ARCHIV – 06.03.2020, USA, Washington: HANDOUT – Diese von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) im Januar 2020 zur Verfügung gestellte Illustration zeigt das neuartige Coronavirus. Rote knubbelig-abstehende Stacheln auf einer grauen Kugel: So illustrierten Alissa Eckert und Dan Higgins von der US-Gesundheitsbehörde CDC das Coronavirus – und ihr Bild verbreitete sich im Zug der Pandemie über die ganze Welt. (zu dpa “Erreicht, was sie soll”: Künstlerin über Coronavirus-Illustration) Foto: Cdc/ZUMA Wire/dpa – ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: Cdc/ZUMA Wire/dpa

Sechs Monate mit Corona: Das Virus ist nicht weg, nur weil es nervt

Ein halbes Jahr Corona: Die Sehnsucht ist groß, zurückzukehren zum alten Leben. Aber langsam dämmert der Welt, dass diese Krise sehr lange dauern kann. Denn das Virus ist nicht weg, nur weil es nervt. Ein Kommentar von Imre Grimm.

Seit sechs Monaten befindet sich der Planet nun im Würgegriff der Pandemie. Sechs Monate ist es her, dass China die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über ein neuartiges Virus informierte. Und spätestens seit März, als das ferne Wuhan plötzlich überall war, leben wir emotional im Ausnahmezustand. Italienische Armeelastwagen voller Särge, Homeschooling, zittrige Skype-Gespräche, R-Zahl-Diskussionen, Maskengefummel. Kein Wort beschreibt den Schwebezustand der Welt besser als dieser Widerspruch in sich: Ausnahmenormalität.

Die bittere Bilanz zum ersten halben Jahr mit Corona: Es gibt weltweit zehn Millionen Infizierte, 500.000 Menschen sind nach einer Infektion mit dem Virus gestorben. Und die Aussichten? Sie verdüstern sich gerade wieder. Ein Impfstoff ist nicht in Sicht. Ob er überhaupt kommt, ist fraglich.

Eskalieren und Ignorieren helfen nicht

In den ersten Wochen dieser neuen Krise erschauerten wir angesichts von Weltnachrichten im Stakkato. Wir nähten Masken, wir sangen “Der Mond ist aufgegangen” und klebten Regenbögen auf die Fenster. Als in den römischen Straßenschluchten die Menschen sangen, flackerte kurz die Hoffnung auf eine menschlichere Welt auf. Aber die Hoffnung scheint zerstoben.

Krisen bringen das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor. Das solidarische Unterhaken ist einer giftigen Gereiztheit gewichen. Denn der Feind ist unsichtbar. Und der Kampf dauert. Beides zehrt an den Nerven. Corona? Nase voll. Nicht wenige reagieren mit irrlichterndem Furor. Aber Eskalieren und Ignorieren helfen nicht. Das zeigt ein Blick in Länder, in denen eskalierende Ignoranten regieren. Corona ist nicht weg, nur weil es nervt.

“Es ist, als lebten wir auf dem Mond”

Wie absurd die fibrige Ungeduld der ersten Wochen heute wirkt! Wie seltsam naiv die Mutmaßungen über eine “Welt nach Corona” schon im März. Und wie bizarr die Rufe nach “Normalität”, kaum dass der Lockdown in Kraft getreten war. Nur langsam, sehr langsam dämmerte der Welt, dass diese Krise lange dauern kann. Man sieht sie ja hierzulande kaum. Aber man fühlt sie.

Wir haben einen Schulranzen gekauft, lila mit Blumen und Sternen. Das war im Januar. Seither steht er im Kinderzimmer wie das Relikt einer untergegangenen Epoche. Unendlich weit weg scheint das alte Leben, das er symbolhaft verkörpert. Weißt du noch, damals, vor ungefähr 1000 Jahren, als die Welt noch normal war? Als das größte Thema in dieser kleinen Familie die Einschulung der Tochter war und Corona ein Bier aus Mexiko?

Jüngst schickte die Grundschule einen Brief: Wir sollen bitte Stifte, Schulbücher und Tuschfarben kaufen. “Es ist, als lebten wir auf dem Mond und eine Nachricht von der Erde trifft ein”, sagte meine Frau. Es war wie ein fernes Echo aus einer Zeit der Unschuld.

Sehnsucht nach dem alten Leben

Möglich, dass wir uns niemals wieder die Hände schütteln werden, weil dieser 100 Nanometer kleine Dämon zum Dauergast auf Erden wird. “Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens”, hat Friedrich Nietzsche geschrieben. Die Sehnsucht ist groß, den Notstand hinter sich zu lassen. Zurückkehren zu dürfen in das alte Leben. “Guten Tag, ich will mein Leben zurück”, sang die Band Wir sind Helden einst. Die Seele ist zermürbt, der Körper ist müde. Aber nicht mal die Sommerferien bieten Aussicht auf Linderung. Urlaub 2020 – das wird kein Urlaub nach alter Väter Sitte sein. Vielleicht aber gibt es kleine Momente, irgendwo am Meer oder auf dem Balkon, in denen das C-Wort mal nicht das Denken beherrscht.

Von Imre Grimm/RND