Ein Schild mit dem Schriftzug “Bitte halten Sie Mund und Nase bedeckt” hängt noch an einem Geschäft in der Ladenstraße von Stralsund. Quelle: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Neue Maskendebatte: Einknicken vor Handel und Populisten

Zum Beginn der Feriensaison wird die Maskenpflicht im Einzelhandel von mehreren Bundesländern wieder in Frage gestellt. Das ist der durchsichtige Versuch, in der Urlaubszeit das Geschäft anzukurbeln – koste es, was es wolle. Verantwortung sieht anders aus, kommentiert RND-Korrespondent Jan Sternberg.

Keine Maßnahme gegen Corona wird so heftig debattiert wie diejenige mit den geringsten Einschränkungen.

Nicht die monatelangen Schulschließungen, nicht das Besuchsverbot in Altenheimen, nicht die Grenzkontrollen zwischen europäischen Nachbarstaaten und sogar zwischen Bundesländern.

Die härteste Maßnahme war anscheinend nicht eine, die Familien an den Rand des Wahnsinns und Freiberufler in Existenznöte brachte, sondern die höchstens etwas unangenehm ist: die Verpflichtung, für die Dauer eines Einkaufs ein Stück Stoff vor Mund und Nase zu tragen.

Erst wurde wochenlang um ihre Einführung gestritten, nun beginnt im Sommerloch die zweite Runde: die Debatte um die Abschaffung des Vermummungsgebots im Einzelhandel.

Der Zeitpunkt lässt aufmerken: Zum Beginn der Haupttouristensaison in seinem Urlaubsland denkt der Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern laut darüber nach, ob er nach den Ferien die Masken fallen lassen will. Abstandsregeln sollen aber bleiben und die Masken eine Empfehlung.

Toll. Erst zerstört die Maskenpflichtdebatte jede freiwillige Rücksichtnahme (Ich trage Maske, um mich und andere zu schützen, nicht wegen einer Verordnung), dann killt der Zwang das Abstandsgebot (warum noch Abstand, wenn alle Maske tragen müssen, denken sich anscheinend viele), jetzt wird der Maskenpflicht jede Legitimation genommen (wird ja eh bald abgeschafft).

Das verdient das Prädikat “bauernschlau”: Kein Geschäft zwischen Boltenhagen und Ahlbeck muss jetzt noch maskenmuffelige, aber kaufwillige Badegäste abweisen – ist ja eh schon egal.

Aber egal ist gar nichts.

Das Virus ist nicht verschwunden, Rücksichtnahme tut weiterhin not. Wer Maske trägt, zeigt Problembewusstsein. Wer jetzt schon die Masken wieder runterreißen will, knickt vor Lobbyisten und Populisten gleichzeitig ein.

Verantwortungsvolle Politik sieht anders aus.

Von Jan Sternberg/RND