Donnerstag , 22. Oktober 2020
Einladung zum Mitregieren: Präsidentschaftskandidat Joe Biden führt in diesen Tagen letzte Gespräche mit den Kandidatinnen für die Vizepräsidentschaft. Foto: Matt Slocum/AP/dpa Quelle: Matt Slocum/AP/dpa

Partnerwahl in Washington: Joe Biden sucht die perfekte Frau

Das Auswahlverfahren um die Vizekandidatin des Demokraten geht in die letzte Runde. Unter den Finalistinnen sind vier schwarze Frauen. Die Entscheidung ist auch eine Vorentscheidung für die Präsidentschaftskandidatur 2024.

“Ein Vizepräsident kann keine Wahl für einen Präsidenten gewinnen – aber er kann sie verlieren.” Das ist so einer der politischen Glaubenssätze von Politologen in den USA.

Wirklich interessiert hat der “running mate” eines Präsidentschaftskandidaten selten. Im Wahljahr 2020 aber gelten andere Regeln. Die Nation verfolgt den Auswahlprozess mit Argusaugen. Der demokratische Herausforderer Joe Biden wird an seiner Partnerwahl gemessen. Aus drei Gründen:

Biden muss beweisen, dass er über männlich-weiß-alt hinausdenkt. Er muss Wähler ansprechen, die sich nicht durch ihn repräsentiert fühlen.

Auf jeden Fall eine Frau als Teampartner

Er muss beweisen, dass er ein sicheres Urteilsvermögen bei der Personalwahl hat und keine Trostpreise für alte Weggefährten vergibt.

Schließlich muss er beweisen, dass er für die Partei strategisch und zukunftsorientiert denkt. Joe Biden ist 77 Jahre alt. Er hat es selbst nicht ausdrücklich gesagt, aber angedeutet: Eine Amtszeit – mehr wird es für ihn nicht geben. Und: Biden hat von Anfang an bekundet, nur mit einer Frau als Teampartner anzutreten. Die Entscheidung dieser Tage ist also gleichzeitig eine Vorentscheidung für 2024. Eine gute Vizepräsidentin wäre quasi automatisch die Spitzenkandidatin bei der übernächsten Präsidentschaftswahl – und damit womöglich die erste Präsidentin der USA. Vielleicht sogar eine schwarze Präsidentin. Unter den Finalistinnen, mit denen Biden in diesen Tagen spricht, sind vier schwarze Frauen.

Welches sind die Frauen, über die in den USA am meisten geredet wird?

Kamala Harris – die Hartnäckige

Die Senatorin aus Kalifornien war lange ganz oben auf der Liste, wurde allerdings von der Linken wegen ihrer harten Haltung in Polizeifragen abgeschrieben – und gilt doch wieder als heißer Tipp. Die Parteilinke wird ohnehin keine Kandidatin des moderaten Biden lieben. Und Harris bringt etwas viel Wichtigeres mit: Die 55-Jährige spricht als Amerikanerin schwarz-jamaikanischer und indischer Abstammung junge liberale Wähler an, die begeistert wären von der Aussicht, 2024 eine “woman of color” ins Präsidentenamt zu wählen. Sie hat Fehler in ihrer eigenen Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur gemacht, aber sie hat daraus gelernt. Ein Biden-Harris-Team würde bei der Wahl eine Vielzahl von Staaten abdecken können. Und: In ihrer dramafreien Art passt Harris gut zu Biden. Der braucht am Ende kein Aushängeschild, sondern eine Partnerin beim Regieren.

Amy Klobuchar – die Scharfzüngige

Die 60-jährige Senatorin aus Minnesota bringt ein gewichtiges Pfund in ihre Bewerbung ein: Sie kommt gut an im Mittleren Westen und könnte Trump dort Stimmen abjagen. Sie hat sich als Bewerberin in den Vorwahldebatten hervorragend und scharfzüngig geschlagen. Doch die Juristin hat ein Manko: Sie kann als weiße Mittwestlerin andernorts keine neuen Wählerschichten mobilisieren.

Tammy Duckworth – die Inspirierende

Wer so oft von Donald Trump angegriffen wird, ist im Zweifel eine ernsthafte Kandidatin. Die 52-Jährige thailändisch-amerikanischer Abstammung ist für viele eine Inspiration. Im Irak-Krieg verlor sie als Hubschrauberpilotin beide Beine. Mit 50 wurde die Veteranin die erste Senatorin, die während ihrer Amtszeit ein Kind bekam. Aber: Duckworth – aus Illinois – hat sich verächtlich über den Jungstar der Partei, Alexandria Ocasio-Cortez aus der Bronx, geäußert und den Mittleren Westen zum Maß aller Dinge erklärt. Sie könnte Moderate in Swing States sowie diejenigen ansprechen, die eine “woman of color” wollen. Als Frau, die die zerstrittene Partei eint, gilt sie nicht.

Susan Rice – die Erfahrene

Die ehemalige Sicherheitsberaterin von Barack Obama und UN-Botschafterin ist mit Abstand die Kandidatin mit der meisten politischen Erfahrung. Biden vertraut ihr bedingungslos. Er führt einen betont ruhigen Wahlkampf und verspricht, die Nation in ruhigeres Fahrwasser zu lenken. Dazu passt eine Vize, die im Zweifel sofort das Ruder übernehmen könnte, sollte ihm im Amt etwas zustoßen. Das könnte nur Rice. Die 55-jährige Washingtonerin hat indes noch nie einen Wahlkampf bestritten. Und die Republikaner warten nur darauf, der Politikberaterin ihr – vermeintliches – Versagen beim Anschlag auf die US-Botschaft in Bengasi unter die Nase zu reiben.

Michelle Lu­jan Grisham – die Außenseiterin

Dass der Name der Gouverneurin von New Mexico in jüngster Zeit immer mal wieder genannt wird, hat vor allem zwei Gründe: Die 60-Jährige ist die einzige Latina unter den Regierungschefs der Bundesstaaten und könnte Stimmen der großen Latino-Community im Südwesten für das Team Biden sichern. Grisham hat zudem eine progressive Politik in Sachen Waffenkontrolle gemacht und war erfolgreich mit einer sehr entschlossenen Politik in der Corona-Krise. Allerdings ist sie, obwohl als ehemalige Kongressabgeordnete mit den Verhältnissen in Washington vertraut, national wenig bekannt. Und ihre Zustimmungsrate im eigenen Bundesstaat ist mit 44 Prozent eher mäßig.

Unter der Kategorie “long shots”, also potenziellen Überraschungen, laufen noch sieben weitere Frauen, darunter die schillernde Val Demings, afroamerikanische Abgeordnete aus Orlando in Florida und Managerin des Impeachmentverfahrens gegen Trump. Und dann ist da auch immer noch die Parteilinke Elizabeth Warren. Die einstige Bewerberin um die Spitzenkandidatur könnte Linke und Moderate wieder einen. Doch sie ist mit 71 Jahren wenig jünger als Biden – und wird die Versöhnerrolle vermutlich eher als (Finanz-?)Ministerin ausüben.

Von Susanne Iden/RND