Sonntag , 27. September 2020
Teilnehmer einer Neonazi-Demonstration 2017 in Leipzig schwenken Reichsflaggen. Die Fahne des Deutschen Kaiserreichs ist im Jahr 2020 wieder öfter im Straßenbild zu sehen. Quelle: picture alliance / Hendrik Schmidt/Montage RND

Wie zu Kaisers Zeiten: Warum immer mehr Reichsflaggen in der Bundesrepublik wehen

Bekannt von rechten Protestmärschen, tauchen Fahnen des Deutschen Kaiserreichs immer öfter im Alltagsbild auf. Mit der Nazizeit haben die Reichsflaggen eher wenig zu tun – unproblematisch sind sie dennoch nicht. Sollte man Schwarz-Weiß-Rot verbieten?

Hannover. Der Fahnenmast vor dem Haus klappert im Wind. An seinem Ende würde man die Deutschlandflagge oder das Logo des heimischen Lieblingsfußballvereins erwarten, stattdessen weht da ein dunkler Reichsadler auf schwarz-weiß-rotem Grund. Der Ort des Geschehens: ein Einfamilienhaus im dörflichen Niedersachsen, Klinkeroptik mit großem Vorgarten. Es hätte wahlweise auch eine Kleingartenkolonie oder Anti-Corona-Demo sein können.

Denn heute, im Deutschland des Jahres 2020 taucht sie plötzlich da wieder auf, wo man es am wenigsten erwartet: die Reichsfahne, wohin das Auge blickt.

Debatte um Umgang mit Kolonialgeschichte

Fast wirkt es wie Hohn: In der niedersächsischen Provinz wird die offizielle Dienstfahne des Reichskolonialamts geflaggt – eine der vielfältigen Abwandlungen der Deutschen Reichsflagge –, gerade, während Deutschland über koloniale Verbrechen und den Umgang mit der eigenen Vergangenheit streitet. In Berlin wird der U-Bahnhof Mohrenstraße umbenannt, Hamburg stellt sein Bismarck-Denkmal infrage.

Die Debatte kommt aus den USA, wo nach den Black-Lives-Matter-Demonstrationen um den Tod des Afroamerikaners George Floyd eine hitzige Diskussion um rassistische Namen, Statuen und Symbole entbrannte.

Im Mittelpunkt des dortigen Streits steht auch die Konföderiertenflagge, die als rassistisches Attribut amerikanischer Sklavenhalter gilt. Verwendet wird das Tuch unter anderem vom Ku-Klux-Klan, von rechtsradikalen Paramilitärs und Neonazis als Symbol für ihre weiße Überlegenheitsideologie. Bei der Reichsflagge sind diese Kreise durchaus ähnlich.

Eindeutiger Hinweis auf rechtes Gedankengut

“Man weiß sofort, wes Geistes Kind der Träger dieser Flagge ist”, sagt Jörg Karaschewski, Fahnenforscher und Gründer der Deutschen Gesellschaft für Flaggenkunde. Einen eindeutigeren Hinweis für rechtes bis rechtsextremes Gedankengut könne man gar nicht mehr finden, meint der Fachmann. “Die Symbolik der Nationalsozialisten ist verboten, also sucht man sich was anderes. Was liegt da näher als die Farben des Reiches, als Deutschland noch groß war?”

Dass es sich bei der Flagge um ein Erkennungssymbol rechter Kreise handelt, ist auch für Extremismusforscher Matthias Quent, Direktor des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, unbestreitbar. “Allerdings stellt sich bei jedem Einzelfall die Frage, mit wem man es da zu tun hat”, erklärt er dem “Schwarzwälder Boten”. So werde die Flagge sowohl im Reichsbürger- als auch im Neonazi-Milieu genutzt. “Es gibt viele Strömungen”, meint Quent. In den wenigsten Fällen wüssten Menschen aber nicht, was für eine Art von Symbol sie sich an den Fahnenmast hängen. “Das ist im besten Fall grob naiv und eine Provokation.”

