Donnerstag , 29. Oktober 2020
Senatorin Elizabeth Warren, nachdem sie aus dem demokratischen Rennen um die Präsidentschaftskandidatur ausgeschieden war. Quelle: Steven Senne/AP/dpa

Wie Elizabeth Warren ihren einstigen Rivalen Biden nun unterstützt

Einst waren Elizabeth Warren und Joe Biden Rivalen im Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur. So hatte die Senatorin aus Massachusetts davor gewarnt, einen „Washingtoner Insider“ auszuwählen. Inzwischen aber ist sie eines der Gesichter des Biden-Wahlkampfs geworden.

Washington. Joe Biden hat Elizabeth Warren im vergangenen Jahr einen “wütenden, unnachgiebigen Standpunkt” vorgeworfen. Sie bezeichnete Biden im Gegenzug als “naiv” für den Glauben, als Präsident mit den Republikanern zusammenarbeiten zu können.

Sie warnte die Demokraten, einen “Washingtoner Insider” auszuwählen und lehnte es auch Wochen nach ihrem Ausstieg aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur ab, Biden zu unterstützen. Mittlerweile sind diese Auseinandersetzungen eine entfernte Erinnerung.

Warren, Senatorin aus Massachusetts und führende Progressive unter den US-Demokraten, ist zu einer wenig wahrscheinlichen Vertrauten und Beraterin von Biden geworden, dem voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten.

Sie sprächen etwa alle zehn Tage miteinander, wie Mitarbeiter beider Politiker anonym beschrieben. Dabei bot sich für Warren die Gelegenheit, sich für einige wichtige politische Punkte Biden gegenüber einzusetzen, dessen Wahlkampfkampagne im Vergleich gemäßigter ist.

Warren hält regelmäßige Spendenveranstaltungen für Biden

Er übernahm in sein Programm den von Warren unterstützten Plan für einen Privatkonkurs, baute Sozialversicherungsleistungen aus und strich für Millionen Amerikaner die Schulden durch Bildungskredite. Warren wirbt derweil für Biden, unter anderem, indem sie regelmäßige Spendenveranstaltungen für ihn hält. Kürzlich sammelte sie dabei sechs Millionen US-Dollar ein. Nur der frühere Präsident Barack Obama hat mehr gesammelt.

Bezwungene frühere Anwärter auf die Nominierung werden häufig gebeten, sich für den Nominierten stark zu machen, insbesondere wenn sie Vizepräsident oder -präsidentin werden wollen. Warren hat Interesse daran geäußert. Aber dafür, dass sie sich zuvor nicht unbedingt besonders nahe standen, ist die Beziehung zwischen Warren und Biden bemerkenswert eng.

Es zeigt auch eine pragmatischere Seite von Warren, deren Wahlkampfkampagne „Dream Big. Fight Hard.“ („Träume groß. Kämpfe hart.“) von ökonomischem Populismus geprägt war, der normale Bürger den reichen vorzog. „Sie ist an der Problemlösung interessiert. Sie ist pragmatischer als sie manchmal während des Wahlkampfs schien“, sagt Deval Patrick, der frühere Gouverneur von Massachusetts, der kurzzeitig selbst im Rennen war. „Sie kämpft für das Ergebnis, aber weil sie so klug und kreativ ist, kann sie sich mehr als einen Weg vorstellen, da hinzukommen.“

Biden will eine Frau als Vize, wenn er gewählt wird

Biden hat versprochen, eine Frau als Vizepräsidentin auszuwählen, und auf ihm lastet Druck aus der schwarzen Gemeinde, eine schwarze Frau zu wählen – als Bestätigung der politischen Relevanz und Antwort auf institutionellen Rassismus. Warren, die weiß ist, bleibt trotzdem eine der Finalistinnen.

