Sonntag , 1. November 2020
Fahrzeuge stehen auf der Autobahn A7 vor dem Elbtunnel im Stau. Quelle: Axel Heimken/dpa

Kraftfahrzeug-Dichte in Deutschland seit 2010 um fast 15 Prozent gestiegen

Trotz Klimaschutzdebatten und Dauerstaus in den Städten nehmen Kraftfahrzeuge immer mehr Raum in den deutschen Kommunen ein. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl von Pkw je 1000 Einwohner in manchen Städten um 15 Prozent. Nur eine Metropole scheint sich dieser Entwicklung zu entziehen – Frankfurt am Main.

Berlin. In den vergangenen zehn Jahren sind die Kraftfahrzeugzahlen je 1000 Einwohner in Deutschland um 14,5 Prozent gestiegen. Das ergibt sich aus dem Vergleich der Fahrzeugbestände in den Statistiken des Kraftfahrzeugbundesamts (KBA) für die Jahre 2010 und 2020.

Danach kamen vor zehn Jahren bundesweit noch 612 Kfz (davon 509 Pkw) auf 1000 Einwohner, in diesem Jahr sind es bereits 701 (davon 575 Pkw).

Insgesamt waren 2010 auf deutschen Straßen 50,1 Millionen Kraftfahrzeuge (davon 41,7 Millionen Pkw) – also inklusive Pkw, Lkw, Bussen oder Motorrädern – unterwegs. Anfang dieses Jahres waren es 58,1 Millionen (davon 47,7 Millionen Pkw).

Niedersachsen, NRW und Saarland vorn dabei

Auf Länderebene sind die Zahlen zugelassener Kraftfahrzeuge in Niedersachsen (17,4 Prozent), Nordrhein-Westfalen (16 Prozent) und im Saarland mit plus 15,5 Prozent in den vergangenen zehn Jahren am stärksten gestiegen. Am geringsten fiel der Zuwachs in den Stadtstaaten Berlin (6,4 Prozent), Hamburg und Bremen mit jeweils 9,2 Prozent aus.

Auch in den von Staus geplagten 15 größten deutschen Städten fällt der Aufwuchs von Kraftfahrzeugen insgesamt und bei den Pkw mitunter zweistellig aus. In Dortmund entfallen 567 Fahrzeuge (davon 496 Pkw) auf 1000 Einwohner. Das ist ein Wachstum um 15 Prozent seit 2010. Gefolgt wird die Ruhrmetropole von Hannover mit einer Fahrzeugdichte von 596 (davon 505 Pkw) – was einer Steigerung von 12,5 Prozent entspricht.

Die geringsten Steigerungen verzeichnen Leipzig mit 6,2 Prozent bei 448 Kraftfahrzeugen (davon 391 Pkw) je 1000 Einwohner, Köln mit 6,3 Prozent bei 524 Kraftfahrzeugen (davon 452 Pkw) und Dresden mit 479 (412 bei Pkw).

Ein Sonderfall ist die Mainmetrople Frankfurt mit derzeit 763.000 Einwohnern. Die Pkw-Dichte ist laut Flensburger Statistik konstant geblieben – bei 452 je 1000 Einwohner – obwohl die Einwohnerzahl seit 2010 um mehr als 80.000 gestiegen ist. Lediglich die Dichte aller Kraftfahrzeuge hat sich demnach leicht erhöht: um fünf Fahrzeuge auf 519 oder ein Prozent.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagt angesichts der wachsenden Fahrzeugdichte, dass die Bundesregierung mit den Ländern daran arbeite, die Alternativangebote zu verbessern. “Wir können und wollen den Bürgern nicht vorschreiben, welches Verkehrsmittel sie nutzen sollen oder privat anschaffen. Wir wollen die Mobilität und damit die Freiheit nicht einschränken”, so Scheuer gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Der Minister betont, dass sich die individuellen Mobilitätsbedürfnisse stark unterscheiden würden: “Je nachdem, wo ich wohne, wo ich arbeite, wo ich einkaufe.” Bund und Länder konzentrieren sich auf verkehrsträgerübergreifende Angebote. “Wir finanzieren den Ausbau des ÖPNV, verbessern die Taktung bei der Bahn, unterstützen bei der Digitalisierung und fördern den Ausbau der Radinfrastruktur massiv”, so Scheuer.

Der für Verkehr zuständige stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ulrich Lange, sieht in der zunehmenden Fahrzeugdichte vor allem ein Spiegelbild der guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland. “Durch Corona und die Auswirkungen auf die Wirtschaft wird sich der Fahrzeugbestand wohl eher verringern”, vermutet Lange.

Die Grünen haben daran erheblichen Zweifel. “Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten – das gilt natürlich auch für den Autobesitz”, sagte der verkehrspolitische Sprecher Stephan Kühn dem RND. “Wo Busse und Bahnen jahrelang vernachlässigt wurden und die Fahrkosten deutlich schneller gestiegen sind als im Autoverkehr, gibt es wenig Anreize, das Auto stehen zu lassen.”

Natürlich bleibe das Auto im ländlichen Raum ein unverzichtbarer Teil der Alltagsmobilität, so Kühn. “Doch da, wo der Umstieg möglich ist, hat der Bund die Kommunen jahrelang zu wenig unterstützt – egal ob beim Ausbau der Infrastruktur für den Nahverkehr oder bei Zuschüssen für Radschnellwege.”

Der FDP-Obmann im Bundestags-Verkehrsausschuss, Torsten Herbst, erklärt, dass “entgegen vielfacher Behauptungen” das Auto in der Stadt eben kein Auslaufmodell sei. “Rund die Hälfte aller Wege in den Städten werden derzeit mit dem eigenen Fahrzeug zurückgelegt. Für eine attraktive Mobilität in den Städten brauchen wir alle Verkehrsträger – vom Fuß- und Radverkehr über den ÖPNV bis zum Auto.” Eine schlichte “Gut-Böse-Rhetorik” nach dem Motto “Alle Autos raus aus den Städten“ ginge an den Mobilitätswünschen der Bürger vorbei.

Was die Bürger wollen, soll jetzt ein Versuch in Hamburg herausfinden. Die Hansestadt will Verkehrslösungen der Zukunft etablieren. Mittwoch war Start für das Reallabor für digitale Mobilität. Der Bund stellt rund 21 Millionen Euro für zehn Mobilitätsangebote bereit – “von Mikrohubs zur Entlastung von Logistiklieferverkehren über eine Mobilitäts-App für alle Verkehrsmittel bis hin zu Mobilitätsbudgets anstelle von Dienstwagen”, so der Bundesverkehrsminister.

Derweil rätseln sie im Frankfurter Verkehrsdezernat noch, woran es liegen mag, dass die Pkw-Dichte am Main nach zehn Jahren konstant geblieben ist. Vielleicht wegen einer besonders schlauen Verkehrspolitik der Kommune? Eine Sprecherin zweifelt: “Also, ich weiß nicht.”

 

Von Thoralf Cleven/RND