Montag , 26. Oktober 2020
Ein trauernder Mexikaner nimmt an einer Segnung der Asche von Angehörigen, die im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben sind, teil - durch Covid-19 versiegen auch die Geldtransfers der Migranten in ihre Heimatdörfer. Quelle: Eduardo Munoz Alvarez/AP/dpa

Corona-Krise: Geldtransfers von US-Einwanderern nach Hause gingen stark zurück

Im März überwiesen mexikanische Migranten vier Milliarden Dollar von den USA in ihre Heimat. Ihre Familien zu Hause leben von dem Geld. Mit Ausbruch der Corona-Epidemie in den USA brachen die Geldtransfers ein – und in Lateinamerika bekamen die Menschen das Virus zu spüren, bevor es sie wirklich erreicht hat.

New York. In den Wochen, die Axayacatl Figueroa von Schmerzen und Atemnot geplagt in seinem Bett in Brooklyn lag, dachte er vor allem an sein Dorf und seine Familie in Mexiko. Jeden Monat hatte er seiner Frau und seinem Sohn 300 bis 400 Dollar nach San Jerónimo Xayacatlán geschickt.

Das Geld war hart erarbeitet: Figueroa schnitt seit mehr als zehn Jahren in der Kellerküche eines vietnamesischen Restaurants Schweinefleisch und Hühner in Stücke. Doch jetzt hatte Figueroa Covid-19, keine Arbeit mehr und kein Geld zum Nach-Hause-Schicken: “Ich war verzweifelt, ich konnte nichts tun.”

Sorge um die Verwandten in Nordamerika

Seit Mexikaner auf der Suche nach Arbeit in den Norden wandern, fließt das Geld in die entgegengesetzte Richtung. Die Überweisungen von Auswanderern in den USA und anderen Ländern halten Orte wie San Jerónimo am Leben, eine Gemeinde mit fast 4000 Einwohnern im Zentrum Mexikos.

Doch in diesen Tagen fließt nicht nur Geld über die Grenze. In New York und anderen Städten der USA machen sich die Einwanderer Sorgen, wie sie ihre Familien weiter unterstützen können. Und schicken Warnungen über das Virus nach Hause.

In San Jerónimo und anderswo in Mexiko bangen die Familien um ihre Verwandten im Norden, ob sie ihre Jobs verlieren, alleine oder ohne Papiere krank werden – oder in der Fremde sterben. Fast ein Drittel der Einwohner von San Jerónimo ist nach New York emigriert. Die meisten gaben in den 1990er oder 2000er Jahren ihre Jobs in der Landwirtschaft auf und kamen illegal in die USA.

Überweisungen wurden im April weniger

Die Löhne, die sie in den Küchen und Bodegas von New York verdienten, bezahlten sie für die Gesundheitsversorgung und Schulbildung ihrer Familien, für die Verschönerung der Dorfkirche mit Ziegelsteinen und türkisfarbenen Filigranarbeiten, für einen dreistöckigen Glockenturm, der sich über San Jerónimo erhebt, für die zweistöckigen Wohnhäuser aus Beton, die die Straßen säumen.

Nach Einschätzung von Bürgermeister Ibaan Olguín Arellano flossen etwa 500.000 Dollar (430.300 Euro) pro Monat an die Bevölkerung seiner Stadt.

Doch als sich die Lage in New York im April und Mai zuspitzte, wurden die Überweisungen, die die Familien in der Nachbarstadt Acatlán de Osorio entgegen nahmen, weniger. Weltbank und Vereinte Nationen schätzen, dass die Überweisungen an lateinamerikanische Länder in diesem Jahr um fast 20 Prozent fallen.

Doch mexikanische Migranten überwiesen im März eine Rekordsumme von vier Milliarden Dollar nach Hause. Nach einem Rückgang im April stiegen die Zahlen im Mai wieder an.

Warnungen vor dem Virus

Nach Angaben von Duncan Wood, Direktor des Mexiko-Instituts am Wilson Center, stammt ein Großteil dieses Geldes von Arbeitnehmern, die in den USA Arbeitslosenunterstützung erhielten. Die Emigranten aus San Jerónimo hingegen arbeiten in der Regel in illegalen Arbeitsverhältnissen und erhalten ihren Lohn in bar, sodass sie nach Angaben von Wood keine Sozialleistungen oder Konjunkturhilfen erhielten.

