Mittwoch , 21. Oktober 2020
Mal ehrlich: Warum und auf wen sollte Söder warten? Bayerns Ministerpräsident am Dienstag auf dem Weg zur Pressekonferenz in München. Quelle: imago images/Future Image

Deutschland kann jetzt Söder testen

Bayerns Ministerpräsident macht Ernst mit einer Politik, die auf “Testen, testen, testen” setzt. Viele rollen jetzt wieder die Augen und sagen: Markus Söder nervt. Doch noch mehr nervt inzwischen der ständig wiederkehrende Singsang, der Mann wolle ja nur Kanzler werden. Ein Kommentar von Matthias Koch.

Schon wieder dieser Söder. In ganz Deutschland gibt es jetzt erneut das allseits bekannte Augenrollen. Diesmal geht es um Corona-Tests, die Bayerns Ministerpräsident in seinem Land anbieten will: massenhaft, freiwillig, anlasslos – und kostenlos.

Das Echo ist verhalten. Die Sache sei “nicht abgestimmt”, heißt es aus den 15 übrigen Staatskanzleien der Länder.

In Staatskanzlei Nummer 16, in München, lautet die Reaktion, frei übersetzt: So what?

Und mal ehrlich: Warum und auf wen sollte Söder auch warten? Erstens ist ein Wettbewerb um die besten Ideen im föderalen System der Bundesrepublik Deutschland nicht nur zugelassen, sondern gewollt. Zweitens hat Söder es schon mehrfach erlebt, dass Ansagen von ihm, über die der Rest der Republik anfangs den Kopf schüttelte, sich nach kurzer Zeit als richtungsweisend herausstellten: Früher als andere schloss Söder die Schulen, früher als andere verfügte Söder Kontaktverbote. Könnte es nicht sein, dass er jetzt abermals ein Gespür für die kommenden Dinge beweist?

SPD-Mann Müller zeigt sich unverkrampft

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller scheint dies bereits zu ahnen: “Wenn ein Bundesland so anfängt, dann wird das eine Welle, die Tests werden günstiger, und es wird für viele Menschen bald ganz unproblematisch, sich testen zu lassen.”

Müller, Sozialdemokrat, zeigt damit eine unverkrampftere Haltung zu Söders Vorstoß als diverse Unionsgrößen, von Jens Spahn bis Armin Laschet.

Natürlich bietet jeder Corona-Test nur eine Momentaufnahme. Doch aus dieser Binsenweisheit wird kein Gegenargument. Denn jede Momentaufnahme hilft bei der Virenabwehr. Es ist, als wandere man durchs Dunkle nur mit einem Blitzlicht. Wer es oft betätigt, senkt das Risiko. Häufiges Testen macht Infektionsketten schon sehr früh sichtbar. Das wiederum erlaubt auch ein frühes Gegensteuern – was der Gesellschaft an anderer Stelle Leid und Lasten ersparen kann.

Die demoskopischen Kurven hat Söder schon verändert

Viele sagen, Söder nervt. Doch noch mehr nervt inzwischen der ständige Singsang, der Mann wolle ja nur Kanzler werden. Lassen wir doch den Gedanken zu, dass hier und jetzt ein Ministerpräsident einfach alles tun will, um ein akutes Infektionsgeschehen in seinem Bundesland, so gut es geht, in den Griff zu bekommen.

Ob und wie Söders Politik die Infektionskurven beeinflusst, wird man noch sehr genau studieren können. “Testen, testen, testen” in Zeiten der Pandemie bedeutet auch: Deutschland kann jetzt Söder testen. Vielleicht machen freiwillige Massentests neben Distanzregeln, Masken und der Corona-Warn-App tatsächlich eine noch stärkere Eindämmung des Virus möglich als bisher. Nichts spricht dagegen, dies auszuprobieren. Fest steht nur eins: Wer als Ministerpräsident bei der Virenabwehr versagt, wer ständig neu auflodernden Infektionsherden immer nur hektisch hinterherläuft, wird auch nicht Kanzler.

Die demoskopischen Kurven hat Söder schon verändert. Die CSU liegt in Bayern bei 48 Prozent, 10 Punkte höher als bei der letzten Landtagswahl. Alle anderen Parteien haben Punkte verloren, am meisten die AfD. Auch hier empfiehlt sich ein neuer, entspannterer Blick nach München.

Während die Talkshows noch immer über das Erstarken der Ränder diskutieren, führt Söder die Leute gerade massenhaft zurück zur Mitte: als ein Ministerpräsident, der sich kümmert, der sich täglich seine ganz eigenen Gedanken macht.

Von Matthias Koch/RND