Samstag , 19. September 2020
Greta Thunberg, Klimaaktivistin, steht mit ihrem Transparent "Skolstrejk for Klimatet" vor einer Kundgebung in Hamburg. (Archivbild) Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Seit 100 Wochen “Schulstreik” – Greta Thunberg blickt zurück

Geradezu unermüdlich kämpft Greta Thunberg für mehr Einsatz im Kampf gegen die Klimakrise. In der ganzen Welt hat sie lautstarke Unterstützer gefunden – und einiges bewegt. Inzwischen „streikt“ sie seit 100 Wochen fürs Klima – und blickt auf eine turbulente Zeit zurück.

Stockholm. 100 Wochen ist es her, dass die schwedische Aktivistin Greta Thunberg erstmals vor dem schwedischen Parlament für mehr Klimaschutz protestierte. Zum Jubiläum warf sie einen Blick zurück. “Schulstreik Woche 100! Vor 100 Wochen hätte ich niemals geglaubt, dass ich das heute noch machen werde. Seitdem ist eine Menge passiert”, schrieb die 17-Jährige am Freitag in den sozialen Netzwerken.

Dazu stellte sie eine Reihe von Bildern von sich und ihrem berühmten Protestschild mit der Aufschrift “Skolstrejk för klimatet” (Schulstreik fürs Klima), die von ihrem ersten einsamen Protest vor dem Stockholmer Reichstag im August 2018 über die Großproteste in aller Welt und ihre Atlantik-Überquerung bis hin zum coronabedingten Protest zu Hause reichten.

Zum einen seien seit dem Beginn ihrer Protestaktion Millionen Menschen für das Klima und die Umwelt auf die Straße gegangen, resümierte Thunberg. Zum anderen habe die Welt seitdem mehr als 80 Gigatonnen CO2 ausgestoßen und zwei weitere Jahre mit Nichtstun vergeudet. Die notwendigen Veränderungen und das dringend benötigte Klimabewusstsein seien weiterhin nicht in Sicht, kritisierte sie.

“Niemand ist zu klein, um einen Unterschied zu machen”

Gleichzeitig rief die junge Schwedin dazu auf, dass alle etwas gegen die Klimakrise tun müssten. “Das hier sind historische Zeiten. Was wir jetzt tun und was nicht, das wird sowohl den Rest unseres Lebens definieren als auch das Leben unserer Kinder und Enkel.” Sie schloss mit einem ihrer berühmt gewordenen Zitate: “Niemand ist zu klein, um einen Unterschied zu machen.”

Seit sich die damals 15-Jährige am 20. August 2018 alleine vor den Stockholmer Reichstag gesetzt hat, ist aus ihrem einsamen Protest die internationale Klimabewegung Fridays for Future entstanden, deren Aufruf zum Klimaprotest weltweit Millionen überwiegend junge Menschen gefolgt sind. Thunberg wurde zum Gesicht des Jahres 2019, noch vor US-Präsident Donald Trump oder Kanzlerin Angela Merkel.

Die Protestmärsche lösten nicht nur eine deutsche Debatte über die Schulpflicht aus – sie trieben Politik und Unternehmen auch vor sich her. Dass die deutsche Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer ein Gespräch mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ankündigen kann, wirkt kaum noch außergewöhnlich.

Schließlich hat sich auch Merkel schon mit Thunberg zusammengesetzt. Fakt ist: An der jungen Klimabewegung kommt kaum jemand vorbei. Aus Sicht der Aktivisten ist das aber längst nicht genug.

Corona nimmt Fridays for Future etwas den Wind aus den Segeln

Die Corona-Krise hat die Bewegung und auch Thunbergs eigenen Protest nun zu einem großen Teil ins Internet verbannt. Weniger laut und sichtbar zu sein, hat den Aktivisten einiges an Wind aus den Segeln genommen. Zur 100. Schulstreik-Woche drehen sie aber wieder auf.

Pünktlich vor dem EU-Sondergipfel zur Kompromisssuche im Streit um den EU-Haushalt und das Corona-Wiederaufbauprogramm meldet sich die nun 17-jährige Thunberg mit klaren Forderungen im Kampf gegen die Klimakatastrophe zurück. Gemeinsam mit ihrer deutschen Mitstreiterin Neubauer sowie den Belgierinnen Anuna de Wever und Adélaïde Charliér und unterstützt von Promis von Leonardo DiCaprio über Roger Waters bis Coldplay schickte Thunberg am Donnerstag einen offenen Brief nach Brüssel und an alle Staats- und Regierungschefs der EU.

