Dienstag , 20. Oktober 2020
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek beim Wechsel eines Mund-Nasen-Schutzes: Die CDU-Politikerin will flächendeckende Schulschließungen im kommenden Schuljahr unbedingt vermeiden. Quelle: Christian Charisius/dpa/Pool/dpa

Anja Karliczek: “Niemand wünscht sich Unterricht mit Maske”

Wie normal wird das neue Schuljahr? Was ist zu tun, damit flächendeckende Schulschließungen auf jeden Fall vermieden werden können? Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) stellt sich im RND-Interview den Fragen, wie es nach den Sommerferien konkret weitergeht. Sie verrät auch, welche Hindernisse es noch bei der Jagd nach einem Impfstoff gibt.

Berlin. Frau Karliczek, die Kommunen rechnen für die Zeit nach den Sommerferien noch nicht mit einem Normalbetrieb. Wie viel Normalität kann es im kommenden Schuljahr geben?

Nach der momentanen Infektionslage in Deutschland können die Schulen nach den Sommerferien grundsätzlich in einen Regelbetrieb zurückkehren. Das ist eine gute Nachricht für die Schüler und ihre Eltern, für uns alle. Aber auch in den nächsten Monaten werden wir noch in der Pandemie stecken. Es wird daher weiter immer noch nicht die Schule geben, die wir vor der Pandemie gekannt haben. Das neue Schuljahr soll so normal wie möglich sein, aber es wird dennoch kein normales Schuljahr werden. An den Schulen werden weiter strenge Vorsichtsmaßnahmen gelten, wie sie die Kultusminister jetzt vereinbart haben. Und die müssen eingehalten werden. Sonst gefährden wir gleich wieder die Schulöffnungen.

Heißt das, Eltern müssen wieder Homeoffice und Homeschooling verbinden?

Die Länder haben sich darauf verständigt, neben dem regulären Unterricht zwei weitere Szenarien vorzubereiten: den Fall einer Mischung aus Präsenz- und Digitalunterricht und den Fall, dass die Schüler wieder komplett zu Hause bleiben und dort lernen müssen. Bei allen Chancen, die der Digitalunterricht bietet – wir müssen vermeiden, dass es wieder zu flächendeckenden längeren Schulschließungen kommt. Der Präsenzunterricht ist unersetzlich. Dazu muss neben der Einhaltung der Hygienevorschriften vor allem auf lokale Infektionsausbrüche rasch und konsequent reagiert werden. Dabei kann es als letztes Mittel zur vorübergehenden Schließung einzelner Schulen kommen, auch wenn dies sicher niemand gern tun wird.

Ist Unterricht ohne Abstandsregeln, wie die Länder ihn für Schuljahresbeginn planen, verantwortbar?

Wo das Virusgeschehen gering ist, da ist Unterricht auch ohne Abstand möglich. Wir brauchen aber Sicherheitspuffer, selbst wenn die Infektionen in einer Region gegen null tendieren. Wichtig sind die Einhaltung der Hygieneregeln und das ständige Durchlüften der Klassenräume. Die Kinder sollten möglichst immer in ihrem Klassenverband bleiben. Wir brauchen gute Konzepte dafür, wie Schüler und Lehrer regelmäßig auf Corona getestet werden können, gerade zu Schuljahresbeginn. Und Schüler, die Symptome haben, dürfen erst gar nicht in die Schule kommen.

Muss es notfalls auch Unterricht mit Maske geben?

Niemand wünscht sich Unterricht mit Maske. Wenn Schüler an ihrem Platz sitzen, finde ich es grundsätzlich vertretbar, dass sie keine Maske tragen müssen. Das erleichtert natürlich den Unterricht. Ich halte es aber gerade in Regionen, wo die Infektionen wieder zunehmen, oder in engen Klassenräumen sicher für sinnvoll, den Kindern und Jugendlichen zu sagen: “Sobald ihr von euren Plätzen aufsteht, müsst ihr die Maske aufsetzen.” Wir müssen uns einfach überall, wo Menschen näher zusammenkommen und den Abstand nicht einhalten können, an die Masken gewöhnen.

Es kann im nächsten Schuljahr wieder zum Nebeneinander von Präsenz- und Digitalunterricht kommen. Sollten Lehrer zu Weiterbildungen im digitalen Unterrichten in den Sommerferien verpflichtet werden?

