Mittwoch , 30. September 2020
Recep Tayyip Erdogan (l), Präsident der Türkei, steht gemeinsam mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia im historischen Stadtviertel Sultanahmet. Quelle: Uncredited/Turkish Presidency/AP

Erdogan und Zehntausende bei Freitagsgebet: Hagia Sophia ist jetzt wieder Moschee

In Istanbul haben sich erstmals seit 86 Jahren Zehntausende Gläubige zum Freitagsgebet in der Hagia Sophia versammelt. Die einstige Kirche war seit 1935 ein Museum und wurde vor zwei Wochen wieder in eine Moschee umgewidmet. International wird das als Absage Erdogans an eine sekulär ausgerichtete Türkei verstanden.

Frankfurt a.M./Istanbul. Muezzinrufe von den Minaretten der Istanbuler Hagia Sophia: Erstmals seit 86 Jahren haben sich Muslime zum traditionellen Freitagsgebet in der einstigen Kirche im Herzen Istanbuls versammelt. Auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nahm an der Zeremonie anlässlich der Umwidmung der Hagia Sophia zur Moschee teil – wie die übrigen Gläubigen wegen der Corona-Pandemie mit Mund-Nasen-Schutz im Inneren des gewaltigen frühbyzantinischen Kuppelbaus. Erdogan selbst zitierte zu Beginn einige Koranverse.

Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, nahmen Hunderte Gläubige an dem Gebet in der Moschee teil, auch auf dem Vorplatz versammelten sich Tausende Menschen im Freien, um das Gebet mitzuverfolgen.

Viele Muslime rollten rund um die Sehenswürdigkeit ihre Gebetsteppiche aus. Einige Menschen hatten in Zelten vor der Hagia Sophia oder in den umliegenden Moscheen übernachtet. Viele Straßen wurden bereits am Vorabend für den Verkehr gesperrt.

“Dieser Ort hat nun zu seinem Ursprung zurückgefunden. Es war eine Moschee und ist wieder eine Mosche geworden”, sagte Erdogan. Er bezifferte Zahl der Teilnehmer auf 350.000 Menschen.

Internationale Kritik

Die Anordnung der obersten Religionsbehörde in der Türkei (Diyanet), dass die Hagia Sophia zur Moschee wird, hatte in den vergangenen Wochen anhaltenden internationalen Protest hervorgerufen. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, sagte am Freitag dem Radiosender NDR Info: “Das ist ein symbolischer Akt, der an Dramatik kaum zu überbieten ist.”

Die Entscheidung, das Gebäude in ein muslimisches Gotteshaus umzuwandeln, sei eine klare Absage an religiöse Toleranz. “Wenn die Türkei eine Brücke zu Europa bewahren will, muss sie sich als ein Land verstehen, das elementare Menschenrechte anerkennt, Religionsfreiheit inbegriffen”, sagte Huber.

Die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen nannte die Umwidmung einen „Akt der Aggression“ des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und eine „klare Kampfansage an seine innenpolitischen Gegner und alle Andersdenkenden in der Türkei“. Dagdelen ist Vorsitzende der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe im Bundestag.

Abkehr von den Prinzipien Atatürks

Der türkische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk sagte der “Deutschen Welle” in Istanbul, die Umwidmung sei die Abkehr von den Prinzipien des modernen laizistischen Staates in der Türkei, die Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk etabliert habe. Er hatte 1934 dafür gesorgt, dass die Hagia Sophia zum Museum wird. Pamuk sagte, die Stimme der säkularen Türken werde nicht gehört, und kritisierte die fehlende Meinungsfreiheit in der Türkei.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), warnte vor einem endgültigen Bruch der Europäischen Union mit der Türkei. “Die Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei liegen inzwischen vollständig und richtigerweise auf Eis. Aber wir würden einen schweren Fehler machen, der Türkei die Tür zur EU endgültig, das heißt für immer, zuzuschlagen”, sagte er der Düsseldorfer “Rheinischen Post” und dem Bonner “General-Anzeiger” am Samstag.

Sondermesse für Orthodoxe in Athen

Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis äußerte abermals Kritik. Mit Blick auf Erdogan sagte er am Freitag im staatlichen Fernsehsender ERT: „Das, was sich heute abspielt, ist kein Zeichen der Stärke, sondern ein Beweis der Schwäche.“

In der Kathedrale von Athen stand am Abend eine Sondermesse des Erzbischofs der griechischen orthodoxen Kirche, Hieronymos II., auf dem Programm. Der Erzbischof der Orthodoxen in den USA, Elpidoforos, ordnete nach Berichten der halbamtlichen griechischen Nachrichtenagentur ANA an, dass die Fahnen auf halbmast gesetzt werden.

Gericht erklärte Beschluss von 1934 für ungültig

Das türkische Oberste Verwaltungsgericht hatte vor zwei Wochen entschieden, dass die Hagia Sophia wieder als Moschee genutzt werden darf. Das Gericht erklärte den Beschluss von 1934 für formal ungültig, der die Hagia Sophia zum Museum gemacht hatte.

Auf die Sophienkirche erheben Christen und Muslime gleichermaßen Anspruch. Fast ein Jahrtausend lang war die Hagia Sophia die Hauptkirche des byzantinischen Reiches, bevor sie im 15. Jahrhundert nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen zur Moschee umgewandelt wurde.

Während des muslimischen Gebets wurden am Freitag die originalen Abbildungen und Mosaiken im Innenraum abgedeckt, wie Anadolu berichtete. Außerdem wurden Vorkehrungen getroffen, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus unter den Gläubigen zu verhindern.

Am Eingang wurden den Berichten zufolge die Körpertemperatur gemessen und das Tragen einer Mund-Nasen-Maske überprüft. Das Gebet wurde per Livestream ins Internet übertragen. Die Hagia Sophia sollte bis zum Morgen für Gläubige geöffnet bleiben.

RND/epd/dpa