Was will er? Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Söder treibt die CDU vor sich her

Hier eine Spitze, da eine Andeutung: Kaum ein Tag vergeht, an dem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sich nicht als möglichen Kanzlerkandidaten der Union empfiehlt. Söder greift ein wachsendes Unbehagen am bisherigen Kandidaten-Angebot der CDU auf. Aber er muss schon klar und deutlich sagen, was er will, kommentiert Marina Kormbaki.

Berlin. Der Abglanz eines lange vermissten Gefühls machte sich zuletzt in der Union breit. Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie und des zupackenden Umgangs mit ihren Folgen verspürten viele Konservative unverhoffte Geschlossenheit und Stärke. Etwas, das sie nicht mehr für möglich hielten.

Die Umfragen rücken die Marke von 40 Prozent – einst ein Beleg für den Status als Volkspartei – wieder in den Rahmen des Möglichen. Fast scheint es, als könnten die CSU und mehr noch: die CDU ihre Nöte und Querelen abschütteln; als wäre die Orientierungslosigkeit, die die Christdemokraten erst vor wenigen Monaten in die größte Krise ihrer Geschichte stürzte, überwunden. Aber eben nur fast.

Denn die neue Geschlossenheit und Stärke ist bloß ein Gefühl. Keine Gewissheit. Der Erfolg in den Umfragen ist eine Momentaufnahme. Er ist Faktoren geschuldet, die kein Wahlkampfstratege zur nächsten Bundestagswahl herbeiplanen kann. Der Hauptfaktor heißt Angela Merkel, und sie tritt bekanntlich nicht noch einmal an.

Die Harmonie bröckelt

Es ist verständlich, wenn nun einige in der CDU diesen Moment des Wohlbefindens gern über den Sommer dehnen würden. Allen voran Noch-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer schien zuletzt nicht unglücklich darüber zu sein, dass in der akuten Krisenbewältigung das zwischen NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, dem Wirtschaftspolitiker Friedrich Merz und dem Außenpolitiker Norbert Röttgen ausgetragene Rennen um den Parteivorsitz an Bedeutung und Aufmerksamkeit verloren hatte.

Kramp-Karrenbauer hat erkennbar kein Interesse daran, die im Dezember anstehende Wahl eines neuen Parteivorsitzenden früher als unbedingt nötig zum Thema zu machen. Sie weiß um die dadurch offenbarten und verstärkten Spannungen in der CDU.

Sie befürchtet zu Recht, dass die von Einkommenseinbußen, Arbeitslosigkeit oder Betreuungsproblemen geplagten Bürgerinnen und Bürger in der Krise kein Verständnis für Politiker aufbringen, die den nächsten Karriereschritt planen.

Doch wie schon im Frühjahr, als Kramp-Karrenbauers Pläne für eine ausgeruhte Amtsübergabe zum Jahresende von ihrer Partei brüsk über den Haufen geworfen wurden, wird der Noch-CDU-Chefin auch jetzt wieder das Heft des Handelns entrissen.

Und zwar nicht nur ihr, sondern auch ihren potenziellen Nachfolgern. Diesmal kommt der Druck nicht aus der CDU, sondern von der Schwesterpartei in München. CSU-Chef Markus Söder treibt die CDU in der K-Frage vor sich her.

Söder hält sich im Gespräch

Es vergeht jetzt kaum ein Tag, an dem Söder sich nicht selbst als Kanzlerkandidat in Stellung bringt. Mit mal mehr, meist weniger subtilen Andeutungen lässt er durchblicken, dass er sich selbst für den am besten geeigneten Anwärter auf die Nachfolge Angela Merkels hält. Gewiss spricht Söder dann nicht von sich, sondern formuliert vermeintlich allgemeine Kriterien – wie etwa dem, dass sich der Kanzlerkandidat der Union in der Corona-Krise bewährt haben muss.

Damit nimmt Söder Merz und Röttgen aus dem Rennen, da beide keine exekutiven Ämter innehaben. Und er nährt Zweifel am Krisenkurs von Laschet, der im Umgang mit den Corona-Ausbrüchen in Fleischbetrieben nicht immer souverän wirkt.

In der CDU, aber auch in der CSU fragen sich nun viele, ob Söder bloß kokettiert. Ob er nach Jahren der Schmach das schmeichelhafte Zutrauen in seine staatsmännischen Fähigkeiten auskostet. Oder ob er tatsächlich versuchen will, was schon zweien seiner Vorgänger misslang: als CSU-Chef Kanzler zu werden.

Zwar wiederholt Söder immerzu, sein Platz sei in Bayern. Doch eine Kandidatur will er nicht ausschließen. Stattdessen sinniert er über einen Urlaub an der Nordsee. Söder testet das Wasser.

Dass seine bloßen Andeutungen die CDU derart in Aufruhr versetzen, offenbart deren zuletzt gut kaschierte Schwäche.

Söder greift eine Sorge auf, die auch in Berlin viele teilen. Die Sorge, dass keiner der drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz stark genug ist, um das Kanzleramt für die Union zu halten. Doch indem er weiter Zweifel an ihnen sät, beschädigt Söder die Kandidaten, die CDU – und auf Dauer auch sich selbst.

Will er der Staatsmann sein, für den er sich ausgibt, muss er mehr bieten als Spitzen und Anspielungen. Söder muss sagen, was er will.

 

Von Marina Kormbaki/RND