Sonntag , 25. Oktober 2020
Menschen stehen in türkische Nationalflaggen gehüllt vor der Hagia Sophia. Quelle: Yasin Akgul/dpa

Hagia Sophia als Moschee – Erdogans Traum wird wahr

Die berühmte Hagia Sophia in Istanbul kann wieder als Moschee genutzt werden. Mit dieser Gerichtsentscheidung erfüllt sich ein lang gehegter Wunsch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Für ihn zählt die politische Symbolik, kommentiert Frank Nordhausen.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass er allein die Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichts, die Hagia Sophia in Istanbul wieder vom Museum in eine Moschee zu verwandeln, zu verantworten hat. Das berühmteste Gebäude der Türkei ist mit Symbolik bis dicht unter die grandiose Kuppel aufgeladen.

Die Unesco hat das 1500 Jahre alte Bauwerk, das als Kirche errichtet und von den Osmanen zur Moschee gemacht wurde, in seiner Funktion als Museum zum Teil des Istanbuler Weltkulturerbes erhoben. Aber wie Dresden einst den Bau der Waldschlösschenbrücke gegen Unesco-Protest beschloss, so kann die Türkei natürlich auch die Hagia Sophia wieder zum Gotteshaus umwidmen.

Vermutlich will Erdogan damit von der alarmierenden Wirtschaftskrise in der Türkei ablenken und den Kulturkampf gegen die säkularen Kemalisten auffrischen, um seine zweifelnden Anhänger neu zu motivieren.

Doch die “Heilige Weisheit” ist das falsche Objekt dafür.

Sie ist nie wirklich zum Monument des Säkularstaates geworden. Mit ihren Koransprüchen und christlichen Fresken ist sie vielmehr ein Symbol der Brüderlichkeit zwischen den Weltreligionen – und die meistbesuchte Touristenattraktion der Türkei, die dem Staat jährlich 30 Millionen Euro einspielte. Die Rückumwandlung in eine Moschee tut dem darbenden Fremdenverkehr keinen Gefallen.

Dass kein Mensch eine weitere Moschee in Istanbul braucht, dass die orthodoxen Christen, der Kreml und das US-Außenministerium gegen das Vorhaben protestierten – auch dies war Erdogan am Ende aber egal. Für ihn zählt die politische Symbolik.

Die Hagia Sophia ist das drittwichtigste Gebäude des Islam nach der Kaaba in Mekka und dem Felsendom in Jerusalem. Ihre Umwidmung zur Moschee wird die islamische Welt berühren.

Erdogan mag sich damit als ihr wichtigster Führer etablieren wollen. Er will zeigen, dass er Amerika und Russland nicht gehorcht und Chef einer selbstbewussten Regionalmacht ist. Die populistische Geste wird reichen, um die unter der Krise ächzende nationalistisch-islamische Gefolgschaft für den Moment ruhigzustellen.

Doch zugleich polarisiert Erdogan die gespaltene türkische Gesellschaft weiter und erschreckt die säkularen Türken erneut mit der Horrorvision eines islamischen Staates. Ob Symbolpolitik die ökonomischen Probleme löst und die fallenden Umfragewerte seiner Regierungspartei AKP hochtreibt, ist aber höchst zweifelhaft.

Der säkular geprägten jungen Generation ist die Hagia Sophia ohnehin egal – sie fordert Perspektiven für ihre Zukunft.

Erdogan muss auch mit Gegenwind rechnen, wenn er in Washington, Moskau oder Brüssel wieder um Gefälligkeiten bettelt. Die Frage ist jetzt, wie radikal er die Umwandlung gestaltet. Lässt er die Ikonen wieder hinter Firnis verschwinden, oder öffnet er das Gotteshaus auch für Christen?

Eines ist sicher: Ein zweites Mal kann er die Hagia Sophia nicht zur Moschee machen. Dieser Trumpf ist ausgespielt.

Von Frank Nordhausen/RND