Montag , 21. September 2020
Türkei-Präsident Recep Tayyip Erdogan ist am Ziel: Die Hagia Sophia ist wieder offiziell eine Moschee, nicht mehr ein Museum. Als solches hatte sie Erdogans historischer Rivale Mustafa Kemal Atatürk deklariert. Quelle: dpa/RND Montage Behrens

Erdogans Triumph über Atatürk – Hagia Sophia ab Freitag wieder Moschee

Am Freitag öffnet die Hagia Sophia in Istanbul wieder als Moschee. Das Staatsfernsehen steht mit Übertragungswagen bereit um die Bilder des ersten Freitagsgebets in die Welt zu senden. Für Staatspräsident Erdogan ist es ein Sieg über seinen historischen Rivalen Atatürk, der vor fast 100 Jahren Kirche und Staat in der Türkei trennte.

Istanbul. Der Teppichboden ist erste Ware: 16 Millimeter dick. Fast fünf Kilo wiegt ein Quadratmeter des türkisfarbenen Teppichs, eine Spezialanfertigung aus dem westtürkischen Manisa. Der Lieferant hat in den vergangenen Tagen die Webstühle auf Hochtouren laufen lassen. Rund 4000 Quadratmeter gilt es auszulegen, damit die Gläubigen am Freitag beim ersten Gebet in der Hagia Sophia nicht auf dem harten Marmorboden der einstigen Kathedrale niederknien müssen.

Seit das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei am 10. Juli der Hagia Sophia den Status eines Museums aberkannte und Staatschef Recep Tayyip Erdogan wenige Stunden später die Umwandlung des Gebäudes in eine Moschee anordnete, ist das meistbesuchte Wahrzeichen Istanbuls geschlossen. Am vergangenen Sonntag inspizierte Erdogan die Bauarbeiten, mit denen die Hagia Sophia für ihre neue Rolle als muslimisches Gotteshaus hergerichtet wird. Seine Miene verriet Genugtuung. Auch der Teppichboden dürfte es ihm angetan haben. Türkis ist seine Lieblingsfarbe.

Triumph über den historischen Rivalen

Aber in der Hagia Sophia geht es nicht nur um den Bodenbelag. Die Experten der staatlichen Religionsbehörde Diyanet stehen vor kniffligen Aufgaben. In der einstigen Kirche gibt es zahlreiche Mosaiken. Sie zeigen zum Beispiel Christus, Maria und den Erzengel Gabriel. Dieser Anblick darf den Gläubigen, die hier ab Freitag die täglich fünf Pflichtgebete verrichten, keinesfalls zugemutet werden. Zugleich sollen die Mosaiken aber außerhalb der Gebetszeiten für Touristen zu sehen sein. Von Vorhängen ist die Rede und von Laser- oder Lichteffekten, mit denen man die Mosaiken für die muslimischen Gläubigen unsichtbar machen könnte.

Genaueres wird man am Freitag erfahren. Für Erdogan ist die Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee ein Triumph über seinen großen historischen Rivalen, den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Er schrieb bei der Ausrufung der Republik im Jahr 1923 die Trennung von Staat und Religion fest. Erdogan arbeitet seit Jahren daran, das Erbe Atatürks zu demontieren. Auf dem Weg zur “Islamischen Republik Türkei” ist die Umwandlung der Hagia Sophia zur “Ayasofya Camii”, wie sie jetzt heißt, eine wichtige Station. 537 unter Kaiser Justinian fertiggestellt, war die Basilika mehr als 900 Jahre lang das bedeutendste Gotteshaus der orthodoxen Christenheit und die Krönungskirche der Kaiser von Byzanz. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen machte Sultan Mehmet II. aus der Kathedrale eine Moschee. 1934 wandelte Atatürk die Hagia Sophia in ein Museum um.

Staatsfernsehen mit Übertragungswagen vorgefahren

Dass Erdogan das gerade jetzt revidiert, ist kein Zufall. Die Wirtschaftskrise macht ihm zu schaffen. In jüngsten Umfragen kommt seine Regierungspartei AKP, die vor zehn Jahren bei 50 Prozent Stimmenanteil lag, nur noch auf 30 Prozent. Mit der Umwandlung der Hagia Sophia will Erdogan jetzt vor allem seine nationalistisch-islamistische Kern-Klientel begeistern.

Im westlichen Ausland wird der Schritt als Affront verstanden. Die EU warnt, die Entscheidung untergrabe “das Bemühen und Dialog und Zusammenarbeit”. Die USA mahnten die Türkei, die “komplexe multi-religiöse Geschichte” der Hagia Sophia zu respektieren.

In der Hagia Sophia werden derweil die Vorbereitungen für das erste Gebet abgeschlossen. Übertragungswagen des Staatsfernsehens sind vorgefahren. Ali Erbas, der Chef der Religionsbehörde, soll die Gebete sprechen. Erdogan will eine Rede halten. Zutritt haben nur geladene Gäste. Tausende werden sich vor dem Gebäude versammeln, um die Andacht auf Großbildschirmen zu verfolgen – Corona hin oder her.

Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin beteuert, die Fresken, Mosaiken und Ikonen aus der christlichen Ära blieben erhalten. Aber es gibt auch andere Stimmen. Der Historiker Ebubekir Sofuoglu von der Sakarya-Universität fordert, die Bilder zu zerstören. Es sei den Gläubigen nicht zuzumuten, im Angesicht einer “Hure” zu beten. Damit meint der Geschichtsprofessor ein Mosaik, das die byzantinische Kaiserin Zoe zeigt, die Tochter von Kaiser Konstantin VIII. Als Herrscherin hatte sie keine Fortune: Sie regierte Byzanz nur drei Monate lang im Frühjahr 1024. Umso größer Erfolg wird ihr als Liebhaberin nachgesagt.

Von Gerd Höhler/RND