Donnerstag , 24. September 2020
Pflege, Kliniken, Gesundheitssystem: Wenn wir Solidarität wollen, muss eine echte Reform her. Quelle: imago images/localpic/Westend61/dpa/RND Montage Behrens

Pflegebonus kann nur ein Anfang sein – mehr Applaus und mehr Geld!

Als ganz Deutschland noch Angst vor Corona hatte, war viel von Solidarität die Rede und dass es in Zukunft nicht immer zuerst um Materielles gehen solle. Ist diese Zukunft schon vorbei? Schon streiten sich Bund, Länder, Kassen und Kliniken darum, wer den Krankenschwestern und -pflegern ihren einmaligen Pflegebonus zahlen soll. Das Gezerre muss aufhören – und ein echter Umbau des Pflegesystems her, kommentiert Steven Geyer.

Berlin. Es war die schlechteste Zeit, es war die beste Zeit: Gut drei Monate ist es nun her, dass uns zwar große Sorgen über die explodierenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland plagten, dass Krankenhäuser die Zahl ihrer Beatmungsbetten erhöhen und das Klinikpersonal teils bis zur Erschöpfung, teils ohne Schutzmasken und oft im Nahkampf mit dem Virus arbeiten mussten.

Doch zugleich träumten wir den Traum, dass die gemeinsame Sorge unsere Gesellschaft verändern würde, dass die Prioritäten neu geordnet würden, weg vom Materiellen, hin zu mehr Solidarität – und für ein erstes Indiz hielt mancher den Applaus, der den Pflegekräften plötzlich von den Großstadtbalkonen und aus den Parlamenten gespendet wurde.

Neue deutsche Helden

Altenpfleger und Krankenschwestern, die für ein schmales Gehalt ihre Gesundheit riskierten, waren die neuen deutschen Helden – und damit es nicht beim Klatschen bleibe, legte die Regierungskoalition am Ende sogar einen Corona-Bonus von bis zu 1500 Euro obendrauf. Es waren rührende Gesten.

Für viele Pflegekräfte blieb es auch dabei: bei den Gesten.

Obwohl jeder sechste Infektionsfall hierzulande stationär behandelt wurde und sich schon 14.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen selbst infiziert haben, sind viele Pflegekräfte längst nicht mehr gerührt, sondern eher geschüttelt – sei es vor Wut auf gebrochene Versprechen, sei es aus Ekel ob der Heuchelei, als die sich die gesellschaftliche Anerkennung nun entpuppt.

Denn schnell wendete sich die öffentliche Anteilnahme wieder von den Pflegenden ab – was wiederum die Koalition nutzte, um den versprochenen Corona-Bonus ein paar Nummern zu verkleinern: Das Gesetz sieht ihn ausschließlich für die Altenpflege vor.

Wer noch nicht aus dem viral bedingten Traum von einer besseren Gesellschaft aufgewacht ist, dem dürfte die Debatte über den Pflegebonus nun behilflich sein: Denn so gut die Deutschen es geschafft haben, die Infektionskurve abzuflachen, so sehr verfallen sie nun in ihre alten Muster:

Erstens: Beim Geld hört die Freundschaft auf. Zweitens: Dafür bin ich nicht zuständig. Drittens: Das haben wir schon immer so gemacht, das lässt sich nicht ändern.Der Geiz ist größer als das schlechte Gewissen

So begründet die Bundesregierung die Beschränkung des Bonus damit, dass die Löhne in der Altenpflege noch schlechter sind als in den Kliniken. Ein zweifelhafte Ehre für die tapferen Altenpfleger: Aufs schmale Gehalt kommt so der Aufschlag, als Feigenblatt der Bundespolitiker dienen zu müssen, deren schlechtes Gewissen gegenüber den Niedriglöhnern immer noch kleiner ist als ihr Geiz, wenn es um die unteren Gehaltsklassen geht.

Richtig ist aber, dass der Bund für das Klinikpersonal nicht allein zuständig ist: Vielerorts haben sich auch Ländervertreter und Krankenkassen sowie die Betreiber von Krankenhäusern und Klinikketten schäbig verhalten. Statt großzügig zusammenzulegen, wurde die Zuständigkeit hin- und hergeschoben wie ein infektiöser Mundschutz.

Es gibt vorbildliche Ausnahmen: Einige Länder stockten den Bonus auf, sodass ihn auch Klinikpflegende erhalten. Einige Krankenhausbetreiber zahlen ihre freiwilligen Corona-Prämien neben den Krankenschwestern und -pflegern auch den nicht medizinischen Angestellten.

Das zeigt den besseren Weg: Alle Beteiligten – Bund, Länder, Kassen und Tarifpartner – müssen sich zusammensetzen und über bessere Bezahlung für Pflegende sprechen. Natürlich in Altenheimen, mobilen Pflegediensten UND Krankenhäusern.

Das Ziel muss eine Lösung sein, die den hohen Solidaritätsansprüchen aus der ersten Corona-Welle gerecht wird – und die weit über einen Einmalbonus hinausgehen muss.

Die lange verschleppte Gesundheits- und Pflegereform muss angegangen, Begriffe wie Kostendruck, Profitstreben und Zwei-Klassen-Medizin müssen dabei ausgerottet werden.

Das klingt zunächst vielleicht wieder wie ein naiver Traum, ist aber die Antwort auf die Frage, die Familienministerin Franziska Giffey an diesem Dienstag stellte, als sie eine neue Umfrage präsentierte: Wenn sich ein Viertel der Jugendlichen einen Beruf in Pflege oder Sozialwesen vorstellen kann – warum ergreifen ihn nur so wenige? Warum wächst der Fachkräftemangel?

Es ist ganz einfach: Für andere Jobs gibt es vielleicht weniger Applaus, aber einfach mehr Geld.

Von Steven Geyer/RND