Donnerstag , 1. Oktober 2020
Netzwerkkabel verbinden Server. Quelle: Oliver Berg/dpa

Hackerangriff: Server mit US-Polizeiakten in Sachsen beschlagnahmt

Es ist ein kurioser Fall für deutsche Ermittler. In der sächsischen Provinz stellen deutsche Behörden auf Wunsch der US-Regierung einen Server mit einem riesigen Speicher voller Dokumente amerikanischer Sicherheitsbehörden sicher. Aktivisten haben viele der Akten im Netz veröffentlicht.

Boston. In Deutschland ist ein Computerserver mit zahlreichen Akten von Hunderten amerikanischen Sicherheitsbehörden aufgetaucht. Das Material gebe Einblick in umstrittene Polizeipraktiken, teilte das Aktivistenkollektiv Distributed Denial of Secrets (DDoSecrets) mit.

Es handele sich um E-Mail-, Audio-, und Videodateien und vertrauliche Berichte von Polizeidienststellen auf staatlicher und kommunaler Ebene und dem FBI, die bis zum Jahr 1996 zurückreichten.

Wie das Büro der Staatsanwaltschaft in Zwickau mitteilte, wurde der Server auf Betreiben der US-Regierung am 3. Juli in Falkenstein im Vogtland beschlagnahmt. Die Entscheidung über dessen Übergabe an die USA liege bei den deutschen Justizbehörden.

Weder das FBI noch die US-Botschaft in Berlin wollten sich zunächst zum Fall äußern – ebensowenig wie ein Vertreter der Firma Hetzner Online, in deren Datenzentrum sich der Server befunden haben soll.

Durch Hackerangriff erbeutet

Die Dokumente sollen durch einen Hackerangriff auf die im texanischen Houston ansässige Web-Design-Firma Netsential erbeutet worden sein, die Portale von Sicherheitsbehörden und sogenannte Fusion Centers beherbergt.

Bei letzteren handelt es sich um US-staatliche Netzwerke, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2011 geschaffen wurden, um Geheimdienstinformationen über mögliche Bedrohungen unter diversen Polizeistellen sowie Partnern im Privatsektor auszutauschen.

Die Dateien von mehr als 200 US-Sicherheitsbehörden seien DDoSecrets von einer außenstehenden Person zugespielt worden, die mit der landesweiten Protestbewegung gegen Polizeigewalt gegen unbewaffnete Schwarze sympathisiere, sagte Emma Best von DDoSecrets, das im Duktus an die Enthüllungsplattform Wikileaks erinnert.

Verweise auf Fälle von Sexualverbrechen und Kindern seien aus den Dokumenten entfernt worden. Doch seien Namen, Telefonnummern und E-Mails von Polizisten nicht geschwärzt worden. Über den Server habe DDoSecrets die auf den Namen “Blue Leaks” getauften Dokumente gepostet. Viele sind “nur für den Dienstgebrauch” gedacht.

Best vermutet, dass die Beschlagnahme in Falkenstein mit der Verbreitung der Dokumente zu tun habe. Sie zeigten „viele Dinge, die ganz legal und normal und schrecklich“ seien, etwa Polizeiüberwachung und Informationen aus fragwürdigen Quellen. Als geheim eingestuft seien aber keine der Dokumente, sagte Best.

DDoSecrets versteht sich als eine journalistische Gruppe, die im öffentlichen Interesse Dokumente teilt.

Gestohlenes Material veröffentlichen

Hackerangriffe auf Computer und Diebstahl von Daten gelten zwar in den USA als nach Bundesrecht geahndete Verbrechen. Aber amerikanische Gerichte haben regelmäßig entschieden, dass Journalisten gestohlenes Material veröffentlichen können, solange sie nicht in deren Entwendung verwickelt waren.

Brendan McQuade, Professor für Kriminologie an der University of Southern Maine, hat die Dokumente aus dem Computerserver nach eigenen Angaben heruntergeladen und geprüft. Sie trügen dazu bei, den „überentwickelten Polizeigeheimdienst-Apparat der Vereinigten Staaten“ bloßzulegen.

Zudem gewährten die Dokumente Einblick in die Beziehungen zwischen Sicherheitsbehörden auf allen Ebenen. Er glaube, dass das FBI dies der Öffentlichkeit vorenthalten wolle, um die Proteste gegen Polizeibrutalität und Rassismus nicht noch mehr zu befeuern, sagte McQuade.

RND/cle/AP