Freitag , 23. Oktober 2020
Demonstranten versenken im Hafen von Bristol bei einem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston. Colston war ein Kaufmann und Sklavenhändler im 17. Jahrhundert. Quelle: Ben Birchall/PA Wire/dpa

Weg mit Churchill, Colston und Co.? England streitet über seine Vergangenheit

Aus den USA schwappt die Protestwelle gegen Rassismus auch über den Atlantik – die Briten stürzen Denkmäler, sie wenden sich von Churchill ab und stellen nun auch außerhalb historischer Seminare eine schmerzhafte Frage: Dürfen sie heute noch stolz sein auf ihre koloniale Vergangenheit?

Es ist nicht gerade der schönste Platz, an dem Bristol bis vor Kurzem seines früheren Einwohners Edward Colston gedachte. Die St. Augustine’s Parade mitten im Zentrum der südenglischen Hafenstadt ist ein Knotenpunkt für den innerstädtischen Verkehr. In Bronze gegossen blickte das Abbild des 1713 verstorbenen Kaufmanns Colston ein wenig nachdenklich in Richtung Hafenbecken – beinahe so, als fragte er sich, was um Himmels willen er an diesem hektischen Platz verloren haben möge.

Anfang Juni fragte sich das auch eine Gruppe von Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung. Sie rissen die 1895 aufgestellte Skulptur kurzerhand von ihrem Sockel und versenkten sie im nahe gelegenen Hafenbecken. Ihre Kritik: Colston mag Bristol zwar viel Geld gespendet und so einiges zum Reichtum der Stadt beigetragen haben. seine Einnahmen aber fußten auf dem Handel mit Sklaven.

Im 18. Jahrhundert war Bristol ein wichtiger britischer Hafen für den Verkauf von Menschen. Und Edward Colston prägte diesen Handel maßgeblich. Das Ganze war eine Art Dreiecksgeschäft: Von Bristol und später von Liverpool und London aus stachen die Briten in See, um in Westafrika heimische Waren wie Kleidung und Waffen gegen Menschen zu tauschen. Diese brachten sie über den Atlantik in die heutigen USA und die Karibik, um sie als Sklaven auf Plantagen arbeiten zu lassen. Dafür erhielten sie unter anderem Rum, Tabak, Baumwolle, Kaffee und Zucker – Waren, die sie in Großbritannien mit großem Gewinn verkaufen konnten. Zwischen zehn und 15 Millionen Menschen sollen auf diese Weise verschleppt worden sein.

Überall in Bristol wird an Menschenhändler Colston erinnert

Dass Bristol ausgerechnet einem Menschenhändler ein Denkmal baute, ist kein Einzelfall. In der Stadt gibt es in prominenter Lage auch noch die Veranstaltungshalle Colston Hall, daneben das Bürohochhaus Colston Tower, es gibt Straßen, Schulen, Pubs und vieles mehr, die allesamt den Namen Colston tragen. Für Großbritannien ist das durchaus üblich: In vielen britischen Orten werden Menschen in Ehren gehalten, die zwar viel Geld ins Allgemeinwohl investiert haben mögen, die dies jedoch meist zulasten anderer taten – versklavter Afrikaner.

Die Universität Liverpool etwa beschloss erst in diesem Monat, ein William Gladstone gewidmetes Gebäude umzubenennen. Der frühere Premierminister soll ein Befürworter der Sklaverei gewesen sein. Die Universität Oxford entschied sich vor wenigen Tagen dafür, eine Statue von Cecil Rhodes zu entfernen. Der Politiker war einer der führenden Akteure bei der Kolonialisierung Afrikas, zudem Namensgeber der früheren Kolonien Nordrhodesien und Südrhodesien.

Bereits 2007 feierte Großbritannien den 200. Jahrestag der Abschaffung des Sklavenhandels. Das Problem war schon damals: Der Slave Trade Act von 1807 verbot zwar den Handel, nicht aber die Sklaverei selbst in den Kolonien. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis auch dies als illegal galt. Und während die Händler für den wegbrechenden Geschäftszweig entschädigt wurden, fragte lange niemand nach den eigentlichen Opfern – den bis dahin bereits verschleppten Afrikanern.