Selbst wenn sie nicht dafür ausgewählt wird, könnte sie mit Leichtigkeit die Rolle der Finanzministerin übernehmen oder die US-Notenbank Federal Reserve leiten, wenn die Amtszeit des Vorsitzenden Jerome Powell 2022 endet. Dies würde sicherstellen, dass Warren weiterhin eine wichtige Stimme in der Regierung von Biden bliebe.

Adam Green, ein enger Verbündeter von Warren und Mitbegründer des Aktionskomitees Progressive Change Campaign Committee, sagt, die Auswirkungen der Corona-Krise auf das Gesundheitssystem und die Wirtschaft haben die Politik, die Warren als Bewerberin um die Kandidatur vertrat, wichtiger denn je gemacht. Ihre Stärke sei es, “die Schalthebel der Macht zu ziehen und zu drücken, um große Ergebnisse zu maximieren”, ungeachtet “der Hand, mit der sie umgehen muss”.

Warren zeigte diese Fähigkeit auch mit anderen Rivalen während der Vorwahlen. Sie baute wichtige Teile des Klimaplans von Gouverneur Jay Inslee in ihren Wahlkampf ein, die Elternzeit-Initiative der New Yorker Gouverneurin Kirsten Gillibrand, und die Bemühungen der kalifornischen Senatorin Kamala Harris, Abtreibungsrechte zu stärken, nachdem diese das Rennen verlassen hatten. Sie baute auch eine enge Freundschaft mit dem früheren Mitarbeiter der Obama-Regierung Julián Castro auf, der später für sie Wahlkampf betrieb.

Warren war schon Star der Linken, bevor sie sich für Kandidatur bewarb

Nicht alle Momente waren angenehm. Warren stritt mit dem früheren Bürgermeister von South Bend (Indiana) Pete Buttigieg, und ihr Angriff auf Mike Bloomberg während der Debatte in Las Vegas war der Anfang vom Ende der einst vielversprechenden Kampagne der früheren New Yorker Bürgermeisters.

Warren war schon ein Star der Linken, lange bevor sie sich für die Kandidatur bewarb. Ironischerweise war ein Aufeinandertreffen mit dem damaligen Senator Biden 2005 während einer Anhörung im Kongress für viele US-Amerikaner das erste Mal, dass sie Warren wahrnahmen. Sie lehrte damals Recht an der Harvard Universität. „Sie sind eine sehr gute Lehrerin, Professorin“, sagte Biden während der Anhörung über Insolvenzrecht.

Colin Reed, ein Mitarbeiter eines früheren politischen Gegners Warrens, sagte: “Das ist nicht jemand, der gewillt ist, ganz flexibel zu sein und bei allem Kompromisse einzugehen.” Warren sei nun zwar Biden gegenüber hilfsbereit, habe ihm früher jedoch “ziemlich verächtlich” gegenüber gestanden. “Ihre Wahlkampfkampagne ging nicht besonders gut”, sagte Reed. “Ich weiß nicht, ob sie sich jetzt sagt, ‘für meinen nächsten politischen Akt muss ich etwas Neues anbieten‘.”

Warren ist zuletzt aber eines der Gesichter des Biden-Wahlkampfs geworden

Ein Sprecher Warrens wollte sich für diesen Bericht nicht äußern, und Bidens Wahlkampfteam lehnte eine öffentliche Äußerung zum Auswahlprozess der Vizepräsidentin ab. Warren ist zuletzt aber eines der Gesichter des Biden-Wahlkampfs geworden.

Bei einer Fundraising-Veranstaltung vergangenen Monat für Biden beschrieb Warren, wie der frühere Vizepräsident sie anrief, nachdem ihr ältester Bruder am Coronavirus gestorben war, „als ich etwas Freundlichkeit und Trost brauchte“.

Der Moment sei so intim gewesen, obwohl es ein Videoanruf war, dass Biden sie kurzzeitig “Elizabeth” nannte, bevor er sich fasste und wieder mit “Senatorin Warren” sprach. Biden sagte demnach: “Wir haben so viel Glück, Sie an der Frontlinie zu haben.”

RND/AP