Donnerstag , 29. Oktober 2020
Mitarbeiter der Stadtreinigung beseitigen am Morgen vor der Alten Oper Scherben der zertrümmerten Scheiben einer Bushaltestelle. In der Nacht zum 19. Juli 2020 ist es auf dem Opernplatz zu gewalttätigen Krawallen gekommen. Wie die Polizei mitteilte, hatten rund 3000 Menschen Partys gefeiert, als die Randale ausbrach. 39 Menschen seien daraufhin festgenommen worden, acht davon seien am Sonntagmorgen noch in Gewahrsam gewesen. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa

Jugendforscher zu Krawallen: “Das war kein politischer Protest, sondern Frust”

In Frankfurt endet eine Partynacht mit Gewalt gegen die Polizei. Soziologe Björn Milbradt sieht nicht Protest, sondern Frust als Ursache. Der Experte warnt davor, allein im Migrationshintergrund die Ursache für die Ausschreitungen zu sehen.

Berlin. Wieder endet eine Partynacht mit Zerstörung und Festnahmen. Wieder herrscht Ratlosigkeit: Woher kommt die Aggression der Jugend? In Frankfurt haben in der Nacht zu Sonntag Hunderte Menschen rund um den Opernplatz gefeiert, doch dann kippte die Stimmung. Zunächst kam es zu einer Massenschlägerei unter den Feiernden. Als die Polizei einschritt, sollen Beamte massiv mit Flaschen beworfen und verletzt worden sein.

Björn Milbradt vom Deutschen Jugendinstitut in Halle forscht zum Thema Radikalisierung bei Jugendlichen. Aus seiner Sicht begünstigen mehrere Faktoren die jüngsten Eskalationen in Stuttgart und Frankfurt. Ein Blick auf mögliche Migrationshintergründe der Beteiligten reicht dem Experten nicht als Erklärung für die Aggression.

Herr Milbradt, was ist mit der Jugend los? Warum wurden in Stuttgart und Frankfurt aus friedlichen Partynächten Krawalle?

Zunächst einmal: Man kann hier nicht von der Jugend im Allgemeinen reden. Es war ja nur eine sehr kleine Gruppe von Jugendlichen in Deutschland beteiligt. Mit einer einfachen Antwort zur Erklärung kann ich nicht dienen. Es gibt sicherlich eine ganze Reihe von Ursachen, die man sich anschauen muss.

Welche Faktoren könnten denn eine Rolle spielen?

Alkoholkonsum kann zur Eskalation beigetragen haben. Hinzu kommt, dass in Corona-Zeiten viele Angebote für Jugendliche, etwa in Sportvereinen, weggefallen sind. Auch Clubs bleiben zu oder schließen viel früher. Das führt zum sogenannten Cornern. Statt in einem kontrollierten Raum trifft man sich auf öffentlichen Plätzen und trinkt dort etwas. In Clubs ist nicht jedes Verhalten erlaubt, die Regeln dort wirken zivilisierend, weil man im Zweifel vom Türsteher rausgeworfen wird. Auf öffentlichen Plätzen ist das anders, zumal da auch unterschiedliche Milieus und Szenen aufeinandertreffen, die sonst nicht unbedingt zusammen feiern – etwa Techno- und Hip-Hop-Szene. Solche und viele andere Faktoren können in eine Situationsdynamik einfließen, etwa auch das Verhalten der Polizei oder von Umstehenden.

Warum wird die Polizei zum Angriffsziel?

Das muss man jeweils aus der konkreten Situation betrachten. Wenn es losgeht, wodurch auch immer, bekommt eine Menschenmenge mitunter auch eine Eigendynamik. Plötzlich heißt es “Polizei gegen uns”. Solche spontanen Solidarisierungsaktionen gibt es immer wieder. Manche nutzen die Anonymität in der Gruppe, um auf den Putz zu hauen. Wir kennen das von Protestereignissen wie dem G-20-Gipfel in Hamburg. Die Polizei scheint derzeit in manchen Situationen verstärkt als Gegner wahrgenommen zu werden, insbesondere, wenn es um die Nutzung des öffentlichen Raumes geht.

Sehen sie eine Verbindung zu den Protesten gegen die Polizeigewalt in den USA?

Nein, in Frankfurt war es kein explizit politischer Protest – bei allem, was wir derzeit wissen. Dafür sehe ich bisher keine Hinweise. In Stuttgart und Frankfurt spricht die spontane Gewaltäußerung eher für Frust und Aggression als für Protest. Dennoch ist die Frage, welche Haltung die Beteiligten zu Polizei und Staat haben, interessant, denn auch in spontanen Gewaltäußerungen kann sich latenter Protest verbergen.

Liefert der Migrationshintergrund von Tätern Antworten?

Es kommt sehr darauf an, wie man den Aspekt des Migrationshintergrundes aufgreift. Wenn die Hautfarbe oder Herkunft der Menschen als Erklärung für Gewaltbereitschaft dienen soll, ist das rassistisch. Wenn die Kenntnis des Migrationshintergrundes uns jedoch zu weiteren Erklärungen verhilft, kann das ein Mosaiksteinchen zum Verständnis der Situation sein, etwa welche Rolle Männlichkeitsbilder oder Unerfahrenheit mit Alkohol spielen, aber auch, ob die Jugendlichen Erfahrungen von Diskriminierung gemacht haben. Wir müssen die Krawalle weniger sicherheitspolitisch, sondern auch sozialpolitisch betrachten. Wir sollten die Akteure ernst nehmen, wenn wir die Ereignisse richtig aufklären wollen. Das heißt natürlich nicht, die Gewalt zu billigen. Aber Stereotype helfen hier nicht weiter, und man muss auch die Jugendlichen, die vor Ort waren, fragen, wie genau sie die Situation erlebt haben. Das ist eine Bedingung, um sie zu verstehen.

Von Juliane Schultz/RND