentlich gelobt und verdeutlicht, dass er persönlich und professionell viel von ihr halte, insbesondere seit sie sich mit Bidens mittlerweile gestorbenem Sohn Beau anfreundete, als beide als Generalstaatsanwälte arbeiteten.

Harris und Biden sammeln zusammen Spenden

Es ist üblich, dass Politiker Notizen mit auf das Podium nehmen, entweder handgeschriebene Ergänzungen zu förmlichen Ausführungen oder stichpunktartige Listen. Im März, zu Beginn der Coronavirus-Pandemie, wurden die Notizen von Präsident Donald Trump fotografiert, auf denen „chinesisch“ über „Corona“ stand, Teil der Bemühungen Trumps, für die Pandemie ausländische Gegenspieler verantwortlich zu machen.

Im vergangenen Jahr, als Trump sich einem Amtsenthebungsverfahren stellen musste, weil er die Ukraine gebeten hatte, ihn bei seiner Wiederwahl zu unterstützen, hatte er einen Notizzettel dabei, auf dem stand: “Ich will nichts” und “Ich will kein quid pro quo”, also eine Leistung gegen eine Gegenleistung.

Bidens Liste legt nahe, dass er jegliche Mutmaßungen über Spannungen zwischen ihm und Harris entkräften will. Die Notizen zeigen auch, dass Harris für Biden eine verantwortungsvolle Vertreterin geworden ist, die mit ihm Spenden sammelt. Erst vergangene Woche trat sie bei einer Veranstaltung für Biden in Raleigh in North Carolina auf. Bei schwarzen Wählerinnen und Wählern sowie weißen Frauen mit akademischer Ausbildung kommt Harris gut an, was die Aussichten der Demokraten verbessern könnte.

Schlussendlich musste sich Biden am Dienstag keiner Frage zu Harris stellen. Ein Sprecher von Harris äußerte sich zunächst nicht auf eine Anfrage. Auch bei der Frage nach dem Zeitpunkt seiner Entscheidung für die Vizepräsidentschaftskandidatin blieb Biden weiterhin vage. Auf seinem Zettel hatte Biden unter “VP” für “vice president” (Vizepräsidentin) lediglich “hoch qualifiziert” und “diverse Gruppe” stehen – er hatte also keine Absicht, weitere Details bekanntzugeben.

Was sonst noch auf dem Papier stand: In den „letzten 100 Tagen“ des Wahlkampfs werde er „klarste Kontraste anbieten“, „die Wahrheit sagen“, „Verantwortung übernehmen“ und „Wissenschaftlern zuhören“ – alles bissige Verweise auf Trump.

RND/AP