Es ist Teil des Digitalpakts, dass die Länder die digitale Weiterbildung der Lehrer verstärken. Ich denke, da muss es gerade im nächsten Jahr noch einen Schub geben. Die Anschaffung der Infrastruktur reicht nicht, wenn die Lehrer die Möglichkeiten nicht anwenden können. Natürlich sollte das auch jetzt in den Ferien beginnen. Weiterbildung ist aber ein Dauerthema, und das muss langfristig angelegt werden. Wir haben jetzt viele Ad-hoc-Maßnahmen zur Schulausstattung getroffen. Die werden jetzt umgesetzt. Aber bei der Digitalisierung stehen wir in vielen Schulen immer noch eher am Anfang. Die Erfahrung der Krise wird die Schulen aber nachhaltig verändern. Es wird mehr auch digitalen Präsenzunterricht geben.

Was entgegnen Sie Lehrern, die sagen: “Digitales Unterrichten schön und gut, aber ich habe ja nicht mal eine dienstliche E-Mail-Adresse. Und gebt mir doch erst mal einen Dienstlaptop!”

Wenn Lehrer digital unterrichten sollen, dann brauchen sie einen Dienstlaptop und eine dienstliche E-Mail. Hier sind die Länder gefragt. Überall – in den Unternehmen oder auch in Behörden – sind gerade in den vergangenen Monaten Mitarbeiter noch einmal besser ausgestattet worden. Das sollte auch in einem gesellschaftlich so wichtigen Bereich wie den Schulen möglich sein.

Sind die 5 Milliarden Euro vom Bund nicht viel zu knapp bemessen, um die Digitalisierung an den Schulen zu gestalten? Und wie wollen Sie es schaffen, dass das Geld endlich schneller abfließt?

Es macht nach wie vor Sinn, dass die Schulen grundsätzlich Konzepte entwickeln müssen, wie der digitale Unterricht gestaltet werden soll. Einfach nur Geld zu geben bringt noch nicht den erwünschten Fortschritt. Wir waren aber schon in der jüngsten Vergangenheit bereit, Mittel aus dem Digitalpakt flexibel zur Verfügung zu stellen – etwa für länderübergreifende Projekte –, und sind dies auch weiter. Wir wollen dabei helfen, die Digitalisierung nun noch einmal zu beschleunigen.

Am meisten Normalität – auch an den Schulen – wird möglich sein, wenn es einen Impfstoff gibt. Für wann rechnen Sie damit?

Wir haben immer gesagt, dass es vermutlich zwölf bis 18 Monate dauert, bis wir einen oder mehrere Impfstoffe der breiten Bevölkerung anbieten können. Einige Forscher und Firmen sind offenbar auf einem guten Weg. Aber der Erfolg ist längst nicht garantiert. Niemand kann heute sagen, wie wirksam letztlich die Impfstoffe sind, die momentan vielleicht in Tests recht gut aussehen, oder ob sie breit vertragen werden. Eine Impfstoffentwicklung ist leider kein berechenbarer Prozess.

Was tun Sie, um die Sache zu beschleunigen?

Mit unserem Sonderprogramm von 750 Millionen Euro setzen wir alles daran, in Deutschland ansässige Firmen bei der Impfstoffentwicklung zu unterstützen – insbesondere bei der Ausweitung der klinischen Prüfungen. Das wird die Entwicklung von Impfstoffen beschleunigen. In der sogenannten Phase II könnte der Impfstoffkandidat so bereits auf freiwilliger Basis an Risikogruppen verabreicht werden, wie an ältere Menschen. Und wir wollen die Ausweitung der entsprechenden Produktionskapazitäten fördern.

Schnappt Donald Trump uns den Impfstoff vor der Nase weg?

Ich glaube, dass wir bereits durch unser Programm gut aufgestellt sind, die deutsche Bevölkerung zu versorgen. Dabei werden wir auch immer im Blick haben, wo der Impfstoff weltweit dringend gebraucht wird. Denn diese Pandemie muss weltweit unter Kontrolle gebracht werden.

In Deutschland ist laut einer aktuellen Antikörperstudie des Robert-Koch-Instituts nur ein sehr kleiner Teil der Menschen immun gegen das Coronavirus. Was bedeutet das für die Debatte um einen Immunitätsausweis?

Die Forscher wissen noch nicht genug über die Immunreaktionen im Zusammenhang mit Covid-19. Darüber habe ich mich erst in dieser Woche mit Wissenschaftlern ausgetauscht. Ob jemand immun ist, lässt sich jedenfalls nicht allein danach beurteilen, ob derjenige Antikörper hat. Denn es gibt auch andere Aspekte der Immunantwort, die zum Schutz beitragen. Zunächst muss die Wissenschaft mehr über die Immunisierung wissen. Erst dann kann man über den Immunitätsausweis überhaupt sprechen.

Von Tobias Peter/RND