Montag , 26. Oktober 2020
Für Millionen Kinder war oder ist immer noch die Schule unterbrochen. Gerade in armen Ländern ist das oft vor allem für Mädchen eine Katastrophe. Quelle: Mascha Brichta/dpa-tmn

Bildung: Die Katastrophe der geschlossenen Schulen

Für Millionen Kinder in armen Ländern haben die Schulschließungen in Corona-Zeiten furchtbare Folgen: Gerade Mädchen kehren oft nicht in den Unterricht zurück – und sind stark von Armut und Abhängigkeit bedroht. Man muss nun alles tun, eine “verlorene Generation” zu verhindern. Ein Gastbeitrag von der ehemaligen australischen Ministerpräsidentin Julia Gillard.

Rund um die Welt sind die Anstrengungen groß, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen, und es liegt auf der Hand, dass der Schutz von Gesundheit und Leben hierbei unmittelbar im Mittelpunkt steht. Doch die Pandemie hat noch eine weitere Katastrophe ausgelöst, die dringend unsere Aufmerksamkeit erfordert: Schulschließungen weltweit haben zu einer Unterbrechung von Bildung in bisher ungekanntem Ausmaß geführt – und sie könnten zu einer “verlorenen Generation” führen.

Deutschland spielt eine führende Rolle in der internationalen Zusammenarbeit, um die Entwicklung und Bereitstellung von Covid-19-Diagnose- und -Behandlungsmöglichkeiten und einem künftigen Impfstoff überall und für alle voranzubringen. In gleichem Maße sollte sich Deutschland dafür einsetzen, dass Bildung nicht zu kurz kommt.

1,2 Milliarden Kinder und Jugendliche betroffen

Derzeit können 1,2 Milliarden Kinder und Jugendliche nicht oder nur eingeschränkt zur Schule gehen. Ob in Deutschland oder Sierra Leone: Überall mussten Eltern feststellen, wie schwierig es ist, Kinder zu Hause zu unterrichten. Doch während in Deutschland fast alle Kinder online lernen können, haben in Sierra Leone nur 13 Prozent der Menschen Zugang zum Internet und nur jeder Fünfte zu Strom.

Je länger die Schulen geschlossen bleiben, umso größer ist die Gefahr, dass sich dies langfristig auf die Gesundheit von Millionen Kindern in Entwicklungsländern auswirkt, sie dauerhaft schlechtere Lernergebnisse erzielen und in Zukunft weniger verdienen. Viele Kinder kehren vielleicht nie wieder in die Schule zurück. Ohne koordiniertes, frühzeitiges Handeln wird die Pandemie die über Jahrzehnte erkämpften Fortschritte im Bildungsbereich zunichtemachen.

Mädchen, die aufgrund der Pandemie nicht zur Schule gehen können, drohen Opfer von geschlechtsbezogener Gewalt zu werden; das Risiko für Teenagerschwangerschaften und frühe Verheiratungen steigt. In Sierra Leone waren die Schulen aufgrund der Ebola-Epidemie acht Monate lang geschlossen. Als sie wieder öffneten, konnten Tausende Teenagermädchen nicht wiederkommen, weil sie inzwischen schwanger waren, verheiratet wurden oder arbeiten mussten, um ihre Familien zu ernähren.

Die Folgen der Covid-19-Pandemie sind um ein Vielfaches dramatischer. Mit jeder weiteren Woche, die die Schulen geschlossen bleiben, steigt die Zahl der Mädchen, die nie wieder zur Schule zurückkehren. Dies könnte zehn Millionen heranwachsende Mädchen betreffen.

Ohne Schule bekommen Millionen Kinder keine tägliche Mahlzeit, haben keinen sicheren Ort zum Spielen, keinen Zugang zu Kinderschutzangeboten oder sozialpsychologischer Betreuung. Wichtige Gesundheitsprogramme wie Sehtests und Hygieneaufklärung, die normalerweise in den Schulen durchgeführt werden, liegen derzeit auf Eis.

Bis zu 100 Millionen weitere Menschen werden durch die Pandemie in extreme Armut abrutschen und Millionen Kinder deswegen in ausbeuterische und gefährliche Jobs gezwungen werden – was womöglich seit 20 Jahren erstmals wieder einen Anstieg der Kinderarbeit nach sich ziehen könnte.

Angesichts der schwersten wirtschaftlichen Rezession seit Jahrzehnten stehen die Regierungen von Entwicklungsländern vor schwierigen Entscheidungen. Aktuellen Berichten zufolge wollen einige Geberländer jede Entwicklungsunterstützung ohne Gesundheitsbezug kürzen. Es gibt auch Hinweise, dass einige afrikanische Staaten infolge der Pandemie ihre Bildungshaushalte kürzen. Beides wäre eine Katastrophe. Denn Bildung, zumal Schulbildung, ist unverzichtbar, um gerechte Gesellschaften aufzubauen, die die nächste große Gesundheitskrise überstehen, die Klimaerwärmung eindämmen, Beschäftigung und Wirtschaftswachstum voranbringen und die technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts nutzen können.

Die Globale Bildungspartnerschaft (GPE), deren Vorstandsvorsitzende ich bin, hat eine halbe Milliarde US-Dollar bereitgestellt, damit stark ausgegrenzte Kinder in 60 der ärmsten Länder der Welt weiterhin lernen können. Diese Mittel helfen, Bildungssendungen zu entwickeln, die über Radio- und Fernsehsender landesweit ausgestrahlt werden, Lehrkräfte für Fernunterricht aus- und fortzubilden und die Schulen auf die Wiedereröffnung vorzubereiten. Allerdings übersteigt die Nachfrage nach finanzieller Unterstützung, die 355 Millionen Kindern in unseren Partnerländern zugutekommen soll, bereits jetzt die uns zur Verfügung stehenden Mittel.

Noch ist eine “verlorene Generation” zu verhindern

Durch den Marshallplan mit Afrika – initiiert von Entwicklungsminister Gerd Müller – und die BMZ-Strategie 2030 des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit spielt Deutschland eine führende Rolle dabei, eine gerechtere Welt zu schaffen. Im Zuge der aktuellen EU-Ratspräsidentschaft sollte Deutschland eine ambitionierte EU-Afrika-Strategie deutlich voranbringen. Bildung muss dabei ein zentraler Bestandteil sein.

Minister Müller hat zu Solidarität und zu einer gleichberechtigten Partnerschaft mit Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen aufgerufen, die von den Folgen der Pandemie betroffen sind. Doch wenn Deutschland und andere Geberländer sich nicht verstärkt dafür einsetzen, dass Bildung als wesentliches Element in den Covid-19-Maßnahmen berücksichtigt wird, werden diese Initiativen nicht reichen.

Noch ist Zeit, um zu verhindern, dass eine “verlorene Generation” heranwächst. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem die deutsche Bundesregierung ihrer führenden Rolle für Bildung weltweit gerecht werden sollte, um dafür zu sorgen, dass trotz Corona kein Kind in Sachen Bildung den Anschluss verliert.

Von Julia Gillard/RND