Sonntag , 25. Oktober 2020
Die durch Beschuss beschädigte Tür der Synagoge Halle. Mittlerweile ist sie ausgetauscht. Quelle: Jan Woitas/zb/dpa

Halle-Prozess: Was wusste die Familie des Angeklagten?

Über den Anschlag redet er gern und viel – bei persönlichen Fragen wird der Angeklagte im Halle-Prozess aber schnell still. Nun sollen andere dem Gericht berichten, was für ein Mensch der Beschuldigte vor der Tat war. Geladen sind unter anderem Mutter, Vater und Schwester des 28-Jährigen – doch keiner von ihnen wird etwas sagen.

Magdeburg. Ist der Angeklagte im Prozess zum rechtsterroristischen Anschlag von Halle ein Einzeltäter, wie er vorgibt? Wusste wirklich niemand, was der Mann vorhatte, so wie er behauptet? Die Nebenklage hat daran erhebliche Zweifel und will am Mittwoch (10 Uhr) Menschen aus dem persönlichen Umfeld des Beschuldigten befragen. Geladen sind unter anderem Mutter, Vater und Schwester des 28-Jährigen. Die drei erklärten zu Beginn des vierten Prozesstages am Mittwoch in Magdeburg, von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen.

Der Vater nickte seinem Sohn kurz zu, die Halbschwester wich den Blicken des Angeklagten aus. Ein Anwalt der Nebenklage versuchte, die Halbschwester, welche die gleiche Mutter hat wie der Angeklagte, davon zu überzeugen, auszusagen. Die Richterin unterband das. Im Anschluss sollten der Ex-Freund der Schwester sowie ehemalige Mitschüler und Lehrer des Angeklagten vernommen werden.

Die weiteren Befragungen werden auch deshalb mit Spannung erwartet, da sich der Angeklagte bei persönlichen Angaben, anders als bei Fragen zur Tat, bislang ausgesprochen wortkarg gab. Der Beschuldigte hatte bisher stets beteuert, allein gehandelt zu haben und dass niemand von seinem Plan gewusst hatte.

Auch Mutter Anhängerin antisemitischer Verschwörungstheorien?

Am Dienstag hatten bereits mehrere Anwälte Aussagen von Verwandten und Bekannten zitiert, die darauf hindeuten, dass dessen rechtsextreme Weltanschauung seinem Umfeld durchaus bekannt war. Das Gericht hatte auch einen Brief verlesen, den die Mutter des Angeklagten vor einem Suizidversuch in Folge des Anschlags an ihre Tochter, die Schwester des Beschuldigten, geschrieben haben soll. Daraus ging hervor, dass auch die Mutter antisemitischen Verschwörungstheorien nahe steht. Der Angeklagte begründete die Äußerungen damit, dass die Mutter zu dem Zeitpunkt unter dem Einfluss von Alkohol und Tabletten gestanden habe. Während er bei Fragen der Kläger und Nebenkläger oft lacht oder sich flapsig gibt, starrte der 28-Jährige bei der Verlesung des Briefes still auf den Tisch vor sich.

Der Angeklagte Stephan Balliet hatte zu Prozessbeginn eingeräumt, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, in der Synagoge von Halle ein Massaker anzurichten. In dem Gotteshaus feierten zu dem Zeitpunkt 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Dem Angeklagten gelang es jedoch nicht, in die Synagoge zu gelangen. Daraufhin erschoss er vor der Synagoge eine zufällig vorbeikommende 40-Jährige und später einen 20-Jährigen in einem Dönerimbiss.

45 Nebenkläger haben sich der Klage angeschlossen

Außerdem verletzte Balliet auf seiner Flucht weitere Menschen und lieferte sich einen Schusswechsel mit der Polizei, bevor ihn die Beamten bei Zeitz festnehmen konnten. Der Mann filmte die Tat und streamte das Video live ins Internet.

Das Oberlandesgericht Naumburg führt die Verhandlung, aus Platzgründen findet sie jedoch am Landgericht Magdeburg statt. Die Dimensionen des Prozesses sind für die Justiz in Sachsen-Anhalt eine Herausforderung: 45 Nebenkläger haben sich inzwischen der Klage angeschlossen, sie werden von 22 Anwälten vertreten. Die Bundesanwaltschaft wirft Balliet 13 Straftaten vor, darunter Mord und versuchten Mord. Die Anklageschrift umfasst 121 Seiten. 147 Zeugen sind benannt. Das Gericht hat zunächst insgesamt 18 Verhandlungstage bis Mitte Oktober angesetzt.

RND/dpa