Reichsfahnen sorgen bundesweit für Aufsehen

Tatsache ist: Wo auch immer man sie antrifft, sorgt die Reichsfahne für Irritationen. Ob im Schwarzwald, in Sachsen oder Norddeutschland, Beispiele finden sich bundesweit. Jüngst sorgte ein Vorfall im 650-Seelen-Dorf Empede bei Hannover für Aufsehen, als ein Einwohner mitten im Ortskern die Nationalflagge des Deutschen Reichs hisst und damit den Unmut der Nachbarn auf sich zieht. Von einer Provokation will er aber nichts wissen.

“Im Kaiserreich war doch nicht alles schlecht”, begründet der Eigentümer laut “Hannoverscher Allgemeiner Zeitung” (HAZ) sein Flaggezeigen. Die Assoziation mit dem Dritten Reich sei ihm so nicht gekommen, sagt der Familienvater gegenüber der Zeitung, ein Nazi sei er keineswegs. Nur eine Woche nach dem Bericht wirft er die Fahne weg – es sei nie seine Absicht gewesen, jemandem Leid zuzufügen. Die Flagge als Irrtum, ist das möglich?

Flaggenkundler Karaschewski sieht das anders. “Das sind kaiserliche Flaggen, die muss heute niemand mehr hissen.“ Man wolle damit immer etwas zum Ausdruck bringen – und das sei meist der Rückbezug auf ein Großreich unter deutscher Vorherrschaft.

Die Farben Preußens und der Hanse

Im Deutschen Kaiserreich der Jahre 1871 bis 1918 wehte die schwarz-weiß-rote Flagge einst stolz von den Gebäuden und Plätzen. Ihre Farben gehen zurück auf die Zeit vor der Reichsgründung um 1866, als Deutschland noch in viele Kleinstaaten zerteilt war: Die preußische Marine, auch Hamburger, Bremer und Oldenburger Kaufleute fuhren unter verschiedenen Flaggen.

Um den Handel und die Akzeptanz der Flotte nach außen zu erhöhen, brauchten die Kaufleute eine einheitliche Symbolik. Aus den preußischen Farben Schwarz und Weiß und dem Rot-Weiß der Hanse ging schließlich Schwarz-Weiß-Rot hervor – ein Zeichen für den Zusammenschluss der Länder in ein gesamtdeutsches Gebiet. Das Deutsche Reich war geboren.

Nationalsozialisten nutzten Flagge als Steigbügelsymbol

Auch die Nationalsozialisten stützten sich bei ihrer Machtübernahme im Jahr 1933 auf den Reichsgedanken und hielten zunächst an den Farben ihrer Vorgänger fest: Sie führten ebenfalls Schwarz-Weiß-Rot als Nationalflagge ein, im Zusammenspiel mit der Hakenkreuzfahne. Mit dem Tod des beim Volk beliebten Reichspräsidenten Hindenburg 1934 brach man jedoch schnell wieder mit der Fahne des Kaiserreichs, auch als Abkehr von der alten Ordnung.

“Es war ein Steigbügelsymbol, um am Anfang die eigene Macht zu festigen”, urteilt Flaggenforscher Karaschewski. Am wichtigsten sei den Nazis ohnehin das Rot gewesen – als Farbe des Sozialismus. Mit dem Dritten Reich hat die Reichsflagge also eigentlich gar nichts zu tun. Später war sie im NS-Regime sogar verboten.

Ein bekanntes Zeichen der rechten Szene

Dass sich das vermeintliche Überbleibsel aus Uropas Keller dennoch bis ins Jahr 2020 halten konnte, liegt vor allem daran, dass die Reichsflagge heute ein Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene ist – weil sie als solches benutzt wird. Sie taucht regelmäßig auf rechten Protestmärschen wie Pegida und auf Neonazi-Demos auf, zum Beispiel Ende Juni in Braunschweig bei einer Veranstaltung der Partei Die Rechte. Auch auf vielen Anti-Corona-Demos ist die Trikolore immer wieder zu sehen.

