Dienstag , 11. August 2020
Ein Einkaufserlebnis wie vor den Zeiten von Corona? Um den Einzelhandel wieder mehr zu beleben, ziehen Politiker einiger Bundesländer die Aufhebung der Maskenpflicht in Betracht. Quelle: imago images/Ralph Peters/dpa/RND Montage Behrens

Presse zu Maskenpflicht: “Jammern über Tragepflicht ist unerträglich”

Gesundheitsminister Spahn und SPD-Chef Walter-Borjans sind dagegen, einige Bundesländer dafür: Die Debatte um eine Abschaffung der Maskenpflicht im Einzelhandel hat an Fahrt aufgenommen. Das ist auch in der Presse reichlich kommentiert worden – sowohl befürwortend als auch ablehnend. Ein Überblick.

Die Debatte über ein baldiges Ende der coronabedingten Maskenpflicht im Handel war am Wochenende ins Rollen geraten, nachdem sich Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) gegenüber der “Welt am Sonntag” für einen solchen Schritt in seinem Land ausgesprochen hatte.

Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) hatte eine Lockerung favorisiert. Gegen ein zeitnahes Ende der Pflicht für den Mund-Nasen-Schutz in Geschäften sprachen sich am Sonntag indes Bayern, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Hamburg aus.

In den Meinungsspalten der Tageszeitung findet sich das Thema ebenfalls vielfach wieder – sowohl mit befürwortenden als auch ablehenden Kommentaren. Wir haben einige Pressestimmen dazu gesammelt.

Die Neue Osnabrücker Zeitung glaubt, das Shopping-Erlebnis gewinne ohne Maske wieder an Attraktivität: “Angesichts der geringen Infektionszahlen ist es an der Zeit, den Menschen wieder selbst zu überlassen, ob sie beim Gang in den Supermarkt oder ins Bekleidungsgeschäft eine Maske tragen wollen oder nicht. Diese neue Freiheit muss natürlich einhergehen mit der Bereitschaft, notfalls zu einer Maskenpflicht im Handel zurückzukehren, wenn das Infektionsgeschehen es erfordert. Das Shopping-Erlebnis aber gewinnt ohne Maske wieder an Attraktivität, und der gebeutelte Handel darf auf zusätzliche Umsätze hoffen. Und vielleicht rückt ja so die nach wie vor wichtige Abstandsregel noch einmal stärker ins Bewusstsein. Denn zuweilen hat man den Eindruck, dass alle anderen Corona-Regeln über Bord gehen, solange eine Maske das Gesicht verhüllt.

Auch die Bild-Zeitung befürwortet die Abschaffung: “Wer jetzt vom ‘falschen Signal’ und vorschneller Sorglosigkeit spricht, redet einem fürsorglichen Wächterstaat das Wort. Gefahrenabwehr ist konkret und keine vorsorgliche Erziehungsmaßnahme. Wo es so gut wie kein Infektionsgeschehen mehr gibt, dort fehlt die Berechtigung für Eingriffe des Staates in unseren Alltag und wird zur Schikane.”

Die Rheinische Post hält dagegen nichts von einer Abschaffung: “Ist es am Ende zu viel verlangt, dass man beim Betreten des Supermarkts oder im Bus für ein paar Minuten eine Maske trägt, ein bisschen schlechter atmen kann, an der Käsetheke etwas lauter und deutlicher die Bestellung aufgeben muss, dafür aber womöglich verhindert, dass die Personen im näheren Umfeld demnächst statt einer Schutz- eine Beatmungsmaske tragen müssen? Das Tragen einer Maske ist ein Zeichen gegenseitiger der Rücksichtnahme. Mit den Alltagsmasken schützen wir andere davor, sich eventuell bei uns anzustecken. Das große Jammern über die Tragepflicht ist unerträglich. Politiker, die nun vorschnell an der falschen Stelle lockern, handeln verantwortungslos.”

“Natürlich sind diese Stofffetzen im Gesicht nicht wirklich komfortabel – angenehmer ist es ohne”, kommentiert der Reutlinger Generalanzeiger. “Aber kann ein wenig mehr Annehmlichkeit ein mögliches Wiederaufflammen der Epidemie und einen damit einhergehenden eventuellen Lockdown aufwiegen? Wohl kaum.”

Die Heilbronner Stimme schreibt: “Es ist ein schmaler Grat zwischen dringend erforderlichen Lockerungen der Corona-Vorgaben und der Gefahr, dass die Welle an Neuinfizierten wieder stärker wird. Dass viele Menschen und vor allem der Handel ungeduldig weitere Erleichterungen einfordern, ist verständlich und letztlich auch dringend erforderlich. Dennoch ist der Spruch “Corona ist over” fehl am Platz. Lokale Hotspots können Regionen schnell wieder lahm legen. Und die internationalen Rekordzahlen an Neuinfektionen alarmieren mehr denn je.”

Als folgerichtige Lockerung sieht die Magdeburger Volksstimme die Abschaffung der Pflicht im Einzelhandel: “Wo Abstandsregeln und Lüftung gut durchsetzbar sind, kann die Maskenpflicht fallen. Diese Lockerung ist folgerichtig. Zumal der Supermarkt bislang nie Ansteckungsherd war. Selbst im März und im April nicht, als wir mit wesentlich höheren Infektionszahlen konfrontiert waren als heute und Lebensmittel- wie auch Baumärkte ohne Maskenpflicht geöffnet hatten. Anders verhält es sich in Bereichen, wo eine ausreichende Distanz nicht eingehalten werden kann. Da müssen strengere Vorschriften weiterhin gelten.”

Der Mannheimer Morgen sieht im Maskentragen zwar ein hohe Akzeptanz, aber dennoch eine “hinderliche Unannehmlichkeit”: “Ein Verzicht auf Probe bei Beibehaltung der Abstandsregeln – warum eigentlich nicht? Erlaubt sein muss auch der Hinweis, dass die Sinnhaftigkeit des Tragens der sogenannten Mund-Nasen-Bedeckung zur Eindämmung des Coronavirus in Deutschland lange kontrovers diskutiert wurde; erst, als die Masken nach Wochen des Wartens in genügender Millionen-Anzahl käuflich zu erwerben waren, beantwortete die Politik diese Frage mit einem entschiedenen ‘Ja’…”

RND/dpa/das