Sonntag , 27. September 2020
Jürgen Rausch, ehemaliger Betreiber des "Bundesbüdchens" steht vor dem in Restaurierung befindlichen Bauwerk. Quelle: Henning Kaiser/dpa

Das “Bundesbüdchen”: Die Rückkehr eines Symbols der Bonner Republik

Die Bonner Republik war eine Stätte des politischen Kampfes. Doch abseits aller politischen Wortgefechte und Streitigkeiten gab es einen Ort, an dem sich Politiker aus allen Lagern entkrampft begegneten: das „Bundesbüdchen“. 14 Jahre lang gab es den Kiosk gar nicht mehr – nun kehrt er zurück.

Bonn. Joschka Fischer hat bei ihm jahrelang morgens seine Zeitungen gekauft – 16 Stück, von “Bild” bis “FAZ”. Irgendwann wollte er plötzlich auch “Fit for Fun” haben, das war in der Phase, als er sich zum Asketen mauserte. Noch höhere Priorität hatte allerdings immer der neueste Asterix-Band.

Jürgen Rausch (64), der Inhaber des sogenannten Bundesbüdchens zwischen Kanzleramt und Bundestag in Bonn, hat das alles hautnah miterlebt. Doch auf die goldenen Zeiten folgte der Niedergang: Mit dem Umzug nach Berlin geriet das Büdchen in die Mühlen der Geschichte, 14 Jahre war es aus dem ehemaligen Regierungsviertel verschwunden. Doch jetzt steht es kurz vor der feierlichen Wiedereröffnung.

Um die Geschichte der Reihe nach zu erzählen: Das Büdchen geht zurück auf Rauschs Mutter. Schon kurz nach Gründung der Bundesrepublik 1949 stand sie zunächst mit einer Obstkarre im gerade erst entstehenden Bundesviertel, dann mit einem Anhängerwagen und ab 1957 schließlich im 20 Quadratmeter großen Pavillon in Form eines wunderbar geschwungenen Ovals.

Ein als Kiosk reinkarnierter Nierentisch sozusagen. Er kombinierte Zeitungsstand, Tabakregal, Eistruhe, Trinkhalle und Wursteck. Das Büdchen eben, eine rheinische Institution.

Das Büdchen: Ort der Entkrampfung im politischen Kampfalltag

Fortan deckte sich dort die gesamte Belegschaft der Bonner Republik mit Brötchen und Pommes ein, vom Saaldiener bis zum Bundeskanzler. Aber das Büdchen war viel mehr: “Es hat der Entkrampfung des politischen Kampfes gedient”, sagte einmal Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm.

Die Leute, die sich eben noch im Plenarsaal gefetzt hatten, standen eine Viertelstunde später zusammen für Gummibärchen an. “So war halt Bonn”, erinnerte sich Blüm. “Nicht großspurig. Eine liebenswerte Republik. Und wenn in 100 Jahren noch jemand vorbeikommt, muss er wissen, was da los war.” Das Büdchen könne ihm das erzählen.

Nur ein Zeitungsverkäufer

Jürgen Rausch übernahm den Kult-Kiosk 1984. Er betont, dass er den Politikern „niemals hinterher scharwenzelt“ ist. „Das brauchen die nicht, das nervt die. Ein fleißiger Politiker hat verflucht wenig Zeit. Der will nicht zugequatscht werden.“ Er wusste immer, was er war: Zeitungsverkäufer.

Er gehörte nicht selbst zum Dunstkreis der Macht. Nur stiefelten die Mächtigen eben dauernd vor seiner Nase vorbei. Selbst der schwergewichtige Einheits- und Dauerkanzler Helmut Kohl (CDU) bewegte sich in Bonn oft zu Fuß, es war ja alles ganz nah beieinander.

Abbau, Stille und Kampf um Wiederaufbau

1999 dann der Exodus nach Berlin. Auch Rausch erwog den Umzug. Er habe sogar schon die Genehmigung vom Berliner Bezirksbürgermeister gehabt, sagt er. Aber seine Familie wollte am Rhein bleiben. In den Folgejahren wurde es sehr still um das Büdchen, die Stammkundschaft war weg. Als Bonn ein riesiges Konferenzzentrum um den alten Plenarsaal herumzubauen begann, stand der Pavillon im Weg und wurde 2006 abgebaut. Er kam zur Zwischenlagerung nach Bornheim – für zwei Jahre, wie es hieß. Daraus wurden 14.

Mehr als ein Jahrzehnt haben Rausch und der „Förderverein historischer Verkaufspavillon“ um den Wiederaufbau gekämpft. Jetzt endlich ist es so weit. Das denkmalgeschützte Büdchen steht wieder, fast an der alten Stelle, nur etwas versetzt.

Die Inneneinrichtung fehlt noch, derzeit wird gehämmert und gesägt. Die Wiedereröffnung plant Rausch für den 21. August. Eine Bäckerei will den Vertrieb übernehmen – Kunden müsste es inzwischen wieder geben: Unmittelbar gegenüber liegen die Deutsche Welle und das UN-Klimasekretariat.

Rausch will dann und wann auch selbst im Büdchen stehen

Wichtig ist Rausch, dass nicht nur Brötchen angeboten werden, sondern auch Zeitungen. Denn ein Zeitungskiosk war das Büdchen ja in erster Linie. Nicht jedes Detail kann hundertprozentig rekonstruiert werden: Die früher sehr prominente Zigarettenwerbung ist heute so nicht mehr möglich.

Voraussichtlich wird er künftig auch selbst ab und zu wieder im Büdchen stehen. „Wenn der Betreiber sagt: Kannste mal …? Ist doch ganz klar!“ Vor allem aber will er über die Historie sprechen – das Büdchen als Fußnote deutscher Geschichte. Schade ist, dass seine vor drei Jahren gestorbene Mutter das alles nicht mehr erlebt: „Die hätte geweint.“

RND/dpa

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