Mittwoch , 21. Oktober 2020
Paloma Wu hält eine Black-Lives-Matter-Fahne in der Hand, während Befürworter der derzeitigen Flagge ihre Fahne vor das Kapitol in Jackson aufgestellt haben. Inmitten der Rassismusdebatte in den USA haben sich beide Kammern des Parlaments in Mississippi mit großer Mehrheit für eine Änderung der umstrittenen Flagge des südlichen Bundesstaats ausgesprochen. Quelle: Rogelio V. Solis/AP/dpa

Anti-Rassismus-Proteste zeigen Wirkung: Südstaatenflagge kommt vielerorts weg

Als letzter US-Bundesstaat mottet Mississippi seine 126 Jahre alte Landesfahne mit dem umstrittenen Konföderiertenkreuz ein. Seit Langem haben Kritiker dafür gekämpft, doch erst jetzt formiert sich eine breite gesellschaftliche Mehrheit. Auch anderswo in den USA werden die Relikte der Sklaverei entfernt.

Washington. Am Ende war die Mehrheit eindeutig, und die Emotionen kochten hoch. Mit 37 zu 14 Stimmen beschloss der überwiegend republikanische Senat des US-Bundesstaats Mississippi am Sonntag, die seit 1894 gültige Landesflagge mit dem umstrittenen Konföderiertensymbol einzumotten. “Die Herzen der Menschen haben sich verändert”, sagte Philip Gunn, der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses: “Wir sind heute besser als gestern.” Viele Abgeordnete fielen sich in die Arme. Draußen vor dem Kapitol in Jackson jubelten Demonstranten. “Heute hat sich der Bogen des moralischen Universums ein bisschen weiter geneigt”, twitterte der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden in Anlehnung an ein berühmtes Zitat des Bürgerrechtlers Martin Luther King, der glaubte, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen werde.

Die Änderung der mit der Sklaverei verbundenen blau-weiß-roten Fahne nach 126 Jahren zeigt eindrucksvoll, welche gesellschaftliche Dynamik die landesweiten Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd inzwischen entfalten. Ein Ziel der Proteste sind immer wieder die Relikte der konföderierten Südstaaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 für den Erhalt der Sklaverei gekämpft hatten.

Bei den Protesten der vergangenen Wochen wurden in zahlreichen US-Städten Denkmäler für ehemalige Konföderiertengenerale beschmiert oder beschädigt. Doch mehrere Bürgermeister und ein Gouverneur haben inzwischen offiziell entschieden, die umstrittenen Statuen zu entfernen. Vor zwei Wochen ließ die demokratische Parlamentssprecherin Nancy Pelosi die Porträts von vier Amtsvorgängern, die aufseiten der Konföderierten gestanden hatten, aus der Ahnengalerie vor ihrem Büro im Washingtoner Kapitol abhängen. In den Hallen des Kongresses sei kein Platz für Männer, die “den gewaltsamen Eifer und den fratzenhaften Rassismus der Konföderierten unterstützten”, sagte sie zur Begründung.

Das Konföderiertenbanner, das ein blaues Andreaskreuz mit 13 weißen Sternen auf rotem Grund zeigt, ist in den USA höchst umstritten. Einige weiße Amerikaner im Süden sehen darin das patriotische Erbe ihrer stolzen Armee, die im Bürgerkrieg der Übermacht aus dem Norden trotzte. Doch das Tuch wird vor allem vom rassistischen Ku-Klux-Klan, von rechtsradikalen Paramilitärs und Neonazis als Symbol für ihre weiße Überlegenheitsideologie verwendet. Auch bei dem Rassistenaufmarsch in Charlottesville 2017 wurde es neben der Hakenkreuzfahne geschwenkt. Vor wenigen Wochen hat die beliebte Motorsportserie Nascar ihren Zuschauern deshalb verboten, die Südstaatenflagge mit zu den Rennen zu bringen.

Keine Mehrheit bei Volksabstimmung im Jahre 2001

Schon seit Jahrzehnten kämpfen Bürger im Bundesstaat Mississippi, der mit 38 Prozent den höchsten schwarzen Bevölkerungsanteil der USA hat, für eine Abschaffung der Landesflagge, die in der linken Ecke das Konföderiertensymbol zeigt. Doch bei einer Volksabstimmung im Jahr 2001 votierte eine überwältigende Mehrheit für die Beibehaltung. Mehrfach hat es seither parlamentarische Initiativen gegeben, die jedoch stets erfolglos blieben. Erst der Stimmungsumschwung durch die derzeitigen Proteste hat die nötige öffentliche Unterstützung mobilisiert. Eine breite Bewegung von Wirtschaftsvertretern, Kirchenleuten, Countrystars und Footballtrainern machte Druck. Die Supermarktkette Walmart holte zuletzt die Landesfahne vor seinen Geschäften ein, und die US-College-Leichtathletik-Liga drohte, Mississippi von den Wettkämpfen auszuschließen.

Das alles brachte im Parlament eine parteiübergreifende Mehrheit für die Abschaffung der Fahne zusammen. Bis Mitte September soll eine Kommission nun eine neue Flagge entwerfen, über die am 3. November bei einer Volksbefragung abgestimmt wird. Sie soll das Motto “Wir vertrauen auf Gott” enthalten. Das Konföderiertenemblem wird sie nicht mehr zeigen.

Von Karl Doemens/RND