Donnerstag , 24. September 2020
Menschen nehmen mit Plakaten an einer Protestveranstaltung zur Unterstützung des nun abgesetzten Gouverneurs Furgal teil. Im äußersten Osten Russlands haben nach der Festnahme des Gouverneurs Sergej Furgal Zehntausende Menschen demonstriert. Sie wandten sich gegen das Vorgehen der Behörden in Moskau in dem Fall und forderten auch den Rücktritt von Kremlchef Putin. Quelle: Igor Volkov/AP/dpa

Putin setzt Gouverneur in russischer Provinz ab – trotz Massen-Prostesten

Schon seit Tagen demonstrieren Zehntausende in der Region Chabarowsk im Osten Russlands. Sie protestieren gegen die Inhaftierung ihres Gouverneurs wegen angeblicher Verstrickungen in Auftragsmorde vor etwa 15 Jahren. Jetzt hat Präsident Wladimir Putin den Gouverneur offiziell abgesetzt.

Chabarowsk. In der seit Tagen von Massenprotesten erschütterten russischen Region Chabarowsk hat Kremlchef Wladimir Putin den inhaftierten Gouverneur per Dekret abgesetzt. Demnach soll nun der 39 Jahre alte Moskauer Parlamentsabgeordnete Michail Degtjarjow als Interimschef die Region im äußersten Osten des Landes zur Ruhe bringen.

Zehntausende Menschen demonstrieren seit Tagen gegen die Verhaftung des Gouverneurs Sergej Furgal. Es sind die größten Proteste, die die russische Provinz seit Jahren gesehen hat. Viele Protestierer halten die Vorwürfe gegen Furgal für eine Inszenierung.

Ermittler in der Hauptstadt Moskau werfen Furgal vor, den Mord an zwei Unternehmern in seiner Zeit als Geschäftsmann vor rund 15 Jahren in Auftrag gegeben zu haben. In einem dritten Fall soll es beim versuchten Mord geblieben sein. Der Politiker weist die Vorwürfe zurück. Belastet wird er nach Darstellung der Ermittler von bereits inhaftieren Verbrechern.

In Chabarowsk ist die Meinung verbreitet, dass der beliebte, aber vom Kreml nicht steuerbare Politiker mundtot gemacht werden soll. Laut dem vom Kreml am Montag veröffentlichten Dekret entzog Putin Furgal wegen des Strafverfahrens das Vertrauen.

Furgal gewann Wahl gegen Kandidaten der Kremlpartei

Nachfolger Degtjarjow ist wie Furgal von der so bezeichneten Liberaldemokratischen Partei Russlands (LDPR) des Ultranationalisten Wladimir Schirinowski. Die Partei verhält sich dem Kreml loyal gegenüber, hatte aber davor gewarnt, ihr den Gouverneursposten in der Region zu nehmen. Furgal hatte zum Ärger der Machtzentrale in Moskau 2018 die Wahl gegen den Kandidaten der Kremlpartei Geeintes Russland gewonnen.

Ungeachtet der Vorwürfe setzen sich seit der Festnahme Furgals vor zwei Wochen in der Region Zehntausende Menschen für den Politiker ein. Kommentatoren in Moskau hatten sich gewundert, dass der Kreml diesen größten Menschenansammlungen seit Jahren tatenlos zusehe. Zudem sind Massenveranstaltungen dort wegen der Corona-Pandemie verboten. In der Hauptstadt enden solche ungenehmigten Proteste in der Regel mit massiven Polizeieinsätzen und Festnahmen.

Der Interimsnachfolger Degtjarjow dankte Putin in einer Videokonferenz für das Vertrauen. „Ich bin bereit, umgehend in die Region Chabarowsk zu fliegen“, sagte er. Putin meinte, dass der Abgeordnete jung, aber sehr gut vorbereitet sei für den Posten.

Wie die Menschen in Chabarowsk reagieren werden, wird sich erst noch zeigen. Zum Zeitpunkt der Absetzung Furgals und der Bekanntgabe der neuen Personalie in Moskau war es dort schon tiefe Nacht.

RND/dpa