Samstag , 19. September 2020
Protest plus Kunst: In St. Petersburg, Florida, haben Künstler aus der Region den Slogan "Black Lives Matter" auf die Straße gemalt, in allseitigem Einverständnis, vor dem Eingang zu einem Museum für afrikanische Kunst. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Das Virus treibt Schwarz und Weiß in den USA auseinander

Eine neue Umfrage zeigt: Auch emotional trifft die Corona-Pandemie schwarze Amerikaner mittlerweile viel stärker als Weiße. Jeder dritte Schwarze kannte persönlich jemanden, der an Covid-19 gestorben ist – bei Weißen gilt das nicht mal für jeden Zehnten. Dieser demoskopische Befund gibt dem Satz „Black Lives Matter“ eine ganz neue Dimension. Ein Kommentar von Matthias Koch

Seit Langem ist bekannt, dass Schwarze – rein epidemiologisch – stärker als Weiße vom Coronavirus betroffen sind. Erklärungen waren schnell gefunden: Sie wohnen auf engerem Raum, sie nutzen stärker öffentliche Verkehrsmittel, und sie haben oft einen sehr viel schlechteren Zugang zu medizinischen Einrichtungen.

Inzwischen hat das monatelange Infektionsgeschehen Schwarze und Weiße auch in emotionaler Hinsicht verblüffend tief getrennt. Eine Washington-Post/Ipsos-Umfrage, die am Freitagabend europäischer Zeit veröffentlicht wurde, zeigt:

31 Prozent der Schwarzen in den USA sagen, dass sie persönlich jemanden kannten, der an Covid-19 gestorben ist. Unter den befragten Weißen sagten das nur 9 Prozent.Pandemie wirft jahrzehntelange Anstrengungen zurück

Es geht hier nicht nur um irgendeine Abweichung in den Befindlichkeiten. Diese Zahlen deuten auf eine Art Erdbeben unter Tage, auf tektonische Verschiebungen in der Stimmungslage der USA hin. Die Epidemie wirft mit Wucht jahrzehntelange Anstrengungen zurück, Unterschiede im Lebensgefühl zwischen schwarzen und weißen Amerikanern abzubauen.

Die emotionale Spaltung übersetzt sich bereits in eine politische: Was den einen Angst macht, ist für die anderen halb so schlimm. 83 Prozent der Schwarzen sagen, in der Abwägung zwischen Virusabwehr und dem Wunsch, die Wirtschaft wieder hoch zu fahren, müsse der Gesundheitsschutz Vorrang haben. Unter den Weißen sieht das nur die Hälfte so.

Was den einen Angst macht, ist für die anderen halb so schlimm

Der Satz “Black Lives Matter” (Das Leben von Schwarzen zählt), geboren im Kampf gegen Polizeigewalt, bekommt vor diesem Hintergrund eine ganz neue, fast makabere Dimension – vier Monate vor der Präsidentschaftswahl am 3. November.

Hand aufs Herz: Was denken sich die Regierenden in Washington und in den Bundesstaaten, wenn sie trotz vielerorts steigender Infektionszahlen die Corona-Beschränkungen lockern? Kann es sein, dass der eine oder andere Weiße an den Hebeln der Macht sich klammheimlich denkt, das Virus gefährde ja zum Glück eher das Leben der anderen? Es sind Gedanken, die man niemandem unterstellen darf, die aber jetzt angesichts der neuen Zahlen dennoch in den Hinterköpfen vieler Menschen zu kreisen beginnen.

Amerika hat es schon schwer genug. Es wird regiert von einem Mann, der in seiner ganz eigenen Welt lebt; allen Ernstes empfahl Donald Trump diese Woche, weniger zu testen, irgendwie müsse man ja dem Anstieg der Infiziertenzahlen Herr werden.

Stimmt noch jemand ein in den Ruf “Yes, we can”?

Jetzt darf nicht noch eine alles lähmende Spaltung der gesamten Gesellschaft nach Hautfarben hinzukommen. Wenn die Leute zurückfallen in die Schwarz-Weiß-Betrachtungen voriger Jahrhunderte, steht alles auf dem Spiel, wofür Generationen guter und kluger Politiker gekämpft haben, von den Kennedys bis zu Obama. Dann wäre am Ende das bedroht, was die USA immer noch auszeichnet: der common sense der ganz normalen Bürger, weit weg von Washington.

Können die Amerikaner noch Gemeinsinn mobilisieren, eine Art Grass-Roots-Vernunft gegen den groben Unfug aus Washington setzen? Stimmt noch jemand ein in den Ruf “Yes, we can”? Oder hat die toxische Addition von Trump und Pandemie schon zu wirken begonnen? Auf eine Antwort auf diese Fragen wartet die ganze Welt.

Von Matthias Koch/RND