Samstag , 31. Oktober 2020
Die Fregatte “Hamburg” – hier ein Foto, das im Februar in ihrem Heimathafen Wilhelmshaven entstand – soll vor der Küste Libyens helfen, Waffenschmuggel zu unterbinden. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Geht die Nato im Mittelmeer baden?

Die deutsche Wellnessgesellschaft muss, auch wenn es schwerfällt, ihr Bild vom Mittelmeer korrigieren. In seinem östlichen Teil ist es alles andere als ein glitzernder Ort der Entspannung – es ist ein Schauplatz gnadenloser neuer Machtkämpfe. Ein Kommentar von Matthias Koch.

Was macht eigentlich die Kanzlerin in diesen Tagen beruflich? Im Fernsehen sieht man sie nicht. Eine der Antworten lautet, so makaber es klingt: Kriege verhindern.

Allen Ernstes musste Angela Merkel in der vorigen Woche Türken und Griechen in einem mühsamen Akt von Telefondiplomatie davor bewahren, zu den Waffen zu greifen. Der Konflikt um Probebohrungen an Gasfeldern im östlichen Mittelmeer war eskaliert, Schiffe beider Seiten hatten schon Kurs aufeinander genommen.

Nato-Staat gegen Nato-Staat: Geht das westliche Bündnis bald baden – ausgerechnet in einer Phase, in der eine gemeinsame Strategie fürs Mittelmeer wichtiger wäre als je zuvor?

In Deutschland glauben viele, der Westen müsse sich nur ja heraushalten aus den Querelen dieser Welt, dann werde alles gut. Das Gegenteil ist inzwischen am Mittelmeer zu besichtigen.

Den Kopf in den Sand zu stecken wäre falsch

Aus Syrien, das unter Donald Trump komplett an Russland ausgehändigt wurde, sind mittlerweile 6,6 Millionen Menschen geflohen. Es ist die größte Flüchtlingsmisere der Menschheit. Syrien? Trump hatte an dem kein Interesse. Um den dortigen “blutgetränkten Sand”, sagte er naserümpfend, sollten doch gern andere kämpfen.

Achselzuckend ließ Trump auch den Libyen-Konflikt laufen. Schon schien es, als teilten Russen und Türken bald das Land unter sich auf. Seit Montag bereitet auch noch Ägypten einen Einmarsch in Libyen vor, ganz offiziell, mit Parlamentsbeschluss in Kairo.

Viele Deutsche wollen, schon aus Bequemlichkeit, an der komplizierten Lage in “Ländern mit Ypsilon” einfach vorbeisehen. Das geht jetzt nicht mehr, und es war auch immer schon ein bisschen trumpistisch. Die Wellnessgesellschaft muss, auch wenn es schwerfällt, ihr Bild vom Mittelmeer korrigieren. In seinem östlichen Teil ist es alles andere als ein glitzernder Ort der Entspannung, es ist ein neuer Schauplatz gnadenloser Machtkämpfe zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Den Kopf in den Sand zu stecken wäre falsch – politisch, strategisch und auch ethisch. Soll die Welt etwa die Berliner Libyen-Friedenskonferenz, für die Gastgeberin Merkel im Januar rund um den Globus viel Applaus bekam, einfach vergessen? Soll man die UN-Beschlüsse ignorieren, wonach Waffenlieferungen nach Libyen verboten sind?

Trump ist keine Hilfe, “Eisenhower” schon

Berlin schickt jetzt die Fregatte “Hamburg” vor die Küste Libyens. Es ist ein Versuch Merkels, das Chaos zumindest ein wenig einzudämmen. Die 251 Marinesoldaten können in Libyen selbst nichts ändern. Aber die Fregatte wird rundum die Stimmung beeinflussen. Wäre es nicht doch Zeit für eine Rückkehr zur Diplomatie, zum Völkerrecht und zu einer kooperativen Weltordnung? Deutschland kann diesen Ansatz besser verkörpern als Frankreich, das in Libyen Partei war. Den Deutschen dürfte es deshalb auch erspart bleiben, mit anderen Staaten auf See ernsthaft aneinanderzugeraten.

Ein Beinahekonflikt zwischen einem türkischen und einem französischen Schiff vor der Küste Libyens harrt immer noch der vollständigen Aufklärung. Auch hier geht es um einen dunklen Moment in der Geschichte des westlichen Bündnisses, auch hier waren zwei Nato-Staaten aneinandergeraten.

Viel wäre schon gewonnen, wenn jetzt die Fregatte “Hamburg” dazu beiträgt, wenigstens Chaos dieser Art in den eigenen Reihen zu vermeiden – und einen nach außen hin glaubwürdigen Auftritt hinzulegen, hinter dem sich auch die gesamte EU politisch versammeln kann.

Ein Kriegsschiff am Horizont, das ist wahr, entfaltet erst mal nur symbolische Wirkungen. Doch gerade darin kann auch etwas Gutes liegen. Eine symbolische Wirkung hat auch der amerikanische Flugzeugträger “Eisenhower”, der seit gestern zwischen Kreta und Libyen kreuzt. Das Mittelmeer braucht klare Verhältnisse, wie einst am Checkpoint Charlie. Die US-Navy weiß: Trump ist da keine Hilfe, “Eisenhower” schon.

Von Matthias Koch/RND