„Sie müssen damit aufhören, so zu tun, als könnten wir die Klima- und Umweltkrise lösen, ohne sie als eine Krise zu behandeln“, fordern die Aktivistinnen in dem Schreiben, das auch prominente Klimaforscher wie Johan Rockström und Stefan Rahmstorf sowie die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai unterzeichnet haben. „Die EU hat dazu die wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten, weshalb es unsere moralische Pflicht ist. Jetzt müssen Sie Ihre Versprechen tatsächlich einhalten.“

Thunbergs radikale Forderungen

Die Forderungen sind radikal: Ab sofort überhaupt kein Geld mehr in fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Erdgas stecken, „Ökozid“ am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag als Verbrechen strafbar machen, verpflichtende Treibhausgas-Budgets für die Staaten. „Wir verstehen und wissen sehr gut, dass die Welt kompliziert ist und dass es nicht einfach sein dürfte, was wir verlangen“, schreiben die Aktivistinnen. Noch unrealistischer sei es aber, zu glauben, die Gesellschaft könne die globale Erhitzung und andere katastrophale Umweltfolgen überleben, wenn es so weitergehe wie bisher.

Dass Thunberg, Neubauer und ihre Mitstreiterinnen ausgerechnet in Brüssel auf der Matte stehen, ist kein Zufall. Dort geht es an diesem Wochenende und in nächster Zeit unter anderem um den Corona-Aufbaufonds: 750 Milliarden Euro sollen verteilt werden. Auch der siebenjährige Haushaltsplan ab 2021 wird verhandelt. Für Klimaschützer ist klar: Solche Summen werden nur einmal ausgegeben. Und deswegen müssen sie den Klimaschutz voranbringen. Wie ist da eigentlich – 100 Wochen nach dem Start der Thunberg-Proteste – die Lage?

Wie ist die Lage beim Klimaschutz?

Europäische Union: Kommissionspräsidentin von der Leyen hat mit dem “Green Deal” und auch sonst ziemlich ehrgeizige Ziele ausgerufen – darunter, dass die EU bis 2050 als erster “klimaneutraler Kontinent” unterm Strich gar keine Treibhausgase mehr ausstoßen soll. Schon bald soll das CO2-Einsparziel für 2030 kräftig erhöht werden. Aber die EU besteht aus 27 Staaten mit ganz unterschiedlichen Interessen. Was am Ende im Detail rauskommt, ist Verhandlungssache. Und die Verhandlungen werden hart.

Deutschland: Zwei Gesetze haben gerade den Kohleausstieg bis spätestens 2038 besiegelt – lautstarke Proteste auch von Fridays for Future, dass das zu spät sei, nützten nichts. Nun geht es darum, den Ökostrom-Ausbau zu beschleunigen, das dürfte noch zu heftigen Debatten führen. Sein Klimaziel für 2020 wird Deutschland wohl schaffen, aber nur wegen der Corona-Krise. Spannend wird es, wenn im Frühjahr 2021 erstmals der Kontrollmechanismus des Klimaschutzgesetzes greift, über den Minister zu Sofortprogrammen verdonnert werden können. Viele glauben, dass dieses Gesetz und der neue CO2-Preis ohne die Schülerdemos nicht zustande gekommen wären.

Weltweit: Wie sich der Treibhausgasausstoß dieses Jahr entwickelt, ist wegen der Corona-Krise schwer abzuschätzen – und auch nicht so richtig aussagekräftig. Fest steht, dass die Klimadiplomatie unter der Pandemie leidet. Der UN-Klimagipfel im November fällt aus. UN-Generalsekretär António Guterres ermahnt die Staaten, im Kampf gegen die Folgen der Pandemie kein Geld in Kohle und andere fossile Energien zu stecken. Er findet aber längst nicht überall Gehör – Sorgen bereiten Klimaschützern etwa China und Indien.

Gut möglich also, dass Greta Thunberg in 100 Wochen noch immer streikt.

RND/dpa