Dienstag , 20. Oktober 2020
Wenn in Deutschland eine Vier-Tage-Woche eingeführt wird, dann normalerweise nur aus der Not heraus – so bei Volkswagen im Frühling.

Die Vier-Tage-Woche: Eine überfällige Debatte

Rufe nach einer Vier-Tage-Woche verhallen in Deutschland meist ungehört. Dabei zeigen Studien weltweit: Das Modell funktioniert. Es ist an der Zeit für mehr Diskussion und Experimentierfreude, kommentiert Tammo Kohlwes.

Berlin. Linken-Chefin Katja Kipping will eine flächendeckende Einführung der Vier-Tage-Arbeitswoche. Gewiss wirft diese Forderung allerhand arbeitsrechtliche Detailfragen auf. Im Grundsatz aber ist der Vorstoß begrüßenswert. Hoffentlich verhallt er nicht ungehört.

In der breiten Öffentlichkeit ist der Reiz einer Verkürzung von Arbeitszeit längst angekommen. Porträts über Paare mit ausgeglichener Work-Life-Balance füllen ganze Magazinstrecken. Und auch die Wissenschaft gibt zu denken. Zahlreiche Versuche in Betrieben zeigen: Arbeitnehmer und Arbeitgeber können von einer Vier-Tage-Woche gleichermaßen profitieren.

Denn nicht nur macht weniger Arbeit bei gleicher Entlohnung die Arbeitnehmer glücklicher. Einer Studie der University of Auckland in Neuseeland zufolge nimmt sogar die Produktivität der Mitarbeiter zu, sodass den Arbeitgebern kein Nachteil entsteht. Bei Microsoft in Japan stieg die Produktivität Studien zufolge um 40, in der norwegischen Großmolkerei Tine gar um 50 Prozent – bei 20 Prozent weniger Arbeitszeit.

Und was ist mit Deutschland?

In Deutschland haben solche Erkenntnisse bislang nichts verändert. Nur wenige, meist kleinere Unternehmen wagen den Bruch mit der Fünf-Tage-Woche.

Gewiss: Die pauschale Vier-Tage-Woche ist kein Erfolgsgarant. Eine flächendeckende Vier-Tage-Woche in Deutschland wäre ein enormes Wagnis und kann nicht von heute auf morgen eingeführt werden. Von Branche zu Branche, von Region zu Region müssten erst Modelle unter Beteiligung der Sozialpartner gefunden werden.

Arbeitgeberverbände zeigen sich mitunter offen und sprechen sich für “Flexibilisierung” aus. Was toll klingt, kann aber auch ständige Verfügbarkeit bedeuten. Also das Gegenteil von weniger Arbeit und mehr Lebensqualität.

Angesichts des Fachkräftemangels und einer jungen Generation, die Selbstverwirklichung nicht allein im Berufsleben sucht, ist eine Debatte über neue Arbeitszeitmodelle überfällig. Aber nur reden bringt die Gesellschaft nicht weiter – sondern auch machen. Die bisherigen Erkenntnisse wecken Hoffnung.

RND

 

 

Von Tammo Kohlwes/RND