Dienstag , 20. Oktober 2020
Stephan Balliet ist angeklagt, weil er im Oktober 2019 bei einem rechtsextremistischen Anschlag auf die Synagoge in Halle zwei Menschen getötet hat. Quelle: Getty Images

Nebenkläger entsetzt über Halle-Attentäter: “Kein Herz im Körper”

Nach zwei Prozesstagen sind die Nebenkläger im Prozess gegen den rechtsextremistischen Attentäter von Halle geschockt. Der Angeklagte zeigt keine Reue und verfolgte ein Tatvideo mit breitem Grinsen. Ismet Tekin, Besitzer des Döner-Imbisses, in dem Stephan Balliet einen Gast erschoss, ist aber auch enttäuscht über fehlende Hilfe vom Staat.

Berlin, Magdeburg. Ismet Tekin, Nebenkläger im Prozess um den rechtsextremistischen Anschlag von Halle, ist über die fehlende Reue des Attentäters entsetzt. Der Angeklagte Stephan Balliet habe an den beiden bisherigen Prozesstagen überhaupt keine Reue und kein Bedauern über seine Tat gezeigt, sagte der Besitzer des “Kiez-Döners” in Halle dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Prozess gegen Balliet wird am Dienstag in Magdeburg fortgesetzt.

Tekin resümierte zum Attentäter über die bisherigen zwei Verhandlungstage vor dem Oberlandesgericht Naumburg: “Er hat nicht gesagt, dass es ihm leid tut, was er getan hat.” Und weiter: “Wenn er morgen rauskäme, würde er genauso weitermachen”, sagte Tekin, der dem Anschlag am 9. Oktober vergangenen Jahres nur knapp entging: “Er hat kein Herz im Körper, das merkt man.” In dem Döner-Imbiss unweit der Synagoge von Halle erschoss der Rechtsterrorist an dem Tag einen 20-jährigen Gast.

“Er darf uns nicht verhöhnen”

Für die weiteren Verhandlungstage wünscht sich Tekin, dass der Angeklagte den Gerichtssaal nicht mehr als Bühne nutzen darf, „um sich wichtiger zu machen, als er ist“. „Das ist nicht schön, und daran muss man etwas ändern“, forderte Tekin. Auch sei es nervig, dass Stephan B. bei Fragen der Anwälte der Nebenkläger immer lache. „Er darf uns nicht verhöhnen“, sagte Tekin. Das sei respektlos: „Aber wenn er Respekt haben würde, hätte er diese Sache auch nicht getan.“

Ismet Tekin, der seit mehr als zwölf Jahren in Halle lebt, war damals Angestellter in dem Döner-Imbiss. An jenem 9. Oktober war er noch nicht im Laden. Als er auf dem Weg zur Arbeit die Straße entlang lief, schoss der Attentäter auch auf ihn. Monate später hat er gemeinsam mit seinem Bruder den Imbiss übernommen, um ihn zu erhalten.

Viel versprochen, nichts getan

Seit dem Anschlag habe es keinen Tag gegeben ohne finanzielle Schwierigkeiten, berichtete Tekin. Die von Land und Stadt zugesicherte Unterstützung sei ausgeblieben. „Wir haben am Anfang eine Härtefallleistung bekommen und seitdem nichts mehr“, sagte der Imbiss-Besitzer. Auch habe sich seitdem kein Politiker mehr blicken lassen. „Sie haben viel versprochen, aber nichts getan“, sagte Tekin.

Er sei seit mehr als zwölf Jahren in Deutschland und habe in der Zeit nicht einen Tag staatliche Unterstützung in Anspruch genommen. „Aber jetzt habe ich keine andere Wahl, ich komme nicht mehr klar“, sagte Tekin.

Stephan Balliet hatte am 9. Oktober 2019 einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt, zwei Menschen erschossen und weitere verletzt. Die Bundesanwaltschaft klagt den 28-Jährigen wegen Mordes in zwei Fällen und versuchten Mordes in mehreren Fällen sowie weiteren Straftaten an. Es gibt in dem Verfahren 43 Nebenkläger.

RND/epd