Sonntag , 25. Oktober 2020
Reem Sahwil ist fünf Jahre nach ihrer Begegnung mit Kanzlerin Merkel mit sich im Reinen, sagt sie. Quelle: Susanne Krauss/Heyne Verlag/dpa

Geflüchtete Reem Sahwil würde heute eher kein Treffen mehr mit Merkel wollen

Das einstige Flüchtlingsmädchen Reem Sahwil hat im Juli 2015 Geschichte geschrieben. Bei einem Bürgerdialog weinte die damals 14-jährige Palästinenserin, Bundeskanzlerin Merkel versuchte, sie zu trösten. Heute würde Sahwil ein solches Treffen nicht noch einmal erleben wollen.

Rostock. Fünf Jahre nach ihrem denkwürdigen Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würde das einstige Flüchtlingsmädchen Reem Sahwil heute eine solche Begegnung eher vermeiden wollen. “Weil ich jetzt weiß, was danach kommt, und ich möchte diese Kritik nicht von vorne erleben”, sagte die 19-jährige gebürtige Libanesin mit palästinensischen Wurzeln dem Nachrichtenportal “The Pioneer” (Mittwoch). Fünf Jahre später sei sie aber mit sich im Reinen. “Das ist jetzt ein Teil meiner Biografie.”

Während eines Dialogs von Rostocker Schülern mit Merkel war Reem beim Schildern des eigenen und Familien-Schicksals in Tränen ausgebrochen. Das schon damals perfekt Deutsch sprechende Mädchen lebte mit ihrer Familie ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in der Hansestadt und war von Abschiebung bedroht.

Merkel hatte sie dann gestreichelt und getröstet, aber auch auf die Rechtslage verwiesen. Ein Video der Szene hatte weltweit Beachtung gefunden und war im Internet unter #merkelstreichelt mit zahllosen Kommentaren versehen worden. Der Bundeskanzlerin war unter anderem vorgeworfen worden, hartherzig zu sein.

“Ich hatte plötzlich überhaupt keine Privatsphäre mehr.”

Für sie sei die Zeit danach anstrengender gewesen als das, was in der Sporthalle der Schule passiert sei, sagte Sahwil, die im kommenden Schuljahr ihr Abitur machen wird. Denn sie habe im Mittelpunkt des medialen Interesses gestanden. „Ich hatte plötzlich überhaupt keine Privatsphäre mehr.“

Als sie Tage später die Kommentare unter dem Video gelesen habe, habe sie sich schlecht und schuldig gefühlt. Das Interesse der Medien habe auch nicht nachgelassen, denn wenig später habe die Flüchtlingskrise Europa erreicht.

„Ich war praktisch die Person für dieses Thema, was mich sehr überfordert hat, weil ich damit nichts zu tun haben wollte“, sagte sie „The Pioneer“. Sie sei zu einer Hauptakteurin der Asylpolitik Deutschlands stilisiert worden.

RND/dpa