Samstag , 24. Oktober 2020
Kappe statt Maske: Bei Trumps Kundgebung in Tulsa waren rote Kopfbedeckungen gefragt – Mund- und Nasenschutz eher weniger. Quelle: imago images/UPI Photo

Kulturkampf in USA: Trump-Kappe statt Maske

Die Corona-Pandemie breitet sich in den USA immer weiter aus. Erleichtert wird die Ansteckung, weil viele Amerikaner keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Präsident Trump hat das Tuch zum politischen Kampfsymbol gemacht.

Washington. Auf der Straße in Washington tragen sie viele Passanten freiwillig. Wer sie beim Einkauf im Supermarkt abnimmt, wird garantiert bald von anderen Kunden zurechtgewiesen.

Doch schon hundert Kilometer außerhalb, im ländlichen Virginia, sieht die Sache anders aus. Da haben die Masken mancherorts Seltenheit, werden im Laden nur pro forma übers Kinn gezogen oder mit Hinweisen wie diesem abgelehnt: „Das ist ein freies Land. Wir leben hier nicht in Kuba.“

Seit Donald Trump das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ablehnt, ist auch die simpelste aller Vorsorgemaßnahmen in den USA zum Kulturkampf geworden.

Bei den Kundgebungen des Präsidenten ist entgegen einer offiziellen Richtlinie der staatlichen Gesundheitsbehörde CDC das Tragen von Masken freigestellt, und selbstverständlich bedecken die echten Trump-Fans ihr Gesicht nicht. Ihnen reicht die rote MAGA-Kappe auf dem Kopf.

“Christen tragen ein Kreuz, Muslims den Hijab, und Mitglieder der Kirche der säkularen Wissenschaften eine Maske”, hat der republikanische Stratege Alex Castellanos kürzlich in der “Washington Post” die Denkweise der Rechten beschrieben. Damit verbunden sei der Vorwurf, die elitären Maskenträger wollten bloß beweisen, dass sie “moralisch überlegen” sind.

Umfragen belegen die parteipolitische Spaltung. So hat zwar nach einer aktuellen Erhebung der Agentur Morning Consult jeder zweite Amerikaner grundsätzlich eine positive Meinung über Mitmenschen, die eine Maske tragen. Immerhin 41 Prozent sehen Maskenverweigerer negativ. Doch 20 Prozent der republikanischen Wähler geben an, dass sie den Mundschutz grundsätzlich ablehnen.

Bei einer Umfrage von Axios/Ipsios vor ein paar Tagen gaben 53 Prozent an, dass sie grundsätzlich eine Maske anziehen. Unter den Demokraten liegt der Wert bei 71 Prozent, unter Republikanern nur bei 35 Prozent.

Das sind schlechte Voraussetzungen für die Eindämmung der Corona-Pandemie, die gerade in republikanisch regierten Bundesstaaten der USA immer schlimmer wütet. Die Lage sei “wirklich nicht gut”, sagt Chefimmunologe Anthony Fauci und räumt ein, das Land habe die Ausbreitung von Covid-19 nie wirklich unter Kontrolle gebracht.

Entsprechend erschreckend liest sich die Statistik: Fast drei Millionen Amerikaner haben sich inzwischen mit dem Virus infiziert. Mehr als 130.000 sind daran gestorben. Entgegen Trumps Behauptung, die USA hätten die niedrigste Sterblichkeitsrate der Welt, liegt der Wert tatsächlich bei 402 Toten pro eine Million Einwohner – rund viermal so hoch wie in Deutschland.

Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die tägliche Neuinfektionszahl, die im Mai und Juni um die 20.000 schwankte, ist Ende Juni über 40.000 geschossen und pendelt inzwischen um 50.000 Fälle.

Während Trump wahrheitswidrig behauptet, 99 Prozent aller Fälle seien “völlig harmlos”, sind im republikanisch regierten Arizona, wo es die höchste Zahl von Krankenhauseinweisungen gibt, nach Medienberichten inzwischen 89 Prozent der Intensivbetten belegt. In Florida sollen in einigen Landkreisen die Hospitalkapazitäten schon erschöpft sein.

Angesichts der dramatischen Entwicklung rücken zunehmend auch Parteifreunde von Trumps Anti-Masken-Position ab. So zeigte sich Vizepräsident Mike Pence zuletzt öfter mit einem Mundschutz. Marco Rubio, der republikanische Senator von Florida, forderte: “Jeder sollte eine verdammte Maske tragen!”

Und Steve Doocy, der Moderator von Trumps Lieblingssendung “Fox & Friends”, forderte den prominenten Zuschauer ausdrücklich auf, “als gutes Beispiel” eine Maske anzulegen.

Ob das späte Zeichen seine Anhänger umstimmen würde, ist allerdings fraglich. Selbst im demokratisch regierten New York, das anfangs am schlimmsten von der Pandemie betroffen war, lässt nach Beobachtung von Gouverneur Chris Cuomo inzwischen die Disziplin nach.

Es gebe eine gewisse “Covid-Ermüdung”, kritisierte Cuomo und ermahnte: “Das Virus wird nicht müde oder faul und wir dürfen es auch nicht werden.”

Für einen Werbespot hat Cuomo der Freiheitsstatue digital einen riesigen Mundschutz umbinden lassen. “Gefährdet nicht unsere hart erkämpften Erfolge”, lautet seine eindringliche Botschaft.

Von Karl Doemens/RND