Die Rassismusdebatte in den USA hat in Großbritannien eine Welle der öffentlichen Vergangenheitsbewältigung in Bewegung gesetzt. Die einstige Weltmacht am Ärmelkanal stellt das infrage, was sie international groß gemacht hat: die Kolonialisierung Afrikas, Asiens und Amerikas.

Nun ist geschichtliche Aufarbeitung auch im Vereinigten Königreich nichts Neues – neu aber ist, dass sie nicht mehr nur in historischen Seminaren von Oxford, Cambridge oder London stattfindet. Sie ist auf die Straße getragen worden, in die Mitte der Gesellschaft.

In Fragen der Geschichte ist Großbritannien gespalten

“Die Debatte lief auch in Großbritannien schon länger”, betont Prof. Andreas Eckert, Historiker und Afrikawissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie habe durch die Proteste in den USA nun aber neue Nahrung erhalten.

“In der Ära des Brexits sind die Briten nicht nur in der Frage der EU sehr gespalten”, verdeutlicht Russell Foster, Historiker für britische und europäische Geschichte am King’s College London. “Sie sind es auch in Bezug auf ihre eigene Identität und Geschichte.” Großbritannien müsse sich seiner imperialen Vergangenheit stellen, betont Foster. “Aber es gibt keinen Konsens dabei.”

Viele der nun in der Kritik stehenden Briten waren bereits zu Lebzeiten zutiefst umstritten. “Neu ist, dass diese Debatten mit immer mehr Kommunikationstechnologien einer viel breiteren Bevölkerung bekannt werden”, erläutert Foster. In den Siebzigerjahren etwa wäre eine Debatte über die Colston-Statue in Bristol auf die lokalen Zeitungen beschränkt gewesen. “Nur mit digitaler Kommunikation erreicht sie auch das Publikum außerhalb der Stadt.”

Das rückt auch das Erbe eines großen Staatsmannes in den Fokus. In Westminster musste kürzlich das Standbild Winston Churchills unweit des Parlaments eingeschalt werden – Demonstranten hatten nicht nur auf dem Sockel unter den Namen Churchills die Wörter “was a racist” (war ein Rassist) gesprüht; sie drohten auch, den früheren Premierminister nach Bristoler Vorbild zu stürzen. Gegendemonstranten wollten dies mit aller Macht verhindern – die Akte Churchill ist auf der Insel längst zu einem Streitpunkt zwischen rechts und links geworden.

“Für Briten ist Churchill heutzutage kein komplizierter Mann, er ist schlicht ein Symbol entweder für das komplett Gute oder das komplett Böse”, hat Historiker Foster beobachtet. Beide Betrachtungsweisen aber seien falsch. Churchill mag eine bedeutende Rolle beim Ende des Zweiten Weltkriegs gespielt haben – doch er sei auch ein Symbol für Gräueltaten wie die Hungersnot in Bengalen oder Gasangriffe auf Kurden in den Zwanzigerjahren.

“Churchill war durch und durch ein Rassist”, sagt auch Historiker Eckert. Dies sei seit Langem bekannt. Es spreche aber wenig dafür, jetzt sämtliche Statuen umstrittener Persönlichkeiten in den Fluss zu werfen, warnt Eckert. Die Menschen sollten jedoch wissen, wie sie mit der Vergangenheit umgehen – indem sie etwa an Denkmälern beide Seiten der Geschichte darstellten. “Wichtig ist, dass die Debatte weitergeht.”

Das könnte auch in anderen Ländern passieren. Die Briten haben den Sklavenhandel der Neuzeit zwar einst auf perfide Art perfektioniert – begonnen aber hatten zuvor andere damit, vor allem Spanier und Portugiesen. Auch Niederländer stiegen später in das Geschäft ein. Und wenn es um die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte geht, stünde früher oder später auch eine weitere Nation im Rampenlicht: Deutschland.

Von Michael Pohl/RND