Donnerstag , 22. Oktober 2020
Premier Jean Castex Quelle: imago images/Le Pictorium

Frankreichs neuer Premier Castex: Hauptsache, kein Charismatiker

Frankreichs neuer Premierminister Jean Castex gilt als effizientes “Schweizer Messer”. Präsident Emmanuel Macron will ihn zu seinem Vorteil nutzen. Er hat jetzt noch 22 Monate Zeit.

Paris. Jean wer? Nach der Ernennung des Mannes, der künftig ihre Regierung führen soll, erblickten die meisten Franzosen diesen zum ersten Mal in den Abendnachrichten am Freitag.

Bis dahin hatten die wenigsten von Jean Castex gehört, dessen politische Karriere bislang steil, aber hinter den Kulissen verlief. Umso lautstarker bemühte sich der 55-Jährige bei seinem ersten TV-Interview in der neuen Rolle, den Vorwurf zu zerstreuen, er sei mehr Technokrat als Politiker und letztlich eine Marionette von Präsident Emmanuel Macron.

Ihm seien Ausmaß und Gewicht seiner Aufgabe bewusst, versicherte Castex mit seinem markanten südwestfranzösischen Akzent, der ihm etwas Nahbares verleiht. Er mache sich jetzt einfach an die Arbeit. “Ich bin nicht hier, um das Licht zu suchen, sondern um Resultate zu suchen.”

Von seinem Vorgänger Édouard Philippe hatte es geheißen, er habe für Macrons Geschmack zu stark eigene Akzente setzen wollen und mit seiner besonnenen Art gerade während der Coronavirus-Krise so viel Popularität erlangt, dass er den Präsidenten überflügelte. Das soll mit Castex nicht passieren.

Stärker rechts der Mitte

Tatsächlich lässt die Besetzung des neuen Kabinetts, die am Montagabend bekannt wurde, Macrons Handschrift erkennen. Für die noch verbleibenden 22 Monate seiner Amtszeit schart der 42-jährige Staatschef viele Vertraute um sich.

Bei der Ernennung des umstrittenen Staranwaltes Éric Dupont-Moretti zum Justizminister und der früheren Ministerin unter den konservativen Präsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy, Roselyne Bachelot, die zuletzt für Talkshows arbeitete, zur Kulturministerin handelt es sich um zwei Überraschungscoups von Macron persönlich.

Allgemein rückt die Regierung noch stärker in die rechte Mitte, die auch Castex’ politische Heimat ist. Als Zeichen seiner Loyalität zu Macron trat er aber sofort aus der Partei der Republikaner aus.

Zuvor war der Absolvent der Elitehochschule Ena unter anderem Kabinettsleiter des konservativen Arbeits- und Gesundheitsministers Xavier Bertrand und stellvertretender Generalsekretär des Élysée unter Präsident Sarkozy. Unter Macron kümmerte sich Castex zunächst um die Vorbereitung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 in Paris und koordinierte seit März Frankreichs Weg aus dem Corona-Lockdown.

So erwarb er sich seinen Ruf als vielseitig einsetzbares “Schweizer Messer”.

Mehr ländliche Anbindung

Grünen-Chef Julien Bayou bemängelte allerdings, dass Castex sich bislang nie zur Umweltpolitik geäußert habe. Menschlich genießt der Südfranzose mit der direkten Art Ansehen über alle Parteigrenzen hinweg und auch bei den Gewerkschaften. Das dürfte ihm bei den Verhandlungen um die anstehende Gesundheitsreform und um die umstrittene Rentenreform, die bald umgesetzt werden soll, nutzen.

Als Trumpf gilt zudem, dass Castex, der Vater von vier Töchtern und privat ein Rugbyfan ist, nicht nur die zentralstaatliche Verwaltung bestens kennt, sondern auch das rurale Frankreich vertritt: Als früherer Regionalrat und langjähriger Bürgermeister des Pyrenänendorfes Prades an der spanischen Grenze rühmt er sich selbst, fast jeden einzelnen der fast 6000 Einwohner besucht zu haben.

Dass Macron die ländliche Anbindung fehlt, zeigten gerade die Kommunalwahlen, die für die Regierungspartei LREM ein Debakel waren. Castex soll es nun in vielfacher Hinsicht richten.

Von Birgit Holzer/RND