Sonntag , 27. September 2020
In einem Seniorenzentrum wird eine bettlägerige Heimbewohnerin gefüttert. Quelle: picture alliance / dpa

Jugendliche finden Gehalt in Pflege und Kita zu niedrig

Jeder vierte Jugendliche kann sich vorstellen, einen Sozialberuf zu ergreifen – theoretisch. Beim Blick auf die Entlohnung winken die meisten ab. Das ist das Ergebnis einer Befragung im Auftrag von Familienministerin Franziska Giffey.

Berlin. Rund jeder vierte Jugendliche kann sich vorstellen, später einmal in der Pflege oder in der Kinderbetreuung zu arbeiten. Zu diesem Ergebnis ist eine repräsentative Umfrage des Sinus-Instituts gekommen, die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) am Dienstag in Berlin vorgestellt hat.

“Ich freue mich, dass sich so viele Jugendliche für einen Beruf in der Alten- und Krankenpflege oder als Erzieher interessieren”, sagte Giffey über das Ergebnis der Erhebung. Die Studie zeige aber auch, an welchen Stellen noch Handlungsbedarf bestehe, so die Ministerin weiter. “In Zukunft müssen wir den jungen Menschen mehr Gehalt, bessere Arbeitsbedingungen und Aufstiegsmöglichkeiten bieten.”

Seit Mai 2018 stehe im Familienministerium ganz oben auf der Agenda, mehr junge Menschen für eine Ausbildung in Pflege- und Erziehungsberufe zu bewegen, betonte Giffey. Nun gibt es belastbare Daten, anhand derer sich ermitteln lässt, welche Rahmenbedingungen verbessert werden müssen. Die Forderungen der Befragten gegenüber Politik und Arbeitgebern sind nicht unbedingt neu.

Aufstiegschancen werden als schlecht angesehen

Für das Bild, das sich die Jugendlichen von sozialen Berufen machen, sind die Erfahrungen aus ihrem sozialen Umfeld ausschlaggebend. Wie berichten Freunde oder Verwandte, die in den Bereichen arbeiten, von ihrem Berufsalltag? Der Eindruck, der daraus entstehe, sei durchaus realistisch, erklärte Silke Borgstedt vom Sinus-Institut.

“Drei Viertel der Befragten halten die Arbeit für anspruchsvoll. Gleichzeitig sagen rund 80 Prozent der Jugendlichen, das Gehalt sei jedoch zu gering für das, was die Menschen leisten. Ebenso schlecht wurden die Aufstiegsmöglichkeiten von den Jugendlichen eingeschätzt.”

Gender-Klischees halten sich

Ein weiteres Ergebnis der Studie: In den Augen vieler Jugendlicher sind Pflege- und Erzieherberufe immer noch stark klischeebehaftet und gelten oftmals als Frauenberufe.

Daher ist die Gruppe derer, die solche Berufe wirklich ins Auge fassen, immer noch sehr gering. Nur sechs Prozent der Befragten erwägen eine berufliche Laufbahn in der Kinderbetreuung und nur vier Prozent in der Pflege – die meisten von ihnen sind junge Frauen. In den kommenden Jahren will der Bund vor allem an der Stellschraube Gehalt drehen, um soziale Berufe attraktiver zu machen.

Ein erster Schritt sei es gewesen, das Schulgeld für die Pflegeausbildung abzuschaffen und eine generelle Vergütung einzuführen, sagte Giffey.

Azubis verdienen seit Januar 2020 nun 1140 Euro (brutto) im ersten Lehrjahr und 1.202 Euro beziehungsweise 1.303 Euro in den folgenden Jahren. Nachholbedarf gebe es jetzt bei den Erzieherinnen und Erziehern, räumte Giffey ein. Dort ist die Regelung über Schuldgeld beziehungsweise Ausbildungsvergütung Ländersache und somit nicht einheitlich geregelt.

Die Familienministerin formulierte einen deutlichen Appell: “Unser Ziel muss sein, dass alle auszubildenden Erzieher eine Vergütung für ihre Arbeit bekommen.” Das Schulgeld, müsse auch hier abgeschafft werden.

Für die Studie wurden zwischen März und Mai 2020 jeweils rund 1000 repräsentativ ausgewählte Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren zu ihrer Haltung zum Erzieher- beziehungsweise Pflegeberuf online und in Interviews befragt. Die vollständige Studie soll Mitte August vorliegen.

RND

Von Max Hempel/RND