Donnerstag , 24. September 2020
Die Temperatur eines Fluggastes wird am internationalen Flughafen Pjöngjang gemessen. Quelle: Cha Song Ho/AP/dpa

Erster offizieller Verdachtsfall – Nordkorea und das Coronavirus

Nordkorea vermeldet seinen ersten Corona-Verdachtsfall und riegelt die Grenzstadt Kaesong ab. In Südkorea vermutet man, dass die Mitteilungen aus dem Norden rein politisch motiviert sein könnten. Das Gesundheitssystem des Landes scheint kaum gegen eine Pandemie gewappnet.

Tokio/Pjöngjang. Über Monate gab sich Nordkorea wie eine Insel der Glückseligen inmitten der Pandemie. Während sich anderswo auf der Welt die Zahlen registrierter Infektionsfälle multiplizierten, blieben sie im abgeschotteten Land in Nordostasien konstant – bei null.

Auch wenn kaum ein Beobachter von außerhalb dies glauben mochte, sprach zumindest etwas dafür: Die Regierung in Pjöngjang hatte schon im Januar, als außer China kaum Länder vom Virus betroffen schienen, die Grenzen des Landes abgeriegelt. Auch wenn mehrere Berichte schon Gegenteiliges vermuten ließen, schien es zumindest möglich, dass Nordkorea tatsächlich verschont blieb.

Damit ist es jetzt wohl vorbei. Am Sonntag erklärte das Politbüro um den autokratischen Regierungschef Kim Jong Un den Corona-Notstand für die Stadt Kaesong im Süden, nahe der Grenze zu Südkorea. Es bestehe eine “kritische Lage, in der das teuflische Virus womöglich in das Land gekommen ist”, berichtete die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA.

Der Fall der entsprechenden Person sei nicht endgültig bestätigt, die Testergebnisse seien unklar. Übersetzt heißt das auch: Man kann davon ausgehen, dass das Virus seinen Weg ins Land gefunden hat.

Kaesong steht unter Quarantäne

Die nordkoreanische Nachrichtenagentur hatte auch gleich eine Erklärung parat, wie es dazu kommen konnte: “Der Notfall ereignete sich in Kaesong, wohin ein Flüchtling, der vor drei Jahren in den Süden ging und verdächtigt wird, mit dem Virus infiziert zu sein, nach der illegalen Überquerung der Demarkationslinie am 19. Juli zurückkam.”

Mit anderen Worten: Das Virus habe Nordkorea nur deshalb erfasst, weil jemand aus Südkorea, dem Land des Klassenfeinds, gegen die Vorschriften ins Land gekommen sei. Kaesong steht seitdem unter Quarantäne.

In Südkorea, dessen Krisenmanagement als internationales Vorbild gilt, wird die Darstellung aus dem Norden verneint. Zwar sei richtig, dass vor einigen Tagen ein 24-jähriger Mann namens Kim, der in Südkorea der Vergewaltigung verdächtigt wird und gegen den ein Haftbefehl aussteht, die Grenze nach Nordkorea überquert habe. Doch zur gesundheitlichen Lage erklärten die Behörden in Seoul: “Die Person ist weder als Covid-19-Patient registriert noch wurde sie als jemand eingestuft, der mit Patienten in Kontakt war.”

Testskits, Schutzanzüge und Atemmasken durch Spendenaktionen

So vermutet man in Südkorea, dass die Mitteilungen aus Nordkorea rein politisch motiviert sein können. Plausibel scheint dies allemal: Nichts lenkt besser von innenpolitischen Dauerproblemen ab als eine eingeschleppte Pandemie aus Südkorea. Beobachter merken allerdings an, dass es bereits seit Monaten Anzeichen dafür gibt, dass sich das Virus in Nordkorea ausgebreitet haben könnte.

So wurde in öffentlichen Vorträgen über Covid-19 informiert und schon Anfang März berichtete das Fachmedium “Daily NK” mit Berufung auf eine anonyme Quelle, dass rund 200 Soldaten entlang der Grenze zu China Fiebersymptome gezeigt hätten.

Das Gesundheitssystem Nordkoreas scheint kaum gegen eine Pandemie gewappnet. Im internationalen Gesundheitsindex der Johns Hopkins University belegt Nordkorea von 195 Ländern Platz 193. An Testkits, Schutzanzüge oder Atemmasken ist das Land bisher unter anderem durch private Spendenaktionen aus Südkorea gekommen. Indem nun erklärt wird, dass sich das Virus tatsächlich im Land befinden könnte, dürfte sich die Regierung erhoffen, weitere Hilfsleistungen zu erhalten.

UN-Sanktionen verbieten grundsätzlich den Handel und Austausch mit dem Regime in Pjöngjang. Sofern aber ausdrücklich um Hilfe gebeten wird, ist es humanitären Organisationen möglich, aktiv zu werden. So sagt Katharina Puche, Pressesprecherin des Deutschen Roten Kreuz: “Im Kontext der internationalen Rotkreuz- und Halbmondbewegung stehen wir prinzipiell bereit, auf ein Hilfegesuch zu reagieren.”

Von Felix Lill/RND