Verboten ist sie nur dann, wenn darauf auch ein Hakenkreuz abgebildet ist. Einzig die kaiserliche Reichskriegsflagge kann von der Polizei entfernt werden, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung durch sie gefährdet scheint. Ein schwammiger Begriff.

Schließlich weist eine Infobroschüre des Bundesverfassungsschutzes darauf hin, dass sich gezielt Rechtsextremisten der Farbkombination Schwarz-Weiß-Rot bedienen, um ihre politischen Absichten zu verdeutlichen. Die Fahne stehe im Kontrast zur Farbkombination Schwarz-Rot-Gold, die das demokratische Deutschland symbolisiere. Könnte man die Reichsflagge also nicht einfach verbieten?

Bringt ein Verbot die Lösung?

Das Problem bei der Sache ist: Es gibt nicht die eine Reichsflagge, sondern viele verschiedene. Wollte man also alle untersagen? Für Karaschewski kommt das nicht infrage: “Wasser findet seinen Weg”, sagt der 52-Jährige. “Wenn wir die Fahne verbieten, in all ihren verdammten Ausprägungen, würde die rechte Szene schlicht beginnen, sich neue Symbole zu suchen. Dann käme vermutlich der deutsche Ritterorden als nächstes dran.”

Darüber hinaus mache ein Verbot die Flagge nur noch interessanter und diskreditiere ein großes Stück deutscher Geschichte. “Man kann vom Kaiserreich halten, was man will, das waren sicher auch keine blühenden Landschaften. Aber das Land einigte sich und die Wirtschaft lief”, erklärt der Experte.

Es war nicht alles schlecht, das klingt fast wie beim Hausbesitzer von Empede. Karaschewski fügt aber noch einen entscheidenden Satz hinzu: “Ich möchte kein Verbot, nur weil irgendwelche hirnlosen Deppen diese Symbolik missbrauchen.” Es wäre wohl ohnehin wirkungslos.

Tatsächlich spricht einiges dagegen, die bundesweit geltenden Freiheitsrechte im Umgang mit Fahnen und Symbolen zu beschneiden. Jörg Karaschewski betont: Deutschland hat eines der liberalsten Flaggenregime der Welt, erlaubt ist so gut wie alles, was nicht gegen die Verfassung verstößt. Eine Patentlösung für den Umgang damit gibt es aber nicht.

Die Alternative bei einem Verbot wäre, nur noch offizielle Bundes- und Landesflaggen zu hissen. Durch das Verschwinden der Symbole ändere man aber nichts an den Einstellungen, die Menschen in sich tragen, meint der Vexillologe. “Eine wehrhafte Demokratie muss das aushalten.”

Ein (schwarz-weiß-)rotes Tuch

Dennoch ist die Flagge des Deutschen Kaiserreichs nicht einfach irgendein Stück Stoff, das im Wind weht. Sie repräsentiert mehr als ein erzkonservatives Deutschland zu Zeiten des Kolonialismus. Wer sie heute noch aufhängt, zieht sein Fähnchen bewusst für etwas in die Höhe, das für die dunkelste Zeit dieses Landes stehen soll: die Verherrlichung des Nationalsozialismus.

Die Reichsflagge ist für viele ein – im wahrsten Sinne des Wortes – schwarz-weiß-rotes Tuch. Eigentlich ein Relikt längst vergangener Zeiten, muss man sie im Jahr 2020 vielleicht am Fahnenmast zulassen – tolerieren jedoch freilich nicht.

 

Ausgerechnet die USA machen vor, dass es auch anders geht: Im Zuge der Proteste trennte sich der Südstaat Mississippi als letzter vom Konföderiertenzeichen in seiner Flagge, während US-Präsident Donald Trump das Symbol vehement verteidigt.

Trump mag recht haben, wenn er sagt, wir können nicht unsere gesamte Geschichte abschaffen. Eine Hakenkreuzfahne im Vorgarten eines Einfamilienhauses kann sich heutzutage aber zum Glück auch niemand mehr vorstellen.

RND

Von Maximilian Arnhold/RND