Sonntag , 1. November 2020
Eine 94-jährige Frau im Altenpflegeheim. Quelle: imago/photothek

Personalnot in der Altenpflege: Mehr Geld ist nicht genug

Die Personalnot in der Altenpflege ist groß: Die große Koalition hat Anfang 2019 zusätzlich 13.000 Stellen in Pflegeheimen geschaffen, aber nur 2600 sind davon bisher besetzt. Eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte ist unabdingbar. Aber das allein wird den Mangel nicht beheben können, kommentiert Tim Szent-Ivanyi.

Berlin. Als die große Koalition Anfang 2019 ein “Pflege-Sofortprogramm” für die Einstellung von zusätzlich 13.000 Altenpflegern auflegte, musste selbst Gesundheitsminister Jens Spahn einräumen, dass dabei viel Symbolik im Spiel sei. Ob man nun 5000, 10.000 oder 50.000 Stellen in das Programm schreibe, bleibe am Ende fast egal – schließlich sei der Arbeitsmarkt praktisch leer gefegt.

Nun, eineinhalb Jahre später, zeigt sich, wie richtig die damalige Einschätzung war. Bisher ist es lediglich gelungen, über dieses Programm 2600 neue Pflegekräfte einzustellen. Und das, obwohl die Stellen vollständig von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden und damit die Budgets der Heime nicht belastet werden. Das macht deutlich, wie groß der Arbeitskräftemangel tatsächlich ist.

Schlechte Bezahlung

Ein Blick in die Statistik der Arbeitsagentur bestätigt das: 100 gemeldeten Stellen für Fachkräfte in der Altenpflege stehen lediglich 19 Arbeitslose gegenüber. Das überrascht nicht. Dank der Corona-Pandemie, durch die der (Alten-)Pflegeberuf endlich einmal in die Schlagzeilen gerückt ist, weiß inzwischen auch die breite Öffentlichkeit, wie schlecht in dieser Branche bezahlt wird.

Zur Erinnerung: Das mittlere Einkommen für eine Altenpflegefachkraft mit dreijähriger Ausbildung beträgt brutto knapp 2900 Euro und liegt damit etwa 500 Euro unter dem einer Krankenpflegefachkraft. Bei den Pflegehelfern beträgt der Abstand sogar 600 Euro. Das ist durch nichts zu rechtfertigen.

Inakzeptable Arbeitsbedingungen

Es ist aber nicht nur der niedrige Lohn, es sind auch die schlechten Arbeitsbedingungen, die den Beruf unattraktiv machen. Der renommierte Pflegewissenschaftler Heinz Rothgang von der Universität Bremen hat in einem Gutachten für die Pflegeversicherung ermittelt, dass die Zahl der Pflegekräfte in den Heimen um rund 100.000 auf 440.000 Beschäftigte erhöht werden müsste, um die Arbeitsbelastung auf ein akzeptables Niveau zu senken.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Um mehr Pflegekräfte gewinnen zu können, braucht man erst einmal: mehr Pflegekräfte. Wie löst man das Dilemma? Voraussetzung sind zunächst höhere Löhne. Die große Koalition war hier nicht untätig und hat durch Gesetzesänderungen bereits die Grundlagen dafür gelegt, dass ein Tarifvertrag, der derzeit von einer Koalition der willigen Arbeitgeber und der Gewerkschaft Verdi verhandelt wird, auf die gesamte Branche ausgedehnt werden kann. Eine faire Bezahlung rückt damit in greifbare Nähe.

Werbung im Ausland

Das allein wird das Problem der fehlenden Pflegekräfte aber nicht in absehbarer Zeit lösen. Minister Spahn hatte insbesondere darauf gesetzt, Pfleger aus dem Ausland nach Deutschland zu holen. Der Erfolg ist allerdings bescheiden: Bisher konnten nur ein paar Hundert Interessenten aus Vietnam, Mexiko oder den Philippinen eingestellt werden.

Abgesehen von Sprachproblemen und kulturellen Unterschieden bei der Pflege alter Menschen ist die Abwerbung von ausländischen Pflegekräften ohnehin höchst unmoralisch. Die Corona-Krise hat einmal mehr deutlich gezeigt, dass gerade auch die Schwellenländer akute Personalprobleme haben. Wenn diese Staaten die richtigen Lehren aus der Pandemie ziehen, dürfte eine Abwerbung in Zukunft noch schwerer werden.

Deutschland muss die Probleme allein lösen und Wege gehen, die bisher in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle gespielt haben. So hat das Gutachten über die Personalausstattung in Pflegeheimen ergeben, dass sich die Engpässe weitgehend durch die Einstellung von geringer qualifizierten Assistenzkräften beheben lassen.

Sie entlasten voll ausgebildete Fachkräfte von Routinetätigkeiten, die sich dann mehr um Planung, Anleitung und Beaufsichtigung kümmern können. Pflegehelfer gibt es auf dem Arbeitsmarkt ausreichend: 100 gemeldeten Stellen stehen gegenwärtig 332 Arbeitslose gegenüber.

Notwendig ist, die Arbeit in den Pflegeheimen neu zu ordnen und die bisher vorgeschriebene starre Fachkraftquote von 50 Prozent aufzuweichen. Das ist in der Pflegebranche durchaus umstritten. Aber: Eine gute Pflege hat sehr viel mit sozialer Kompetenz und Berufserfahrung zu tun, weniger mit der Länge der Ausbildung. Das muss ein wichtiger Schlüssel werden, um den Pflegenotstand zu beheben.

Von Tim Szent-Ivanyi/RND