Dienstag , 20. Oktober 2020
Die Hagia Sophia im Sonnenaufgang. Die ehemalige byzantinische Kathedrale hat eine bewegte Geschichte. Quelle: imago images/imagebroker

Kirche, Moschee, Museum und nun wieder Moschee – das ist die Hagia Sophia

Sie war Kathedrale, Moschee und zuletzt lange ein Museum. Jetzt sollen in der Hagia Sophia wieder Muslime beten. Für Präsident Erdogan und religiöse Hardliner ein weiterer Sieg über das säkulare Erbe der Türkei.

Istanbul. Nach 85 Jahren als Museum wird die Hagia Sophia in Istanbul wieder eine Moschee. Präsident Recep Tayyip Erdogan ordnete am Freitag an, das Gebäude aus dem sechsten Jahrhundert in ein muslimisches Gotteshaus umzuwandeln. Kurz zuvor hatte das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei den Weg dafür frei gemacht. Es annullierte eine Entscheidung des türkischen Ministerrats aus dem Jahr 1934, mit der das Gebäude damals zu einem Museum geworden war.

Nationalistische und religiöse Gruppen unter Federführung der Regierungspartei AKP betrachten das Wahrzeichen Istanbuls schon lange als Vermächtnis des islamisch-osmanischen Reiches und forderten die Umwandlung. Säkulare sehen in der Hagia Sophia, die auch zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, wiederum ein Symbol muslimischer und christlicher Solidarität, das es als Museum zu erhalten gelte.

Größte Kathedrale des Byzantinischen Reiches

Die Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) wurde im sechsten Jahrhundert nach Christus erbaut und war Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, in der die Kaiser gekrönt wurden. Sie galt als größte und bedeutendste Kathedrale des Reiches.

Nach der Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wandelte Sultan Mehmet II. (“Der Eroberer”) die Hagia Sophia in eine Moschee um. Als äußeres Zeichen ließ er dem Gotteshaus vier Minarette hinzufügen.

Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk ordnete der Ministerrat im Jahr 1934 die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum an. 1935, ein Jahr nach der Entscheidung des Ministerrats, wurde diese offiziell.

Rechtsstreit um Legalität der Atatürk-Entscheidung

Hinter dem Verein, der gegen diesen Beschluss geklagt hatte, steht nach Angaben von Anadolu ein pensionierter Lehrer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu erwirken. Der Verein hatte argumentiert, dass der Beschluss des türkischen Ministerrats von 1934, mit dem die Umwandlung der damaligen Moschee in ein Museum angeordnet wurde, ungültig sei.

Die Unterschrift des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk unter dem Dokument sei gefälscht. Der Anwalt des Vereins, Selami Karaman, bestätigte die Entscheidung auf Anfrage der dpa zunächst nicht.

Hagia Sophia könnte weiterhin für Touristen geöffnet bleiben

Auch als Moschee könnten Touristen die Hagia Sophia besichtigen, ähnlich wie die nahe gelegene Blaue Moschee in der Istanbuler Altstadt. Im vergangenen Jahr zog die Hagia Sophia nach offiziellen Angaben 3,7 Millionen Besucher an. Sie war damit das meistbesuchte Museum in der Türkei.

Berühmt ist sie vor allem wegen der rund 56 Meter hohen Kuppel, die nahezu schwerelos über dem Hauptraum zu schweben scheint. Im Inneren sind die Wände mit byzantinischen Mosaiken und Marmor verziert. Um dem Bilderverbot im Islam gerecht zu werden, müssten die Mosaiken während des islamischen Gebets abgedeckt werden.

RND/AP/dpa/feh