Donnerstag , 29. Oktober 2020
Horst Seehofer und Markus Söder, während sie den bayerischen Grenzübergang Freilassing zwischen Deutschland und Österreich besuchen. Quelle: Peter Kneffel/dpa

CSU-Konkurrenten: Söders Aufstieg könnte Seehofer den Ausstieg vermiesen

Mittlerweile sieht es immer öfter danach aus, als könne der bayerische Ministerpräsident Markus Söder Kanzlerkandidat der Union werden. Einem dürfte das eher nicht gefallen: Bundesinnenminister Horst Seehofer. Der zeigt sich gerade dennoch versöhnlich.

Berlin. In der vorigen Woche hatte Horst Seehofer (CSU) mal wieder einen großen Termin. Der Bundesminister für Inneres, Bau und Heimat stellte gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, den Verfassungsschutzbericht für 2019 vor. Und weil urlaubsbedingt politisch wenig los war an jenem Tag, war der Saal der Bundespressekonferenz rappelvoll.

Seehofer beantwortete eine Frage nach der anderen – geduldig, so wie er das immer macht. Und als der 71-Jährige beim Rausgehen gefragt wurde, ob er es denn für eine gute Idee halte, dass es mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder nach Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber demnächst den dritten CSU-Kanzlerkandidaten geben könnte, da antwortete er ungerührt: “Natürlich. Aber es ist ja noch nicht so weit.” Schon das ist eine kleine Sensation.

Als Seehofer noch Ministerpräsident war, da haben sich die beiden jahrelang bis aufs Blut bekämpft. Söder sägte an Seehofers Stuhl. Seehofer warf Söder “Schmutzeleien” vor. So hat der Altbayer den Franken im Verdacht, die “Bild”-Zeitung im Jahr 2007 über sein nichteheliches Kind informiert zu haben. Söder gelang es schließlich, Seehofer vom Thron zu stoßen. Der floh 2018 dorthin, wo er 2008 hergekommen war – nach Berlin.

Die Kurve gekriegt

Doch während sich abzeichnet, was im Regierungsviertel lange Zeit für unmöglich gehalten wurde – dass der 53-jährige Söder Kanzlerkandidat und am Ende womöglich sogar Kanzler werden könnte –, reitet Seehofer der Abendsonne entgegen. In der Unionsfraktion glauben sie, dass Söders Aufstieg seinem Konkurrenten Seehofer den Ausstieg “ziemlich vermiesen” würde. Derweil gehen die Ansichten über Seehofers Amtsführung auseinander.

Nach der Übernahme des Innenministeriums 2018 lieferte der Routinier ab, was der Grüne Konstantin von Notz kürzlich ein “Seehofer-Melodram” nannte. Er verhedderte sich in einen heillosen Streit mit Kanzlerin Angela Merkel über die Zurückweisung von Flüchtlingen an Deutschlands Grenzen und schreckte dabei auch vor Geschmacklosigkeiten wie jener nicht zurück, dass ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag 69 Asylsuchende abgeschoben worden seien.

Später kriegte Seehofer die Kurve und schlug nicht zuletzt in der Flüchtlingspolitik einen konstruktiven Kurs ein. Neulich sagte er sogar, es gehe hier um “Menschenwürde”. Zuletzt irrlichterte der Minister dann wieder, cancelte kurzfristig Termine, wollte eine Kolumnistin der “tageszeitung” anzeigen und musste sich von Merkel eines Besseren belehren lassen. Bereits vor Jahren war der stets eher leise und bisweilen liebenswürdige Zwei-Meter-Mann in Reichstagsnähe als Einzelgänger bekannt, der sich tagelang mit Tütensuppen in seiner Abgeordneten-Wohnung verschanzte.

Der CDU-Innenexperte Armin Schuster sagt nun: “Man spürt Seehofers 40-jährige Erfahrung immer.” Und es gelinge in Berlin niemandem, ihn aus der Ruhe zu bringen. Im Gegenteil, Seehofer beruhige die anderen. Auch heißt es, das nahende Ende der politischen Laufbahn fördere seine Bereitschaft, in Verhandlungen mit der SPD “eine Kröte mehr zu schlucken”, um zu Ergebnissen zu kommen.

Ein langjähriger politischer Weggefährte aus der CSU, der namentlich nicht genannt werden möchte, bestätigt hingegen, was im Regierungsviertel häufiger gemunkelt wird – dass Seehofer gar “nicht viel im Haus” sei, sondern die Arbeit seinen beamteten Staatssekretären überlasse. “Er schleppt sich durch.”

Sehr lange im Geschäft

Seehofer selbst hat erst kürzlich am Rande einer Sitzung des Untersuchungsausschusses zur Pkw-Maut erläutert, dass er für die 500 Kilometer lange Strecke von seinem Heimatort Ingolstadt nach Berlin durchweg das Auto nehme, der Chauffeur aber “nie schneller als 200” fahre.

Weil Zeit zum Plaudern war, erzählte der CSU-Politiker bei der Gelegenheit auch, wie er zwei Wochen vor dessen Tod mit dem ehemaligen Arbeitsminister Norbert Blüm telefoniert habe, der “im Kopf ganz klar” gewesen sei. Seehofer hat als Staatssekretär unter Blüm angefangen. Er ist lange im Geschäft – sehr lange.

Zu Jahresbeginn hatte Söder seinen Intimfeind noch geärgert. Er hatte gesagt, man müsse das Berliner “Regierungsteam verjüngen und erneuern” – und zwar “bis Mitte des Jahres”. Auf wen sollte das abzielen, wenn nicht auf den Senior des Kabinetts? Später ist er davon wieder abgerückt.

Horst Seehofer, der die Modelleisenbahn im Keller und das nahe gelegene Altmühltal schätzt, hat unterdessen erklärt, dass er nach der Bundestagswahl mit dann 72 Jahren aufhören und ein “totales Kontrastprogramm zu dem” beginnen wolle, “was ich seit 50 Jahren mache”. Man werde ihn “mit der aktuellen Politik nicht locken können, auch wenn sie mich vielleicht noch so ärgert”.

Ob damit Markus Söder gemeint war, ließ er offen.

RND

 

 

Von Markus Decker/RND