Als die Überweisungen aus den USA versiegten, kam der Hausbau zum Stillstand und die Leute konsumierten nur noch das, was sie schlachten und ernten konnten.

Darüber hinaus rieten ihnen die Verwandten in New York, sich auf das Coronavirus vorzubereiten: „Die Leute leiden hier und es wird auch bei euch passieren“, wurde Clara Lara von ihrem Sohn aus Staten Island gewarnt. Dann schickte er Geld mit der Bitte, davon Stoff zu kaufen, um Atemschutzmasken herzustellen.

Lara folgte seinen Anweisungen: Eine Nachbarin schnitt den Stoff zu, eine andere faltete ihn, und zwei weitere nähten. In fünf Wochen stellten sie so fast 500 Masken her, verteilten sie und wiesen die Leute an, heiße Suppe und Tee zu trinken und sich zuhause zu isolieren, wenn sie Symptome bemerkten.

Dorfbewohner schützten sich

So schickten die Auswanderer aus mehr als 4000 Kilometer Entfernung ihre Familien in Quarantäne, bevor Mexiko auch nur über Ausgangsbeschränkungen debattierte – San Jerónimo kam zum Stillstand. Tatsächlich hat sich bis heute kein Dorfbewohner infiziert, während nach Angaben des Bürgermeisters sechs Auswanderer in den USA starben: Am 17. April läuteten die Kirchenglocken für das erste Opfer aus der Gemeinde, das in New York der Krankheit erlag. Vier Tage später starb ein weiterer Auswanderer.

Der 69-jährige Wilfrido Martínez verlor seinen 39-jährigen Sohn Mauricio: „Ich habe es nicht geglaubt, bis ich es leibhaftig erlebte“, sagt er. Mauricio arbeitete in einer Restaurantküche in New York. Nach Angaben seines Vaters war er Diabetiker und schützte sich nicht vor Infektionen.

Drei Monate nach seinem Tod traf aus New York seine Asche ein – er sollte auf dem städtischen Friedhof neben seiner Mutter beigesetzt werden.

Fast die Hälfte aller mexikanischen Todesfälle in New York

Nicht zuletzt wegen der oft beengten Wohnverhältnisse ist die Corona-Sterblichkeit bei den in New York lebenden Latinos relativ hoch. Mindestens 760 Mexikaner sind dort gestorben, mehr als in jedem anderen Staat. Das ist fast die Hälfte aller mexikanischen Corona-Todesfälle in den USA.

Während er an Covid-19 litt, verlor Axayacatl Figueroa fast sieben Kilo Gewicht. Er nahm nur den Tee zu sich, den seine Zimmergenossen aus San Jerónimo ihm vor die Tür stellten. Nach drei Wochen ging es ihm besser. Doch seine Finanzen erholten sich nicht. Zwar konnte er in Teilzeit in das vietnamesische Restaurant zurückkehren, doch kommt er gerade so über die Runden und hat seit März kein Geld geschickt.

“Ich habe versagt”

Der 42-Jährige ließ 2005 seine Frau und seinen Sohn in Mexiko zurück. Ursprünglich sollte seine Frau ihm folgen und dann den Sohn nachholen, der damals drei Jahre alt war. Doch bei ihren Einwanderungsversuchen wurde sie fünf Mal aufgegriffen und gab dann auf.

Figueroa schickte jeden Monat Geld nach Mexiko. Sein Haus, an dem er seit Jahren baute, sollte endlich fertig werden. Auch wollte er seinem Sohn eine gute Ausbildung ermöglichen.

Seine Frau sagt nun, er solle sich keine Sorgen machen und auf sich aufpassen. Doch er fühlt sich ohnmächtig. “Man geht weg, um sich zu verbessern, um seiner Familie zu helfen, um sie zu unterstützen, und ich habe das Gefühl, dass ich das nicht tue”, klagt er. “Ich habe versagt.”

RND/AP