Montag , 21. September 2020
Die Wirtschaftsleistung in Deutschland brach im ersten Quartal um rund 2,2 Prozent ein. Quelle: imago images/Winfried Rothermel

Europa in der Rezession: Das Schlimmste könnte vorbei sein

Die Europäische Union bekommt die Folgen der Corona-Pandemie mit ganzer Kraft zu spüren. Alleine die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone könnte 2020 um 8,7 Prozent einbrechen. Doch trotz aller Warnungen glaubt die EU-Kommission, dass sich die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder stärker erholen wird.

Brüssel. Es wirkt beinahe so, als wolle sich die EU-Kommission schon vorab gegen Fehlprognosen absichern. In der Mitteilung über die Wirtschaftsentwicklung in der Union wird über weite Passagen die “außergewöhnlich hohe Unsicherheit” beschrieben. Schließlich musste die Brüsseler Behörde nun binnen weniger Monate ihre Vorhersagen deutlich nach unten korrigieren.

Corona-Einschränkungen belasten Wirtschaft stärker als gedacht

Jetzt rechnen die Experten damit, dass der Wert der Waren und Dienstleistungen in diesem Jahr in der EU um 8,3 Prozent einbricht. In der Euro-Zone mit ihren 19 Mitgliedern sollen es sogar 8,7 Prozent weniger werden – nach minus 7,7 Prozent noch im April.

“Die wirtschaftlichen Folgen der Ausgangsbeschränkungen sind schwerwiegender als ursprünglich erwartet”, sagte Valdis Dombrovskis, Vize-Präsident der Kommission, am Dienstag. Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni betonte, dass sich die Ungleichheiten in den Staaten weiter verstärkt hätten.

Tourismus als maßgebender Faktor

Da spielt vor allem sein Heimatland Italien eine wichtige Rolle. Mit minus 11,2 Prozent hat es in der aktuellen Tabelle die rote Laterne. Ähnlich schlimm wird es nach den Hochrechnungen der Experten Spanien, Kroatien und aber auch Frankreich erwischen. Damit müssen drei der wichtigsten Volkswirtschaften der EU schwere Einbußen hinnehmen.

Ein maßgeblicher Faktor dürfte dabei die große Abhängigkeit der Länder vom Tourismus sein – genauer gesagt von ausländischen Gästen, von denen viele in diesem Jahr wegbleiben dürften.

Welche Folgen hat eine zweite Corona-Welle?

Die Länder im Norden kommen deutlich besser davon. Für Polen und Schweden etwa wird ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um deutlich weniger als sechs Prozent erwartet, für Finnland und Deutschland soll das Minus knapp über dieser Marke liegen. Im ersten Quartal war es hierzulande nur um 2,2 Prozent nach unten gegangen, allerdings spielte der Lockdown in den drei Monaten nur eine geringe Rolle.

Die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Ländern sind nur schwer zu ermessen. Insbesondere für Deutschland kann das wichtig werden: In keinem anderen Land sind Unternehmen so stark von Exporten innerhalb der Union abhängig.

Zu den zahlreichen Warnungen zählen natürlich auch die Hinweise durch die Gefahren einer zweiten Infektionswelle. Dass sie nicht unbegründet sind, haben die Ausbrüche der Infektionen in hiesigen Schlachtbetrieben gezeigt und die neuerlichen Ausgangsbeschränkungen im spanischen Katalonien.

Produktion in Industrie, Energie- und Baubranche nimmt zu

Auch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und deren Folgen für das Konsumverhalten der Verbraucher sind nur schwer zu antizipieren. Es könnte noch richtig heftig werden. So rechnet die Industriestaaten Organisation OECD für ihre Mitglieder mit einer Arbeitslosenquote von bis zu 9,4 Prozent im vierten Quartal – das wäre für die 30 Staaten der höchste Wert seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Und bei einer zweiten Welle würden es noch deutlich mehr.

Doch die EU-Kommission will die Schwarzmalerei offenbar nicht übertreiben, schließlich könnte das die Verunsicherung der Konsumenten, auf die es entscheidend ankommt, noch weiter verstärken. So betont die Brüsseler Behörde denn auch: “Erste Daten für Mai und Juni deuten jedoch darauf hin, dass das Schlimmste überstanden sein könnte.”

Zu diesen Daten zählt auch, dass hierzulande im Mai die Produktion der Industrie, der Energie- und der Baubranche im Vergleich zum April um 7,8 Prozent geklettert ist. Vor allem bei Investitionsgütern (Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge) ging es laut Statistischem Bundesamt deutlich nach oben. Auch mehr Konsumgüter wurden hergestellt. Allerdings hatten Analysten insgesamt ein stärkeres Plus erwartet – viele Unternehmen kommen offenbar doch viel langsamer aus dem Tal, als erwartet wurde. Und im Vergleich zum Vorjahr wurde etwa ein Fünftel weniger hergestellt.

Steigende Nachfragen erwartet

Aber immerhin hat eine aktuelle Umfrage des Münchner Ifo-Instituts ergeben, dass viele Firmen über alle Branchen hinweg davon ausgehen, dass sie demnächst ihre Produktion weiter hochfahren können. So ist sogar von einer “Aufbruchstimmung” in der enorm wichtigen Autoindustrie die Rede – ein maßgeblicher Faktor dürfte dabei sein, dass der Absatz in China wieder wächst.

Aber auch Möbelhersteller erwarten eine steigende Nachfrage. Selbst in der arg gebeutelten Bekleidungsindustrie ist die Stimmung gestiegen. Das gilt auch für die Hersteller von Nahrungsmitteln und Arzneien – beide Branchen sind bislang aber auch einigermaßen ungeschoren durch die Krise gekommen.

Italien könnte von Zuschüssen der EU-Kommission profitieren

Auch die EU-Kommission geht – den Warnhinweisen zum Trotz – davon aus, dass sich die wirtschaftliche Erholung in der zweiten Jahreshälfte verstärken werde. Gleichwohl machen Gentiloni und Dombrovskis noch einmal massiv Werbung für den großen EU-Aufbauplan, den Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgeschlagen hat.

Ende nächster Woche wollen die Staats- und Regierungschefs darüber beraten. Ob es zu einer Einigung kommt, ist fraglich. Dabei hält Gentiloni ein schnelles Handeln für wichtig, um Verwerfungen in den schwer betroffenen Ländern zu einzudämmen. Vor allem für Italien soll es viele Hilfs-Milliarden geben.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND