Sonntag , 1. November 2020
Vereint im schlechten Abschneiden beim Kampf gegen Corona: US-Präsident Donald Trump und Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Trump, Bolsonaro, Johnson: Populisten versagen im Kampf gegen Corona

Sie leugnen Fakten, spalten Bevölkerungen und reden dem allgemeinen Volk nach dem Mund: Populisten wissen Massen zu begeistern. Im Kampf gegen die Corona-Pandemie aber schneiden sie mit ihren üblichen Mitteln schlecht ab. Exemplarisch dafür stehen US-Präsident Donald Trump, Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro oder Großbritanniens Premier Boris Johnson.

New York. Die Staaten mit den meisten Covid-19-Todesfällen sind nicht zwangsläufig die ärmsten, die reichsten oder die am dichtesten besiedelten auf der Welt. Aber sie haben eines gemeinsam: Sie werden von populistischen Politikern gelenkt, die gegen den Strich handeln.

Populismus in der Politik bedeutet das Verfolgen eines Kurses, der populär beim allgemeinen Volk ist, egal, was Fakten besagen und Experten denken. US-Präsident Donald Trump, Großbritanniens Premierminister Boris Johnson, Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro, Indiens Regierungschef Narendra Modi und Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador sind alle in demokratischen Ländern an die Macht gekommen und fordern die alte Ordnung heraus, indem sie soziale Wohltaten für die Massen versprechen und das Establishment ablehnen.

Aber wenn es um die Bekämpfung einer neuer Krankheit wie Covid-19 geht, schneiden Populisten mit ihrer Unruhe stiftenden Politik im Vergleich zu liberalen demokratischen Modellen schlecht ab, sei es in europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich und Island oder Südkorea und Japan in Asien.

“Populisten haben Abneigung gegen Experten und Wissenschaft”

“Dies ist eine Krise der öffentlichen Gesundheit, deren Lösung Erfahrung und Wissenschaft erfordert. Populisten haben naturgemäß eine Abneigung gegen Experten und die Wissenschaft, die als Teil des Establishments betrachtet werden”, sagt Michael Shifter, Präsident der Denkfabrik Inter-American Dialogue in Washington.

Brasilien und die USA verfügten zwar selbst über einen Reichtum an Erfahrungen, so Shifter. „Aber das Problem ist, dass populistische Politik es sehr schwer macht, rationale politische Maßnahmen durchzuführen, die das Problem wirklich lösen – oder zumindest die Krise wirkungsvoller handhaben.“

Die USA, Brasilien, Großbritannien und Mexiko werden alle von Politikern gelenkt, die Wissenschaftler mit Skepsis betrachten und die Corona-Pandemie zumindest anfangs heruntergespielt haben. Diese vier Staaten allein machen nach Statistiken der US-amerikanischen Johns Hopkins University zusammen die Hälfte der weltweit mehr als 620.000 Todesfälle aus.

Corona-Pandemie treffe “jeden Schwachpunkt, den Populisten haben”

Die Pandemie und die Wirtschaftskrise als Folge zeigten den hohen „Preis von Inkompetenz“ auf, sagt Politikwissenschaftler Thomas Wright von der Denkfabrik Brookings Institution in Washington. Covid-19 treffe „jeden Schwachpunkt, den Populisten haben“ und diskreditiere ein Kernstück ihres politischen Angebots an die Wähler. „Sie rufen im Prinzip zur Störung auf, um den Staat zu attackieren, und zu Misstrauen gegenüber den Institutionen. Und in objektiver Realität widerlegt das Virus das alles“, so Wright.

„Denn weil du eine funktionierende Bürokratie brauchst, musst du Vertrauen in Zahlen haben, und du musst auf eine wissenschaftliche Weise antworten. Andernfalls werden mehr Menschen sterben und mehr infiziert werden.“

Verharmlosung und Ignoranz statt schlüssiger Strategie

Trump in den USA und Bolsonaro in Brasilien haben wiederholt die Krankheit verharmlost, sich mit Wissenschaftlern und Gesundheitsbeamten gestritten oder sie übergangen, und beide haben Behandlungsmittel propagiert, für deren Wirksamkeit es keinerlei Beweise gibt. Anstatt eine schlüssige Anti-Covid-Strategie zu verfolgen, haben sie häufig die Verantwortung an staatliche und örtliche Führungspersonen abgegeben.

Johnson ließ sich kostbare Zeit damit, Großbritannien abzuschotten, als die Krankheit auf dem europäischen Kontinent wütete. Er wurde erst dann im Kampf gegen die Pandemie viel entschlossener, nachdem er selbst ernst an Covid-19 erkrankte.

Modi in Indien ging zwar entschieden gegen das Virus vor, was Kontaktbeschränkungen und Schließungen betrifft. Aber er stellte zugleich Fakten in den eigenen Statistiken seiner Regierung infrage, kontrollierte den Informationsfluss und warb wiederholt für homöopathische und Volksheilmittel.

Spalten, um die eigene Macht zu festigen

Neben dem Bezweifeln akzeptierter Fakten ist es auch eine charakteristische Verhaltungsweise populistischer Führungspersonen, entlang ethnischen und nationalen Linien zu spalten, um die eigene Macht zu festigen. Ein weiteres Markenzeichen sind ein bombastischer Führungsstil und Parolen, die die Mengen begeistern sollen.

Als die Pandemie Brasilien erfasste, nannte Bolsonaro sie verharmlosend eine “kleine Grippe” und erklärte, dass die Kosten von Ausgangssperren schwerer wiegen würden als die Krankheit selbst. Und seine Regierung ließ einem großen Teil der Arbeiter im Land monatliche Bargeldzahlungen zukommen, wobei sie sicherstellte, dass die Empfänger wussten, wem sie zu danken hatten.

Ähnlich wie Trump, der seine Unterschrift auf 1200-Dollar-Schecks an Covid-Hilfen für einen großen Teil der Bevölkerung drucken ließ. Sich von den Mengen lobhudeln zu lassen, Macht zu projizieren – das sind Shifter zufolge typische Verhaltensweisen aus dem Drehbuch einer populistischen Führungsperson.

Europa schlägt sich besser gegen Corona

In Mexiko, wo mittlerweile 41.000 Covid-Kranke gestorben sind, badete López Obrador noch wochenlang in der Menge, nachdem Ende Februar die erste Corona-Infektion registriert worden war. Er zeigte den Menschen ein Amulett, das ihn, wie er sagte, sicher mache, und erst im Juli trug er erstmals öffentlich eine Gesichtsmaske.

Im größten Teil Europas ist die Lage ganz anders: Die Krankheit ebbt ab, wenn sie auch noch nicht besiegt ist. So betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel unlängst vor dem Europaparlament, das Virus habe „dem Fakten leugnenden Populismus“ seine Grenzen aufgezeigt. „Mit Lüge und Desinformation lässt sich die Pandemie nicht bekämpfen, ebenso wenig wie mit Hass und Hetze“, sagte sie. „In einer Demokratie braucht es Wahrheit und Transparenz.“

Das Ergebnis dieses Ansatzes: Etwa ein Viertel so groß wie die USA und mit einer Einwohnerzahl von rund 83 Millionen Menschen hat Deutschland bislang knapp über 9000 Corona-Todesfälle erlebt. In den USA liegt die Zahl bei über 144.000 – und steigt weiter.

RND/AP